Nr. 38/2007 vom 20.09.2007

Lebensliebe

Rezensiert von Johanna Lier

Das schön gestaltete Gedichtbändchen «Trilogia nuova antica - Trilogie neu antik» von Gerhard Kofler ist auch ein Nachruf auf den 2005 in Wien verstorbenen Dichter. Im Vorwort beschreibt Hannelore Kofler die letzten Tage mit ihrem an Krebs erkrankten Mann, wie sie zusammen an seinem Buch arbeiteten, obwohl Gerhard Kofler sich nicht länger als eine Stunde auf die Arbeit zu konzentrieren vermochte und zum Schluss kaum noch des Sprechens fähig war. Diese intensiven Stunden, die Krankheit und Bedrohung für kurze Zeit auszublenden gestatteten, dehnten sich bis in den Tod. Noch am Vormittag des 1. Novembers 2005, dem Tag, bevor Gerhard Kofler starb, diktierte er Hannelore Kofler die letzten Verbesserungen.

Sein Wunsch, den Gedichtband fertigzustellen, ging in Erfüllung. Der Dichter, der sich zeitlebens in zwei geografischen und sprachlichen Welten, der deutschen und der italienischen, bewegt hat, hinterlässt in seinem letzten Buch drei Gedichtzyklen mit den Titeln «Neuer, antiker Beginn», «Friedensversuche und Verträge» und «Lebensliebe». Im ersten Zyklus befinden sich Momentaufnahmen, die gegenwärtige Beobachtungen mit Gedanken über die lokale Geschichte, das Altern der Menschen und Erinnerungen an die eigene Jugend enthalten. Schlichte Verse, die an ein Haiku erinnern. Und in Übereinstimmung mit der Form weist Gerhard Kofler immer wieder auf die Kleinheit und Machtlosigkeit der Menschen hin; ironische, wortwitzige Sprachperlen. Im zweiten Zyklus findet eine Auseinandersetzung mit dem Krieg statt. Politische Betrachtungen verbinden sich mit der Reflexion privater Beziehungen, und Gerhard Kofler befragt nochmals sich selbst: «ich versuchte zu leben ohne krieg zu führen / nicht gegen andere doch auch gegen mich nicht / unter all den St. Valentinsmassakern / ging ich naiv mit dem blick zum meer hin / blume am wasser süsse im salz'gen / sank ich in die wurzeln und schwebte oben / um das meer wieder zu bringen zum singen für die erde / versuchte ich zu lieben ohne krieg zu führen.» Ein schönes Vermächtnis. Und es lohnt sich, die anderen auch zu lesen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch