Nr. 51/2007 vom 20.12.2007

Die Moral der Schiffbauer

Alex Capus verwebt in seinem neuen Buch Fiktion mit wahren Begebenheiten im kolonialen Ostafrika während des Ersten Weltkriegs. Ein Roman, der auch als Antikriegsbuch gelesen werden kann.

Von Stefan Otto

Der Kampf um Deutsch-Ostafrika war ungleich. Nach dem Kriegsausbruch 1914 war die Übermacht der Belgier und Briten überwältigend. Fast scheint es, als hätte das Deutsche Reich seine Besitzungen kampflos aufgegeben. Gerade einmal 3500 Soldaten sicherten die Kolonie. Darunter befanden sich offenbar keine Schriftsteller. Denn die Gefechte in Ostafrika blieben in der zeitgenössischen Kriegsliteratur der zwanziger und dreissiger Jahre nahezu unberücksichtigt - abgesehen von einigen wenigen Büchern, die eine koloniale Expansion rechtfertigen. Der Schweizer Schriftsteller Alex Capus hat nun - fast ein Jahrhundert später - einen Roman geschrieben, der in historischer Detailverliebtheit auf das koloniale östliche Afrika im Ersten Weltkrieg blickt.

«Eine Frage der Zeit» setzt am Vorabend des Kriegs im emsländischen Papenburg ein: In der Meyer-Werft läuft das Kanonenschiff «Goetzen» vom Stapel, das auf dem strategisch bedeutsamen Tanganjikasee im heutigen Tansania die militärische Hoheit sichern soll. Auf der Gegenseite plant die britische Royal Navy mittels kleiner beweglicher Barkassen die deutsche Übermacht zu brechen. Raffiniert lässt Capus zwei authentische Handlungsstränge sich aufeinander zu bewegen: Die Schiffbauer Anton Rüter, Hermann Wendt und Rudolf Tellmann reisen aus dem Emsland nach Afrika, um die zerlegte und mit der Bahn durchs Land transportierte «Goetzen» vor Ort zusammenzubauen und seetüchtig zu machen. In London erhält der Marineoffizier Geoffrey Spicer Simson von Winston Churchill den Auftrag, eine militärische Operation zum Tanganjikasee zu leiten.

Spicer Simson ist ein draufgängerischer Prahlhans, den es nach Taten dürstet. Die drei biederen deutschen Werftarbeiter dagegen richten sich am östlichen Seeufer ein und würden allenfalls von Moskitos und Heimweh geplagt - wenn nicht der Kriegsausbruch ihre Konflikte mit dem Gouverneur schüren würde. Im latenten Widerstand der Schiffbauer gegen den Wandel von der Zivil- zur Kriegsgesellschaft gewinnen Capus' Figuren an Charakter. Im Gegensatz dazu ist der parallele Erzählstrang mit Spicer Simsons unverschämtem Auftreten zwar bisweilen witzig, erscheint aber eher wie Beiwerk.

Auf die deutsche Propaganda, die in Afrika ihren «Platz an der Sonne» beanspruchte, reagieren die Papenburger unempfindlich. Vom kolonialen Gehabe ihrer Landsleute setzen sie sich ab. Anton Rüter etwa geniesst bei den afrikanischen Arbeitern den Ruf eines «Weissen ohne Peitsche». Aber sich den Ereignissen entziehen, das können auch die Schiffbauer nicht. Sie werden als Maschinisten bei Feindfahrten gebraucht. Die ersten Kämpfe lassen die Emsländer abstumpfen und ihre marxistische Arbeitermoral aufweichen. Dennoch verlieren sie nicht ihre Selbstachtung, sondern trotzen dem Gouverneur, als hätten sie bereits zwei Weltkriege hinter sich und mit dem chauvinistischen Nationalismus längst abgeschlossen. Zweifellos ist es ein Blick aus der Gegenwart, mit denen Capus seine Figuren ausstattet.

Im Gegensatz zum Stellungskrieg in Europa war der Krieg in Afrika von niedriger Intensität und bot den Beteiligten eine Menge Kampfpausen, die zum Reflektieren anregten. Das offeriert das Buch. Alles «eine Frage der Zeit» also, worauf der Titel verweist, um vom militärischen Geist abzurücken. Auch auf Spicer Simson übt das als langsam erlebte Afrika Einfluss aus. Nachdem sein Kommando das altersschwache deutsche Schlachtschiff «Wissmann» mühelos überrumpelt hat, verliert auch für ihn der Krieg jegliches Heldentum. Geläutert führt er seine Mission zu Ende.

Alex Capus hat einen moralischen Roman geschrieben, der durchaus als Antikriegsbuch zu lesen ist, wenngleich das die Handlung nur unzureichend erfasst. Zwar überschattet der Erste Weltkrieg das Geschehen, aber die Gefechte stehen keineswegs im Mittelpunkt. Vielmehr erstellt der Stilist Capus in seinem Roman ein detailgetreues koloniales Panorama, in dem Fiktion und Wahrheit untrennbar miteinander verwoben sind. Die «Graf Goetzen» etwa hat es wirklich gegeben, sie wurde vor den herannahenden Alliierten im Juli 1916 in einer Bucht bei Kigoma versenkt. Im Buch ist es Anton Rüter, der sein Schiff nicht preisgeben will und es mit gut geschmierten Motoren im seichten Wasser verschwinden lässt - um es nach dem Krieg jederzeit wieder bergen zu können. Das geschah tatsächlich: Noch heute, fast neunzig Jahre nach dem Kriegsende, fährt das Schiff unter dem Namen «Liemba» als Personenfähre auf dem See.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch