Nr. 38/2007 vom 20.09.2007

Dazwischen gibt es nichts

Raul Zelik gelingt es ausgezeichnet, den «baskischen Konflikt» darzustellen, meint Dorothea Wuhrer.

von Dorothea Wuhrer

Verklärung des baskischen Militarismus oder kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte? Ralf Zeliks Roman über die baskische Untergrundorganisation Eta spaltet das deutschsprachige Feuilleton. Auch die Meinungen der WOZ-AutorInnen Dorothee Wuhrer und Andreas Fanizadeh gehen auseinander

In seinem neuen Roman erzählt Raul Zelik die Geschichte von Alex, einem Berliner Wissenschaftler, der nach Bilbao reist, um an einem Forschungsprojekt über europäische Identität zu arbeiten. Vor zwanzig Jahren hat er hier den Basken Zubieta kennengelernt, der damals ein jugendlicher Linker war, 1985 aber dem inhaftierten Schriftsteller Joseba Sarrionandia bei dessen Ausbruch aus dem Gefängnis hilft und dann selbst Eta-Mitglied wird. Inzwischen ist Zubieta Führungsmitglied der bewaffneten Organisation, und Alex bietet ihm seine Hilfe zur Flucht von Frankreich über Spanien nach Afrika an.

Raul Zelik mischt in seinem Roman Fiktives und Reales. Real sind diverse Nebenfiguren (Sarrionandia, Bernardo Atxaga, Ruper Ordorika), die Beschreibung des Baskenlands und Bilbaos (das im Roman nur X genannt wird), die Geschichte Sarrionandias, das Protokoll eines Folteropfers, der Auszug aus einem in einer Zeitschrift veröffentlichten Interview mit dem baskischen Schriftsteller Bernardo Atxaga, Ausschnitte aus Sarrionandias Roman «Lagun izoztua» sowie das quasi als Einleitung gedruckte Lied «Lagun erratuena» von Ruper Ordorika. Darüber hinaus stellt der Icherzähler Alex unter anderem Überlegungen zu Walter Benjamins «Zur Kritik der Gewalt» und Carl Schmitts «Dezisionismus» an.

Fiktiv hingegen sind der deutsche Professor Haberkamm, auch wenn er eine Anspielung auf Jürgen Habermas sein könnte, und der spanische Professor Salvatore, der möglicherweise Fernando Savater darstellt, ein bekannter Professor für Ethik und Soziologie sowie Mitbegründer der inzwischen rechtskonservativen Gruppe Basta Ya!, die vor zehn Jahren entstand, nachdem die Eta den jungen Stadtrat Miguel Angel Blanco von der rechtskonservativen Volkspartei (PP) entführt und erschossen hatte. Heute geht es der Gruppe in erster Linie darum, einen Dialog zwischen Regierung und Eta zu verhindern. Dazu gehört die Veranstaltung diverser Demonstrationen in Madrid gegen die sozialdemokratische Regierung von Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero, die im Roman ebenfalls angesprochen werden. Letzte Woche hat Savater mit einer Dissidentin der sozialdemokratischen PSOE die neue Partei UPD (Einheit, Progress und Demokratie) gegründet, die sich auf den Kampf gegen die Eta konzentriert.

Fiktiv ist ausserdem die Rahmengeschichte. Die Fahrt durch Spanien wird für Alex zu einem Horrortrip und dient Zelik dazu, die Bedenken anzusprechen, die die Mehrzahl der Linken im Baskenland und in Europa haben, wenn es um den bewaffneten Kampf der Eta im Speziellen und den baskischen Nationalismus im Allgemeinen geht. Grundsätzlich sind Alex' Sympathien klar - allein aufgrund der Unterdrückung alles Baskischen während der franquistischen Diktatur und der Unabhängigkeitsbewegung nach 1975, wegen der Folterpraktiken der spanischen Polizei (die jedes Jahr im Amnesty-International-Bericht angeklagt wird) und der Verbote legaler Gruppen und Zeitungen in den letzten Jahren. Aber - kann man die bewaffneten Aktionen heute noch verteidigen? Ergibt es Sinn, im 21. Jahrhundert und in Europa für ein unabhängiges Baskenland zu kämpfen, gar zu töten? Darum geht es in «Der bewaffnete Freund», das ist die Diskussion, die Alex während seines Aufenthalts in Spanien mit seinem Berliner Freund Rabbee und VertreterInnen beider Parteien des sogenannten «baskischen Konflikts» führt.

Keine Terrorismusrechtfertigung

Dabei fällt es Alex schwer, Rabbee zu erklären, warum er den Kampf der baskischen Organisation nach wie vor verstehen kann, zumal für Rabbee die Eta und radikale Islamisten dasselbe sind. Weniger Probleme hat der Deutsche hingegen, im Gespräch mit Eta-AktivistInnen den bewaffneten Kampf abzulehnen oder ins Lächerliche zu ziehen.

Mindestens ebenso interessant ist die Darstellung der scheinbaren Nebensächlichkeiten, des Alltags im Baskenland. Es ist offensichtlich, dass Zelik die Region, deren Menschen und ihr Problem mit dem «baskischen Konflikt» bestens kennt. Dazu gehört die Unmöglichkeit, über Politik zu reden, während diese gleichzeitig alles bestimmt, selbst Stadtfeste. So gehören beispielsweise in der Semana Grande von Bilbao die Zelte und Feststände nicht wie anderswo grossen Getränkekonzernen, sondern politischen Initiativen, die der Eta nahestehen. Auch die baskische Sprache, das Euskera, kann sich nicht der Politisierung entziehen, sondern wird von beiden Konfliktparteien instrumentalisiert. Wer Baskisch spricht, ist Eta-Sympathisant, wer Spanisch spricht, gehört der Gegengruppe an. Das war unter Franco so und ist auch heute, dreissig Jahre später, nicht viel anders.

Der Icherzähler würde gern mit seinem deutschen und dem spanischen Professor über das Thema «bewaffneter Kampf» sprechen, weiss aber, dass das im Baskenland und in Spanien nicht möglich ist. Entweder man ist für oder gegen die Eta. Dazwischen gibt es nichts. Zelik lässt Alex sagen: «Ich will mit Sicherheit nicht den Terrorismus rechtfertigen.» Diese Sätze muss man sagen, wenn man gehört werden will. Erst sie stellen Diskursfähigkeit her. Oder: «Zwischen mir und den beiden Professoren hat sich längst jenes Unverständnis breitgemacht, das für das Leben in X so charakteristisch ist. (...) Aneinander vorbeizureden, ist die einzige Zweisprachigkeit, die hier wirklich praktiziert wird.»

Vielleicht werden die kurzen Ausflüge in die Situation der Boatpeople in Südspanien oder in die der Landlosenbewegung Brasiliens der Problematik nicht gerecht, aber darum geht es in «Der bewaffnete Freund» nicht (auch wenn Andreas Fanizadeh da offensichtlich anderer Meinung ist, vgl. unten stehenden Text). Zelik will den Konflikt zwischen dem spanischen Staat und der Eta darstellen - aus der Sicht eines eher unsicheren Sympathisanten der baskischen Unabhängigkeitsbewegung. Und das gelingt ihm hervorragend.

«Der bewaffnete Freund» II

Nebel über der Biskaya

Raul Zeliks Roman verklärt den baskischen Militarismus, meint Andreas Fanizadeh.

Raul Zelik hat ein Faible für die harten politischen Stoffe. In Sachbüchern beschäftigte er sich mit dem Guerillakampf in Kolumbien oder dem Aufstieg von Hugo Chávez in Venezuela. Seine Romane siedeln im Berliner Antifa-Milieu oder der dortigen illegalen Arbeitermigration. Nun folgt mit «Der bewaffnete Freund» die erzählerische Bearbeitung des bewaffneten Kampfs im Baskenland. Der Autor lässt einen deutschen Wissenschaftler mit einem Forschungsauftrag nach X, der früheren baskischen Industriemetropole an der Atlantikküste, reisen. Der Deutsche wird dort nach zwanzig Jahren wieder in Kontakt mit einem früheren Freund treten, der ein führender Kopf der Eta sein soll. Alte Freundschaft rostet nicht: Der Deutsche fährt mit ihm durchs Land, und sie reden über vergangene Zeiten und jetzige Kämpfe.

Der Reporter aus Berlin-Kreuzberg

Zelik hat sich häufig in Spanien, im Baskenland und in Südamerika aufgehalten. Die Eindrücke von diesen Reisen bilden das atmosphärische Beschreibungsgerüst für den Roman. Es sind kleine naturalistisch anmutende Beobachtungen, die sich mit touristisch-soziologischen Metakommentaren abwechseln - die Küste vor Tarifa, die illegale Migration aus Nordafrika, die Hubschrauber der Polizei, das spanische Zwangssystem. Assoziationsketten und literarische Konstruktion sind relativ homogen, aus der Zentralperspektive des deutschen Reisenden erfolgen Einordnungen und Bewertungen der Geschehnisse.

Dabei entwirft Zelik eine an sich und der Welt zweifelnde Hauptfigur, die im Fall des baskisch-spanischen Konflikts aber durchaus deutlich Partei ergreifen kann. Die Erzählung stellt der auch nach dem Ende des Franco-Regimes weiterfolternden spanischen Zentralmacht eine bäuerlich-proletarische baskische Bewegung entgegen, «linksradikal» und freiheitsliebend. Der Reisende aus Berlin-Kreuzberg bekommt viel Platz zum Monologisieren. Andere Romanfiguren hingegen treten auf und ab und sind literarisch kaum konturiert.

Das Nebenpersonal wirft ab und an eine kritisch klingende Anmerkung ein wie: Mensch, klingst du heute wieder mal geschichtspessimistisch. Zeliks misanthroper Held wird dennoch weiter und hauptsächlich seine Linien ziehen, von der Kontinuität der Diktatur zur Demokratie, von spanischen Fernfahrern zu Landpuffs und zur EU-Aussengrenze. Dazwischen Rückblenden aufs Kreuzberger Szeneleben. Die Reflexivität des Autors scheint eine angetäuschte, vorab geht es hier wohl eher um die Immunisierung vor Kritik.

Denn so viel ist in Zeliks Roman bald klar: Die Kritiker der Eta sind Weisswein schlürfende Fettsäcke, die sich mit Leibwächtern umgeben, wie sie genau so den Folterkellern des Diktators Franco entsprungen sein könnten. Der Logik des Romans folgend, sind die schlimmsten Abtrünnigen (nach den 68er-LehrerInnen) liberale Professoren sowie JournalistInnen von Zeitungen wie «El País». Diese würden unisono parastaatliche Tötungen an Eta-Leuten rechtfertigen und werden als rassistische Parteigänger George Bushs im Waffengang gegen den Irak dargestellt. Was nicht ins Bild passt, wird wegretouchiert. Ob die sozialdemokratische Regierung Zapateros nach ihrem Wahlsieg 2004 eine Kampagne zur Legalisierung Hunderttausender ArbeitsmigrantInnen schuf, egal. Spanier sind Rassisten. Ebenso die Verurteilung spanischer Sicherheitsbeamter wegen begangener Verbrechen im Anti-Eta-Kampf, es zählt nicht. «Der bewaffnete Freund» betont hingegen «die autoritäre Gewalt des Normalzustands» und betreibt darüber Aktualisierung und Monsterisierung spanischer Staatsverbrechen. Im Gegenzug wird so der Autobomben- und Kopfschussterror baskischer SupernationalistInnen relativiert.

Es ist enttäuschend, dass ein sich kritisch verstehender Geist wie Raul Zelik Demokratietheoretiker wie Jürgen Habermas literarisch veralbert, anstatt deren Gedanken ernst zu nehmen. Im Roman geistert die Frankfurter Berühmtheit als weltfremder Professorenclown Haberkamm durch die Gassen baskischer Städte. Als Europa-Illusionist ist er befreundet mit dem sozialdemokratischen Eta-Hasser und «Rassistenprofessor» Salvatore. Dabei scheinen gerade die demokratietheoretische Ignoranz und die Geringschätzung humanistischer Moral auch verantwortlich für die vielen Irrtümer der Eta. Wie sonst kann die baskische Untergrundgruppe bis heute den Übergang von der Diktatur zur Demokratie in Spanien weitgehend ignorieren?

Die Fortsetzung des bewaffneten Kampfs lässt sich aus der Romanperspektive locker mit der ausbleibenden Amnestie für die Eta-KämpferInnen nach der Diktatur und alttestamentarisch durch die begangenen Verbrechen der Staatsseite rechtfertigen. Dies versucht der durch seine deutsche Hauptfigur sprechende Romanautor permanent glauben zu machen. Anderes auch: «Mir fällt eine Fernsehreportage ein, die ich einige Tage zuvor im Fernsehen gesehen habe. Sie berichtete von den argentinischen Müttern der Plaza de Mayo, den Verwandten der Verschwundenen, die einst den Friedensnobelpreis erhalten haben. Dass Vertreterinnen der argentinischen Mütter regelmässig nach Europa kommen, um sich mit Angehörigen in der Region X zu solidarisieren, wurde in der Reportage nicht erwähnt. Auch nicht, dass die Verschwundenen in Argentinien einst aus dem gleichen Grund verfolgt worden sind wie Zubieta und seine Leute: als Terroristen.» Eine winzige Kleinigkeit ist dem Schriftsteller entgangen: Im Gegensatz zur baskischen Eta verbuddelte die argentinische Linke nach Ende der Militärdiktatur ihre Waffen und agiert seither strikt im demokratischen Rahmen. Wenn schon, dann wären sie also ein erwähnenswertes Gegenbeispiel zur sektiererischen Eta-Ideologie.

Rätselhaft sind auch die Bezüge Zeliks auf die baskische Sprachtradition und den deutschen Popjournalismus. Die baskische Sprache ist längst erlaubt und die von ihm Zitierten Dietmar Dath, Thomas Meinecke oder Diedrich Diederichsen in Deutschland anerkannte Popgrössen. Aber was soll Popdenken, das nicht zuletzt auf Mehrdeutigkeit und Antiessentialismus beruht, mit den Identitätskonzepten des völkisch-baskischen Antiimperialismus verbinden? Etwa das: «Namenlose Freunde, die aus Liebe so viel gegeben haben. Die ohne Vorteil so viel aufgegeben haben. Was verändert sich, die Welt oder man selbst, der Verstand oder die Begierde? Fühlen sie sich abends schuldig oder nicht? Ich würde gerne in dem Riss der Jahre ihrem Leben nachspüren. Ihrem stillen Leben, dem der herumirrenden Freunde, ihrem einzigen Leben?»

Mit solchen von Ruper Ordorika geborgten Zeilen eröffnet «Der bewaffnete Freund». Nichts gegen Kitsch, aber das ist nicht Pop- sondern Agitpropliteratur. So bringt «Der bewaffnete Freund» wenig Erkenntnis darüber, mit welcher Legitimität die Eta ihren bewaffneten Kampf einst führte und bis heute fortsetzt. Oder was dazu führen könnte, dass sie ihn bald einmal einstellt.

Andreas Fanizadeh

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