Nr. 49/2007 vom 06.12.2007

Reisen ins Innere

Von Jochen Kelter

LyrikerInnen, mögen sie noch so gute Gedichte schreiben, haben es zusehends schwerer. Die 47-jährige Eva Christina Zeller hat bislang einen einzigen Preis erhalten: einen Förderpreis. Und dabei versteht sie nun wahrlich ihr Handwerk.

Auch ihr jüngstes Buch, «Liebe und andere Reisen», ist präzise, sprachartistisch, nicht verblasen, weder pathetisch noch larmoyant. Es ist in drei Kapitel unterteilt, die mit «liebe», «zeit» und «reise» überschrieben sind. Träte noch der Tod dazu, wären die grossen Themen abendländischer Dichtung versammelt. Und natürlich überschneiden sich die Themen mitunter, auch wenn die Reisegedichte wirklich vom Reisen handeln und die Liebesgedichte von der Liebe. Allein die Gedichte, die sich die Zeit zum Thema nehmen, erscheinen mitunter ein wenig beliebig.

Die Gedichte über die Reise reflektieren das kulturelle und emotionale Gepäck deren, die da reist, aber sie lassen sich auch auf die Ziele der Reise ein. Und sie bedienen in keinem einzigen Fall Klischees, was angesichts von Orten wie Rhodos und Venedig durchaus eine Gefahr sein könnte. Über eine Zugfahrt von Zürich zurück zu ihrem Wohnort Tübingen notiert sie: «immer beim heimkommen / ...fällt zuhause der wind zusammen /... es riecht nach katzen / und am ende wohnst du / in der fremde».

Selbstverständlich birgt auch das Schreiben von Liebesgedichten Tücken - als da wären: persönliche Trauer ungefiltert aufs Papier fliessen zu lassen, den Leser zum ungewollten Zeugen, zur Geisel der eigenen Sache zu nehmen, Pathos und Selbstmitleid. Zeller nimmt die Herausforderung an - und besteht sie. Ihre Liebesgedichte sind stets persönlich, aber nie privat. Diese Gratwanderung hat fast alle Lyrik als die subjektivste, intimste literarische Gattung zu meistern. Misslingt sie, fühlt sich der Leser als Voyeur. Der Schwachheit der Liebe stellt Zeller die Stärke der Sprache entgegen. In diesen Gedichten finden sich geglückte Kompositionen von Glück, Unglück und Trauer, aber auch von Humor und Innigkeit: «heute bin ich wieder geflogen / die schnur in deiner hand / du auf dem boden / ... stieg und stieg und winkte und rief / und wurde ganz klein vor glück».

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