Nr. 33/2007 vom 16.08.2007

Alles ist Disneyland

Der deutsch-iranische Autor Navid Kermani wagt sich in die arktischen Gefühlskälten der zeitgenössischen Eventgesellschaft.

Von Johanna Lier

Dariusch erhält im spanischen Cadaquès eine SMS, als er im Strassencafé gerade auf seine Pasta mit Meeresfrüchten wartet und vom Sex mit einer am Nebentisch sitzenden Frau träumt: «Tut mir leid, es dir so zu sagen, kann jetzt aber nicht anders. Meine kollegin maike anfang ist gestorben, die mit uns noch whisky trinken war. Einfach so. Ich weiss gar nichts mehr. Liebe grüsse, korinna.»

Dariusch, ein Iraner der zweiten Generation, reist zurück nach Köln, um Korinna in der Trauer um Maike Anfang beizustehen. Niemand hat aber auf ihn gewartet, und so drängt er sich in das Leben und die Gefühle der Hinterbliebenen, wühlt detektivisch im Leben der Verstorbenen auf der Suche nach dem Besonderen, einem Sinn in diesem unspektakulären Sterben. Maike Anfangs Tod wird zum Beginn einer rastlosen Identitätssuche. Wenn ihr Tod ohne Grund war, kann es dann nicht auch sein Leben sein?

Dariusch ist ein erfolgreicher Eventveranstalter, der für Stadtfeste, Firmenfeiern und - das vorerst nur ein Traum - die Fussballweltmeisterschaft das kulturelle Konzept liefert. In dieser Rolle soll er mit Korinna und Maike die Abschiedsfeier eines Vorstandsmitglieds der Ford AG organisieren. Dass dabei durchaus auch Gäste à la Susan Sontag eingeladen werden könnten oder für eine Präsentation auch mal ein Zitat von Walter Benjamin herhalten dürfte, gehört zum Lebenseinerlei dieses Menschen, der zwischen skrupellosem Opportunismus und beissender Selbsterkenntnis durch seine Existenz schlittert. Nichts ist, wie es scheint, und der manisch laufende innere Monolog, durch den man einige Tage im Leben des Protagonisten miterlebt, entlarvt alles als Lüge.

Navid Kermani, der 1967 als Sohn iranischer Eltern in Siegen geborene Autor von «Kurzmitteilung», ist Islamwissenschafter. Seine Reportagen über islamische Regionen haben ihn zum wichtigen Vermittler zwischen Orient und Okzident gemacht. Man bekommt den Eindruck, als sei sein Protagonist Dariusch auch ein Medium für den Autor, um auszusprechen, was einer wirklich über Emigration, Rassismus und die Islamdebatte denkt. Da erhält man auch Einblick in eine differenzierte Gedankenwelt, in der Vorurteile und Indifferenz gegenüber der islamischen Welt geistreich auseinandergenommen werden.

Dariusch ist also einer, der ein durchaus widerständiges Innenleben pflegt. Doch das Leben, das er fristet, ist mittelmässig. Und auch die Menschen seiner Umgebung bewegen sich stereotyp im Drehbuch der Triebbefriedigung, was eine desaströse Beziehungslosigkeit an die Oberfläche spült. Das hippe Leben dieser wohlhabenden Kulturmenschen erscheint einem als trostloser Sumpf: Die Angestellten des Leichenschauhauses überspielen die abwesende Trauerkultur mit hilfloser, wenn auch durchaus warmherziger Professionalität; und bei Korinna, der Marketingspezialistin, verkommt deren Vergewaltigungstrauma flugs zum Joker im Balzritual.

Maike Anfangs Verschwinden macht auch den Verlust überlieferter Traditionen sichtbar, die einem Menschen in Krisen Regeln und Rituale vorschreiben. Da hilft es auch nicht, einem europäisierten Wellnesssufismus anzuhängen, in Mehrzweckhallen Yoga zu üben oder in sexueller Fixiertheit die körperlichen Eigenschaften jedes weiblichen Wesens zu testen. Alles ist Disneyland. Und schliesslich landet Dariusch sanft im Schoss einer Sekte, deren Führer, just jenes Vorstandsmitglied der Ford AG, im sonnendurchfluteten Zentrum im amerikanischen Arkansas unter der Bedingung absoluten Gehorsams Geborgenheit, Wohlstand und Anerkennung verspricht.

Der sexfixierte Egoist Dariusch, den man gerade wegen seines Skeptizismus zu mögen beginnt, mag sich zwar oberflächlich geben, aber einen solchen Selbstbetrug nimmt man ihm nicht ab. Doch vor allem die Geschichte über das vergebliche Ringen um Aufrichtigkeit und über den Missbrauch, den man in einsamster Selbstbezogenheit an seinen Nächsten begeht, macht das Buch lesenswert: ein virtuos verdichteter Monolog voller Ironie, Wortwitz und Boshaftigkeit, der jede noch so schmutzige Wäsche zu zeigen bereit ist, aber auch nicht mit der unschuldig geäusserten Sehnsucht nach «echter» Liebe spart.

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