Nr. 38/2007 vom 20.09.2007

Korruption, Intrigen, Sex

Über Klassenverhältnisse und Sextourismus in Lateinamerika lässt sich unterschiedlich schreiben. Kettly Mars aus Haiti tut dies unsentimental, freimütig und ohne Vorurteile.

Von Margrit Klingler-Clavijo

«Ich heisse Jean-François Eric L'Hermitte, Beruf: Gigolo. Meine Freunde und meine Geliebten nennen mich Rico. Jean-François Eric L'Hermitte, ein Name mit bürgerlichem Anklang, stets willkommen in den gehobenen Kreisen oben in der Stadt (...) und in den schmutzigen Kreisen der Peripherie, wo mein Familienname Respekt einflösst.» So beschreibt sich der Protagonist des 2005 erschienenen Romans «L'Heure hybride» von Kettly Mars. Der 2006 mit dem Prix Senghor de la Création littéraire ausgezeichnete Roman spielt im Haiti der achtziger Jahre, in Port-au-Prince, als sich das Ende der Diktatur von Jean-Claude Duvalier (1971 - 1986) abzuzeichnen beginnt.

Prostitution als letzter Ausweg

Rico verkörpert das Zwiespältige und Zwielichtige: Er ist weder bettelarm noch steinreich, als Mulatte zwischen Weiss und Schwarz angesiedelt, ohne ausgeprägte sexuelle Vorlieben, eigentlich heterosexuell, bis er seine homosexuellen Neigungen entdeckt und auslebt. Rico ist ein Nachtschwärmer, ein Beau, der weiss, dass er in einem Land wie Haiti abgesehen von der Vermarktung seines Körpers keine Chance hat. Sein wohlklingender bürgerlicher Name muss herhalten für die Wahrung des schönen Scheins und die Vortäuschung eines nicht vorhandenen Wohlstands. Ins Ausland zu gehen, in die USA, nach Kanada oder Frankreich, wie das all jene HaitianerInnen tun, die Armut und Gewalt leid sind, kommt ihm nicht in den Sinn. «Ich bin zu faul, um mich in der Fabrik bei den Weissen abzurackern, nicht qualifiziert genug, um als Beamter zu arbeiten, und zu schön, um mich zu Schleuderpreisen in diesen Metropolen der systematischen Konkurrenz zu verkaufen», gesteht er sich an einem Spätnachmittag ein, als er wie üblich auf dem Bett liegt, über sein Leben in Haiti sinniert, während von draussen über ein Transistorradio die Nachrichten zu ihm ins Zimmer dringen: Korruption, Intrigen, Gewalt. Auf die macht er sich seinen eigenen Reim, weiss er doch, dass die Medien zensiert und kritische JournalistInnen ermordet werden.

An etlichen Spätnachmittagen auf dem Bett in einer Pension für alleinstehende Männer hält der vierzigjährige Rico, der einzige Sohn einer früh verstorbenen Prostituierten, Rückschau auf sein Leben als Gigolo und vergegenwärtigt sich peu à peu das Beziehungsgeflecht aus Macht und Sex, durch das er sich zu lavieren pflegt. Liebe? Nur für seine Mutter, mit der er in einer engen symbiotischen Beziehung lebte; ansonsten geht er seiner Arbeit nach, hauptsächlich bei den älteren Damen der Bourgeoisie; zwischendurch vergnügt er, der nichts von einer festen Beziehung oder einer Familie hält, sich mit einsamen Partygirls, einer tüchtigen Marktfrau, einer erfolgreichen Geschäftsfrau und nach anfänglichen Vorbehalten auch mit einem Mann.

Nord-Süd-Erotik

Rico hat eine Vorliebe für ältere, gut situierte Damen wie die schüchterne Elise. Sie blüht regelrecht auf, fühlt sich gelegentlich wieder so jung wie mit zwanzig, was Rico nur allzu gern bestätigt. «Das Fleisch hat kein Alter, ich, Rico L'Hermitte, sage das.»

Kettly Mars ist nicht die Einzige, die das Liebesleben reifer Frauen aus den Industrienationen literarisch behandelt. Um den sextouristischen Aspekt des Phänomens geht es zum Beispiel auch im Erzählband «La Chair du Maître» (1997) des in Kanada lebenden haitianischen Schriftstellers Dany Laferrière, dessen überarbeitete Version 2006 unter dem Titel «Vers le Sud» von Laurent Cantet verfilmt wurde.

Der Film spielt, wie auch Kettly Mars' «L'Heure hybride», Anfang der achtziger Jahre, und zwar in dem Ferienparadies Petite Anse unweit von Port-au-Prince. Ellen (im Film von Charlotte Rampling verkörpert), Sue und Brenda, drei Frauen aus England und den USA, sind völlig hingerissen vom Charme junger, schwarzer Schönlinge, allen voran von Legba, der es Ellen und Brenda angetan hat. Der Film spielt weitgehend in dem Tourismusresort und lotet die erotischen Nord-Süd-Beziehungen aus: junge, schöne Schwarze mit ökonomischen Defiziten und wohlhabende ältere Frauen mit erotischen Defiziten. Der Alltag der Karibikinsel wird zum Beispiel gestreift, wenn Legba die Hütte seiner Mutter aufsucht und ihr ein bisschen von dem Geld abgibt, das ihm die Touristinnen für seine Liebesdienste zugesteckt haben. Erst am Ende des Films erreicht die Gewalt mit Legbas Ermordung auch das Ferienhotel am Strand.

Mars kommt in ihrem Buch ganz ohne den moralisch erhobenen Zeigefinger aus. Da sie die Frauen aus der Perspektive eines Gigolos beschreibt, kann sie auf die üblichen Rollenklischees - Ehefrau, Geliebte, Prostituierte - verzichten und freimütig, sinnlich, humorvoll und ohne Vorurteile schreiben, sogar über Ricos Angst vor Alter und Tod. Und was er über seine Mutter sagt - «Im Grunde genommen habe ich von ihr diese völlig wilde und einsame Seite. Ich dulde keine Leine an meinem Hals, selbst wenn sie aus Gold gedreht wäre» - , ist ohne weiteres auf die Literatur von Kettly Mars übertragbar: Sie schreibt nicht, um zu gefallen, sondern um sich und eine Gesellschaft zu betrachten, in der Bluff und Ambivalenz Überlebensstrategien sind.

«L'Heure hybride» ist die Stunde kurz vor Tagesanbruch, wenn die Nachtschwärmer nach Hause torkeln und in Port-au-Prince Ruhe herrscht. «L'Heure hybride» steht jedoch auch für Lebensangst und den Aufbruch in eine neue Gesellschaft, deren Konturen noch so nebulös wie der anbrechende Tag sind.

Haitianische Schriftstellerinnen schreiben häufig andernorts: Marie Céline Agnant in Montreal, Edwige Danticat in Miami. Kettly Mars bleibt in Haiti, da sie mit ihren Gedichten, Erzählungen und Romanen vor Ort etwas bewegen möchte. «L'Heure hybride» kommt ohne sexuelle Prahlerei aus, ohne langatmige Beschreibungen erotischer Praktiken.

Darin unterscheidet sich dieser Roman wohltuend von den brasilianischen Bestsellern über die Vermarktung weiblicher Sexualität wie Paulo Coelhos «Elf Minuten» oder «Das süsse Gift des Skorpions», die Lebensbeichte einer ehemaligen Hure aus Rio, die mit siebzehn Jahren das bürgerliche Elternhaus verlassen hat und direkt in der Prostitution gelandet ist.

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