Nr. 38/2007 vom 20.09.2007

Auf gepackten Koffern

Von den EmigrantInnen, die nach 1945 nach Deutschland oder Österreich zurückkehrten, waren nur jene willkommen, die über die Vergangenheit schwiegen. Das wirkt nach bis heute, wie Neuerscheinungen zum Thema zeigen.

von Eva Pfister

Dass die Dichterin Mascha Kaléko am 21. Januar 1975 in Zürich starb, war Zufall. Sie lebte eigentlich in Jerusalem, irrte aber meistens unglücklich durch Europa. Nach Berlin, wo sie einst so erfolgreich war, wollte sie nicht zurückkehren. 1956 kam sie von ihrem New Yorker Exil erstmals wieder nach Deutschland und erlebte es mit zwiespältigen Gefühlen: «Ich ziehe wie in einem Traum / Durch dieser Landschaft Zeit und Raum», heisst es in ihrem Gedicht «Unausgeschlafen gen Stuttgart» vom Eindruck einer Bahnfahrt, und: «Den Wiesen, Wäldern und den Reben / Brauch ich zum Glück nichts zu 'vergeben' ...»

Durch ihren Besuch wurde Mascha Kaléko in Deutschland wieder populär, ihre frühen Gedichtbände wurden neu aufgelegt, 1959 wurde sie für den Fontane-Preis der Berliner Akademie der Künste nominiert. Als sie aber erfuhr, dass sie ihn aus der Hand von Hans Egon Holthusen entgegennehmen sollte, eines ehemaligen SS-Offiziers, protestierte sie. Jutta Rosenkranz dokumentiert in ihrer Biografie, wie man Kaléko zu beschwichtigen suchte und schliesslich ärgerlich wurde: «Eine Jugendtorheit wie die SS-Zugehörigkeit kann man Holthusen doch nicht ewig ankreiden», hielt ihr der damalige Generalsekretär der Akademie entgegen. Den Preis bekam jemand anderer.

Die Erfahrung von Mascha Kaléko bestätigte, was ihr Hermann Kesten vorausgesagt hatte. Der Schriftsteller und Verleger, der 1996 in Riehen bei Basel gestorben war, schrieb ihr, dass «Rückkehrer literarischer Natur» sehr freundlich empfangen würden, «wenn sie nicht von der lästigen Vergangenheit reden», sondern «vergeben und vergessen». Kesten traf damit genau den Punkt. Manche SchauspielerInnen sind zurückgekehrt und wurden auf deutschen Bühnen bejubelt, solange sie sich mit den Daheimgebliebenen gut verstanden. Denn die sassen im Kulturbetrieb an den wichtigen Posten fest im Sattel. Der Heimkehrer Klaus Mann erlebte in Berlin im Mai 1946, wie Gustav Gründgens, der Theaterstar des Dritten Reichs, nach erfolgreicher Entnazifizierung erstmals wieder auf der Bühne stand - und mit minutenlangen Standing Ovations gefeiert wurde.

Dass viele jüdische AutorInnen in der deutschen Nachkriegsliteratur keine Aufnahme fanden, ist ein Thema, das die Literaturwissenschaft erst in den neunziger Jahren zu erforschen begann. Viele blieben im Exil oder kehrten dahin zurück, manche zogen in die Schweiz, wie Wolfgang Hildesheimer, der zunächst glaubte, in der Gruppe 47 einen Platz gefunden zu haben, bis er gewahr wurde, dass dies auf Kosten seiner jüdischen Identität ging.

Fremd in der Heimat

Aber natürlich hatten nicht nur KünstlerInnen dieses Problem. «Unmögliche Heimat» heisst ein neues Buch von Anthony D. Kauders, der 1967 in Zürich geboren wurde und heute Neuere Europäische Geschichte an der Keele University in England lehrt. Seine «deutsch-jüdische Geschichte der Bundesrepublik» fasst erstmals die Situation der zurückgebliebenen Jüdinnen und Juden nach 1945 zusammen, die noch lange Jahre wie «auf gepackten Koffern» sassen, weil sie in den Augen vieler JüdInnen, die ihre Zukunft in Israel sahen, zunächst als Verräter galten. Erst mit den Jahren fanden sie einen Ausweg aus dieser zwiespältigen Situation, die von schlechtem Gewissen und von misstrauischer Distanz gegenüber der nichtjüdischen Bevölkerung geprägt war.

Konkreter werden die Erfahrungen der Jüdinnen und Juden in der Nachkriegszeit in den Erinnerungsbüchern, die ab den siebziger Jahren erst zögernd, dann immer zahlreicher auf dem deutschsprachigen Buchmarkt erschienen. Immer wieder neu vermögen die Geschichten zu erschüttern. Bei Sibylle Krause-Burger ging der Riss mitten durch die Familie. Ihr Vater heiratete 1927 die Jüdin Edith Wolle. Als seine treudeutsche schwäbische Familie sich gerade einigermassen damit abgefunden hatte, heiratete Tante Hilde einen SS-Offizier.

In ihrem Buch «Herr Wolle lässt noch einmal grüssen» erzählt die Journalistin Krause-Burger, wie sie als «Mischlingskind» zwar von Tante Hilde zeitweise betreut wurde, wie aber deren Mann noch im Herbst 1944 seine jüdische Schwägerin in dem schwäbischen Dorf denunzierte, in dem die Frauen und Kinder Zuflucht gefunden hatten. Nur die Zivilcourage der Dorfbevölkerung verhinderte das Schlimmste.

Edith verlor ihre Mutter und einen Bruder in der Schoah, aber nach 1945 wurde innerhalb der Familie keineswegs abgerechnet. Man sprach nicht über das Thema. Oft sassen am Sonntag die Paare gemeinsam am Kaffeetisch, und das Einzige, was Aussenstehenden aufgefallen wäre: Edith Burger sprach ihren Schwager mit «Herr H.» an! Erst viel später zerstritt sich die Familie - wegen einer Erbschaft. Wie sehr ihre Mutter durch die Zeit der Verfolgung verletzt war, erfuhr Sibylle Krause-Burger viele Jahre danach. Als sie im «Spiegel» einen Bericht über ihre Erfahrungen als Kind im Nationalsozialismus veröffentlichte, machte ihr die Mutter bittere Vorwürfe: «Wie kannst du mir das antun?» Nun würden alle von ihrer Herkunft erfahren. Das war 1981 - immer noch meinte Frau Burger, ihre Identität verbergen zu müssen.

Verschwiegenes Unglück

Das Schweigen über die Vergangenheit erlebten also nicht nur Kinder von «arischen» Deutschen, sondern auch jene mit jüdischen Eltern. Barbara Honigmann hat darüber geschrieben, die Schriftstellerin und Malerin, die in der DDR aufwuchs und sich in Strassburg niederliess, um endlich ohne ständige, rechtfertigende Diskussionen jüdisch zu sein. Wie bei ihr setzte sich das Gefühl der Fremdheit von RemigrantInnen auch bei anderen Nachgeborenen fort.

Die österreichische Autorin Erica Fischer, die schon oft über jüdische Themen schrieb (unter anderem in «Aimée und Jaguar»), hat sich jetzt in «Himmelstrasse» der eigenen Familie angenommen. Ihre Mutter kam aus Polen zum Studium der Angewandten Künste nach Wien und war mit ihrem künftigen Mann im Widerstand gegen das austrofaschistische Regime aktiv. Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 gelang ihnen die Flucht nach England, wo Erica Fischer und ihr Bruder geboren wurden. 1946 kehrte die Familie nach Österreich zurück. In seiner Heimat blühte der Vater auf, die Mutter wurde zunehmend unglücklicher. Sie war ihrem Mann «ins Täterland gefolgt, und da war sie nun. Unter Menschen, die ihr vorwarfen, sie habe es gut gehabt in England, während auf die schöne Wienerstadt die Bomben fielen.»

Von den polnischen Grosseltern, die im Konzentrationslager Treblinka ermordet worden waren, sprach die Mutter nicht, aber ihr verschwiegenes Unglück prägte beide Kinder. Während der Sohn in eine tragische symbiotische Beziehung mit der Mutter geriet und sich der Kommunikation mit ÖsterreicherInnen verweigerte, setzte sich die Tochter innerlich davon ab. Erica Fischer engagierte sich politisch und war in Wien eine Feministin der ersten Stunde. Ihrer jüdischen Herkunft wurde sie sich erst später bewusst - auch als Grund einer inneren Heimatlosigkeit: «Wien ist mir unheimlich, nur aus der Ferne und als Touristin zu ertragen», schreibt sie, die heute in Berlin lebt, und legt ihre ambivalenten Gefühle den Eltern gegenüber ebenso schonungslos offen wie ihr sexuelles Umherirren auf der Suche nach emotionaler Geborgenheit. Bei aller Tragik liest sich diese Familiengeschichte ungemein spannend, in deren Zentrum die Mutter steht: eine Frau, deren Stärken und Begabungen durch die Isolation ins (Selbst-)Zerstörerische umschlugen.

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