Nr. 45/2007 vom 08.11.2007

Eine Tragödie des 21. Jahrhunderts

In seinem neuen Roman schildert der algerische Autor Hamid Skif, wie in einem fremdenfeindlichen Land ein politischer Flüchtling zu einem Sans-Papier wird. Dieses Land könnte auch die Schweiz sein.

Von Maike van Schwamen

«Ich halte meine Angst an der Leine. Manchmal reden wir. Es tut gut, mit jemandem zu reden.» Die Angst steht im Mittelpunkt von Hamid Skifs neuem Roman. Sie ist die Feindin, die sich seinem Protagonisten mit «geschliffener Klinge» nähert. Sie ist Beschützerin und Begleiterin des illegalen Einwanderers, der sich in der Dachkammer eines Wohnhauses in irgendeiner nicht näher bezeichneten Stadt versteckt hält. «Ich habe keinen Namen mehr (...). Ich bin Türke, Araber, Berber, Iraner, Kurde, Zigeuner, Kubaner, Bosnier, Albaner, Rumäne, Tschetschene, Mexikaner, Brasilianer oder Chilene.» Der algerische Autor hat seinem Icherzähler keinen Namen gegeben, denn er steht für die Masse der Sans-Papiers, der illegalen MigrantInnen, die tagtäglich auf der Suche nach einem besseren Leben in Europa oder in den USA ihr Leben aufs Spiel setzen.

In einer reichen, bildhaften Sprache schildert Skif eindrücklich die Eingeschlossenheit und das Ausgeliefertsein des Verfolgten, der in seiner unbeheizten und unbeleuchteten Kammer halb wahnsinnig wird vor Hunger, Angst und Einsamkeit. Verlässt er sein Versteck anfangs noch nachts, so wagt er sich schliesslich gar nicht mehr hinaus, denn draussen wird in gross angelegten Razzien nach Illegalen gefahndet. Durch eine Dachluke beobachtet der Erzähler seine NachbarInnen und flüchtet sich dabei in Erinnerungen und Fantasien. Auf der Suche nach menschlicher Wärme erweckt er vergangene Liebschaften zum Leben, zum Zeitvertreib malt er sich die Geschichten seiner Gegenspieler aus - des Polizisten, der ihn ausspionierte und folterte, oder des Schleppers, der ihn um ein besseres Leben betrog. Ihre Geschichten, die er sie in eigenen Worten erzählen lässt, beleuchten nicht nur die Hintergründe des grausamen Geschäfts mit der illegalen Migration, sondern geben ihm, dem namenlosen Verfolgten, gleichzeitig eine Identität. So erfährt die Leserin, dass der Flüchtling ein diplomierter Ingenieur ist, der sich in seinem Heimatland für die Rechte junger Arbeitsloser einsetzte. Ein Engagement, das ihn die Schmerzen körperlicher Folter lehren und letztlich die Freiheit kosten sollte.

Ernstzunehmende Zukunftsvision

«Die Situation der Sans-Papiers erschüttert mich», begründet Hamid Skif sein Motiv, einen Roman über illegale MigrantInnen zu schreiben. «Wie der italienische Aussenminister Massimo D'Alema einmal gesagt hat, ist die illegale Migration die Tragödie des 21. Jahrhunderts. Täglich verlieren Dutzende Menschen ihr Leben im Mittelmeer bei dem Versuch, vom afrikanischen Kontinent nach Europa zu gelangen. Ebenso sterben tagtäglich Menschen an der amerikanisch-mexikanischen Grenze.» An allen Grenzen dieser Welt gebe es täglich illegale Versuche, diese zu überqueren, weil Menschen vor Diktatur oder Hunger fliehen oder einfach auf ein glücklicheres Leben fern der Heimat hoffen. «Es ist dramatisch und grauenerregend, dass in einer Welt, die die ausgefeiltesten Techniken beherrscht, Millionen von Menschen vor Hunger sterben oder Unterdrückung und Unglück in ihren Heimatländern erleiden müssen.»

Die Hetzjagd auf Zehntausende Illegaler, die er in seinem Roman beschreibt, sei für ihn kein Fantasma, sondern eine ernstzunehmende Zukunftsvision, sagt Skif. «Ich habe versucht, die Situation so weit wie möglich auf die Spitze zu treiben, um eine Vorstellung dessen zu geben, was sich eines Tages auf diesem Planeten abspielen könnte, wenn wir es zulassen, dass der Extremismus der politischen Rechten zunimmt und banalisiert wird. Wir gleiten immer weiter in eine Atmosphäre hinein, die uns dazu bringt, zunächst unseren Blick von unserem Nachbarn abzuwenden und seinem Schicksal gegenüber gleichgültig zu sein, ihn dann zu hassen und schliesslich zu verfolgen.» Letztlich habe er seinen Roman geschrieben, um seine Mitmenschen zu warnen, um ihnen zu sagen: «Passt auf, was ihr tut! Ihr könnt keine Welt schaffen, in der ihr in Frieden lebt, wenn um euch herum Elend herrscht und ihr nicht über die Mauer eures Gartens schaut.» Sich in seiner Zitadelle einzuschliessen, löse keine Probleme, sondern schaffe sie.

Die Schweiz als Schauplatz

Die Figuren in Skifs imaginärem Zuwanderungsland tragen französische Namen, dennoch - so sagt er - habe er den Handlungsort offengelassen, um dem Geschehen einen breiteren Rahmen zu geben. In einer ersten Romanfassung sollte die Handlung in der Schweiz spielen. Nach einer Studie des Bundesamtes für Migration aus dem Jahr 2005 leben hier etwa 90 000 Sans-Papiers. Unabhängige Komitees, die sich für die Rechte der Papierlosen einsetzen, schätzen die Zahlen allerdings weit höher ein.

«Die Schweiz präsentiert sich als ein Land, das die Menschenrechte respektiert, und doch passieren immer wieder auf vermeintlich harmlose Weise Dinge, die den Menschenrechten widersprechen», begründet Skif seine anfängliche Idee, den Roman in der Schweiz spielen zu lassen. «Die extreme Rechte gewinnt an Zulauf, und es ist eine gefährliche Banalisierung des Rassismus und der Ausgrenzung Fremder zu beobachten. Die Schweiz ist ein reiches und organisiertes Land mit einer gebildeten Elite, verschliesst sich aber nach aussen, auch den anderen europäischen Ländern gegenüber.» Trotzdem wolle er die Schweiz nicht «auf den Index setzen», sagt Skif. Der Roman könne überall spielen, das Erzählte in jedem Land passieren.

Hamid Skif weiss, was Flucht bedeutet. Vor zehn Jahren verliess er seine Heimat, weil er sein Leben und das seiner Familie bedroht sah. Bereits als Siebzehnjähriger hat er sich in Gedichten für unbeliebte Themen wie die Rechte der Frau eingesetzt. Später schrieb er als Journalist über Folter in algerischen Polizeistationen, gründete eine Wochenzeitung und engagierte sich in algerischen und maghrebinischen Journalistenvereinigungen. Als Algerien in den neunziger Jahren zunehmend unter den Einfluss muslimischer Fundamentalisten geriet und er und seine Familie Ziel von Mordanschlägen wurden, ging der 46-Jährige 1997 mit einem Stipendium der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte ins deutsche Exil. «Es war die erste Tür, die sich uns öffnete», sagt Skif. Frau und Töchter in einem Algerien zurückzulassen, das sich im Krieg mit militanten Islamisten befand, wäre für ihn nie infrage gekommen.

Düsteres Bild von Algerien

Im Anschluss an das Hamburger Stipendium nahm das deutsche Zentrum der internationalen Schriftstellervereinigung PEN (Poets, Essayists, Novelists) Skif in sein Writers-in-Exile-Programm auf - und so lebt der Algerier noch heute in Hamburg. Über Internet und Telefon steht er täglich mit Verwandten und FreundInnen in Algerien in Kontakt, digitale Zeitungen informieren ihn über die politische Aktualität seines Landes. Befragt man Skif zum heutigen Algerien unter Präsident Abd al-Aziz Bouteflika und dessen Politik der «nationalen Aussöhnung», redet sich der Schriftsteller in Rage. Er zeichnet ein düsteres Bild seines Landes, das ein Vermögen für Waffenkäufe ausgebe, während Hunderttausende Kinder mangelernährt seien, das Volkseigentum verschwende, seiner Jugend aber keine Perspektive biete. «Ich liebe Algerien», sagt Skif, «aber dieses wunderschöne, vielfältige Land wird von Ganoven regiert. Es gibt dort kein Gegengewicht zur absoluten Macht, die eine Gruppe von Personen über das Land ausübt.» Obwohl ihn seine Heimat nach wie vor «bewohne», könne er sich nicht vorstellen, in nächster Zukunft nach Algerien zurückzukehren: «Ich habe dort keine Ausdrucksfreiheit. Ich könnte dort nicht schreiben, was ich jetzt sage.»

Seit die Regierung Bouteflika 2006 den staatlichen Sicherheitskräften per Gesetz Straffreiheit zusicherte, steht schriftliche oder mündliche Kritik am Staat unter Strafe, darf man die «Ehrenhaftigkeit» von Staatsbediensteten nicht anzweifeln oder dem Ansehen des Staates schaden. «Die Meinungsfreiheit in Algerien ist eine Scheinfreiheit», sagt Skif. «Du kannst alles sagen, solange du keine Details, keine Namen oder Kontonummern nennst. Zwar kannst du in Algerien sehr viel mehr zum Ausdruck bringen als in anderen arabischen Ländern, aber es gibt eine rote Linie, die du nicht überschreiten darfst: Du darfst weder den Präsidenten kritisieren noch seine Familie noch die Armee noch die Lobbys der Korrumpierten, die den Staat privatisiert haben. Vergisst du dies, riskierst du einen plötzlichen Autounfall, einen Sturz aus der fünfzehnten Etage oder ein vergiftetes Essen im Restaurant.»

Obwohl er sich den Mund nicht verbieten lassen und weiterhin für Gerechtigkeit kämpfen will, versteht sich Skif nicht als «écrivain engagé». «Ich bin diese Ausdrücke leid - was heisst das schon, engagiert, engagiert worin?» Er fühlt sich angesichts der menschlichen Katastrophe der illegalen Migration verpflichtet, den «Menschen, die keine Stimme haben, eine Stimme zu geben»: «Es ist ein Buch über die Liebe, über die Angst, aber auch über die Hoffnung. Ein Buch, das versucht, Dinge mit Gefühl und Verstand zu erklären.» Die beste Art, einer Sache zu dienen, sei schliesslich, ein Buch zu schreiben, das die Menschen berühre, meint Skif: «Ein Buch, das schön ist, das ein Kunstwerk ist. Ich bin ein Handwerker, der versucht, sein Handwerk mit Anstand und Respekt für sein Publikum auszuführen. Etwas anderes zu behaupten, wäre unredlich.»

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