Nr. 34/2007 vom 23.08.2007

Doch das ist nicht die ganze Wahrheit

An jenem Wochenende im Juni 1978, als Argentinien Fussballweltmeister wurde, spielt der neue spannende Roman von Antonio Dal Masetto. Es war die Zeit der Militärdiktatur, und zu Dal Masettos Buch gibt es einiges zu ergänzen.

Von Erich Hackl

Die Calle Paraguay beginnt an der Avenida Madero, in jenem Teil der Innenstadt von Buenos Aires, der El Bajo genannt wird, weil er zum Río de la Plata hin abfällt, und führt zuerst pfeilgerade, dann in einem sanften Bogen nach Westen, wo sie nach drei Kilometern in die Sánchez de Bustamante mündet. Tagsüber ist der Bajo von geschäftigem Treiben erfüllt, Busse, Taxis und Lieferwagen rattern durch die Einbahnstrassen, die von russgeschwärzten Fassaden und blitzenden Bürofenstern gesäumt sind. Nachts aber und an den Wochenenden wirkt die Gegend wie ausgestorben, vom Hafen - wo jetzt ein schicker Konsumtempel steht - kommen keine Matrosen und Schauerleute mehr herüber, auch nicht manch «zwielichtiges Volk», dem das Messer locker sitzt. Trotzdem sind die Mieten hier, gemessen an der zentralen Lage, nicht allzu teuer.

Der Bajo ist kein Quartier für betuchte Leute, eher für alternde Junggesellen, Künstlerinnen, Redakteure, denen der Erfolg versagt geblieben ist oder die auf Erfolg nichts geben.

Verwüstungen der Diktatur

Das war schon damals so, 1978, im Jahr der Fussballweltmeisterschaft, mit der die argentinische Militärjunta die Weltöffentlichkeit besänftigen und die eigene Bevölkerung für sich gewinnen wollte. Antonio Dal Masetto hat seinen Roman über einen Journalisten namens Pablo, der in der Calle Paraguay, Ecke Reconquista wohnt, auf das letzte Wochenende des Turniers gelegt: auf Samstag, den 24. Juni, an dem Brasilien und Italien um den dritten Platz spielten, und auf den Sonntag mit dem Finale zwischen der holländischen Nationalmannschaft und den Gastgebern.

Pablo ist Anfang oder Mitte dreissig und verfasst Stimmungsberichte über den Alltag während des grossen sportlichen Ereignisses. Nichts, was ihm gefährlich werden könnte. Selbst die Erzählung, an der er nebenher schreibt, spart gesellschaftliche Bezüge aus.

Aber da sind plötzlich Männer unten auf der Strasse, die sein Wohnhaus beschatten. Zuerst will er sie nicht wahrhaben, dann wächst das Gefühl der Bedrohung. Die Telefonleitung ist tot, nach ein paar Stunden fällt auch der elektrische Strom aus. In sparsamen, kargen Sätzen werden die Verwüstungen der Diktatur sichtbar. Wer eben noch dem Liebespartner, zwei alten Freunden trauen konnte, ist ein paar Stunden später auf sich allein gestellt.

Er weiss nicht mehr, was wirklich ist, was er sich bloss einbildet. Den LeserInnen, die vom Autor aufs Höchste gespannt werden, ergeht es nicht anders. Im Romanfinale gibt es kein 3:1 nach Verlängerung wie im Stadion von River Plate, nur aufkommende Panik, überhastete Flucht, einen verlassenen Bahnsteig draussen in der Provinz, das Bellen von Hunden.

Antonio Dal Masetto ist 1938 in Intra geboren, auf der italienischen Seite des Lago Maggiore. Als er zwölf war, wanderten seine Eltern mit ihm nach Südamerika aus. Er war Maurer, Anstreicher, Eisverkäufer, Vertreter von Haushaltsartikeln, Bürodiener und Journalist in Salta, Buenos Aires und Patagonien. Seit 1981 lebt er als freier Schriftsteller in der argentinischen Hauptstadt. Sein grosses Thema ist die Zerrissenheit des Immigranten, dessen Sehnsucht nach dem Land der Herkunft sich mit dem Bedürfnis paart, im Gastland heimisch zu sein. Darüber hat er zwei Bücher geschrieben, in denen eine alte Frau zur Reise in das italienische Dorf ihrer Kindheit aufbricht («Oscuramente fuerte es la vida», «La tierra incomparable»). Berühmt gemacht haben ihn jedoch seine schonungslos bitteren, zugleich rasanten Romane über die Folgen eines Banküberfalls in einer Ortschaft irgendwo in der Pampa, die vergangenes Jahr unter den Titeln «Noch eine Nacht» und «Blut und Spiele» auf Deutsch erschienen sind. Im Grunde geht es in ihnen ebenfalls um die prägende Erfahrung des Fremdseins.

Auch der jetzt vorliegende Roman «Unten sind ein paar Typen» zeigt, wie brüchig das Vertraute ist. Allerdings hält Dal Masetto nichts davon, Fremdheit zum bestimmenden Wesenszug des modernen Menschen schlechthin zu erheben; dafür ist er zu genau, zu politisch. Trotzdem, glaube ich, unterschlägt sein Roman einen Teil der Wahrheit über den Endspieltag in Bue-nos Aires.

Graciela Daleos Tag

Als er bereits auf der Flucht vor seinen reellen oder vermeintlichen Häschern ist, gerät Pablo in die Massen, die Argentiniens Sieg feiern. In Sekunden füllen sich die Strassen mit fahnenschwenkenden, jubelnden, vor Begeisterung tobenden Menschen. Dal Masetto nimmt den Trubel, durch die Augen des Gehetzten, als einen Moment grösster Einsamkeit wahr. Er achtet auf die Details, lässt Pablo neben jungen Leuten hergehen, die auf einem Lastwagen unentwegt tanzen und singen. Einer von ihnen rutscht unbemerkt vom Dach der Fahrerkabine und wird überrollt. Seine Freunde betten ihn auf die Ladefläche und versuchen, ernüchtert jetzt, aus dem Gewühl rauszukommen, ins nächste Krankenhaus. Aber der Lkw steckt fest.

Vorstellbar, dass der Autor seinen Helden in die breite Avenida Libertador geschickt hätte, wo der Verkehr noch nicht zum Erliegen gekommen war. Dort wäre ihm ein Konvoi hupender Autos aufgefallen, die viel zu schnell unterwegs waren. Die Männer am Steuer, auf dem Beifahrersitz und aussen auf den Rücksitzen hätten ihn an die Typen vor seinem Haus erinnert. Nur die Frau im zweiten oder dritten Wagen, die Kopf und Schultern durch das Schiebedach zwängte, hätte nicht ins Bild gepasst. Ihr trauriges Gesicht. Weinte sie, oder trieb ihr bloss der Fahrtwind Tränen in die Augen?

Sie hiess Graciela Daleo, und ihre Erinnerung an den Sonntagabend ist die halbe Wahrheit, die dem Roman abgeht: Graciela war als oppositionelle Montonera, Linksperonistin also, in der U-Bahn-Station Acoyte festgenommen und in die Mechanikerschule der Kriegsmarine gebracht worden. Dort wurde sie tagelang gefoltert, dann zu Büroarbeiten zugunsten des Konteradmirals Massera herangezogen, wofür sie sich jeden Morgen schminken und die Lippen anstreichen musste. Sie wusste, dass in den Verliesen nebenan andere Gefangene ertränkt, erschlagen, durch Stromschläge liquidiert, mit unbekanntem Ziel abgeholt wurden. Sie wusste nicht, wann es sie treffen würde.

Am 25. Juni, kurz nach dem Schlusspfiff um halb sechs Uhr nachmittags, beschlossen ihre Bewacher, sie zur Feier des Tages in ein Restaurant auszuführen. Der Sieg Argentiniens hatte sie milde gestimmt, Opfer und Täter im Augenblick des nationalen Triumphs vereint, und tatsächlich weinte Graciela während der Fahrt, aus Ohnmacht, aus Verzweiflung über den Jubel ringsum, aus Ekel über sich selbst, mitzumachen, mitzufeiern. Deshalb war sie von ihrem Sitz aufgestanden und hatte den Kopf durch das Schiebedach gesteckt, um wenigstens für ein paar Sekunden inmitten des Trubels allein zu sein.

Im Restaurant liess sie sich nichts anmerken. Einmal bat sie um Erlaubnis, die Toilette aufsuchen zu dürfen. Dort zog sie ihren Lippenstift aus der Tasche und schrieb damit an die Wand: «Die Militärs sind Mörder. Massera Mörder. Viva Perón. Vivan los Montoneros.»

Dann geriet sie in Panik. Was, wenn jemand die Schmiererei entdeckte und Alarm schlug? Man würde schnell herausfinden, wer das geschrieben hatte. Sie wusste nicht, wie sie ungesehen den Lippenstift loswerden konnte. Warum hab ich ihn nicht gleich weggeworfen? Die Zeit verstrich quälend langsam.

Sie atmete auf, als sie endlich aufbrachen, aus dem Restaurant, der Zivilisation zurück in die Hölle.

Die Tore von Kempes und Krankl

Damals gab es ausser der argentinischen Nationalelf noch einen zweiten Gewinner: Österreich, das in einem Achtelfinalspiel in Córdoba die westdeutsche Auswahl besiegt hatte. Hier wie dort machte der sportliche Überschwang blind gegenüber dem eigentlichen Leben, dämpft die Erinnerung an die Tore von Kempes und Krankl auch heute noch das beunruhigende Wissen um «ein paar Typen» unten auf der Strasse.

Ganz in der Nähe des Hauses, in dem Dal Masetto seinen Protagonisten zur Miete wohnen lässt, aus Wohnungen in den Strassen Esmeralda und Viamonte, wurden ein paar Monate vor der Weltmeisterschaft zwei Männer entführt und mit Sicherheit ermordet, auch wenn ihre sterblichen Überreste nie gefunden worden sind. Sie hiessen Tommy Kornfeld und Enrique Raab und waren die Kinder von jüdischen ÖsterreicherInnen, die 1938 aus Wien vertrieben wurden. Kornfeld war ein junger begabter Maler, Raab, der noch in Wien geboren wurde, einer der besten Journalisten Argentiniens. Seine Mutter, seine Freunde hatten ihn nach dem Staatsstreich der Militärs, im März 1976, bestürmt, ins Exil zu gehen. Er hatte es unter Hinweis auf sein Alter abgelehnt: Er würde in einem andern Land ein Fremder bleiben. Und er befürchte, nach der Rückkehr, nach dem Fall der Diktatur sich auch in Argentinien nicht mehr zurechtzufinden. Kornfelds Spur verliert sich ab dem Zeitpunkt seiner Entführung. Raab wurde, Graciela Daleo zufolge, von Mitgefangenen in der Mechanikerschule der Marine gesehen. Anzunehmen, dass man ihn nach einigen Tagen, mit Penthotal betäubt, in ein Flugzeug verfrachtet und über dem Südatlantik abgeworfen hat.

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