Nr. 01/2008 vom 10.01.2008

Machfus träumt

Von Paul L. Walser

«Die Sänfte auf dem Kamel wiegte sich gemächlich im Rhythmus der Schritte. Sie war bunt bemalt und festlich mit Blumen geschmückt. Ein Mann ging voraus, der in seinem Mund einen Stab mit Quasten hielt. Ich schaute aus dem Fenster meiner Wohnung, die sich im ersten Stockwerk befand. Als das Kamel an mir vorbeischritt, konnten wir uns direkt in die Augen sehen. Es lächelte und zwinkerte mir zu - da kam Segen über mich. Ich flog hinaus und kreiste mit wehendem Gilbab und wirrem Haar um das Kamel herum ...»

So beginnt eine der ebenso kurzen wie dichten Traumgeschichten, die der Kairoer Erzähler und Nobelpreisträger Nagib Machfus (1911-2006) in seinem letzten Lebensjahrzehnt aufschrieb. Mit der Aufzeichnung seiner Träume trainierte er jeden Morgen seine rechte Hand, die durch den Angriff eines fanatischen Fundamentalisten verletzt worden war. Die Kurztexte erschienen in einer ägyptischen Frauenzeitschrift. Jetzt ist diese Sammlung auch auf Deutsch zugänglich.

Im Traum folgen sich die Bilder nicht im Tempo und unter den Bedingungen des realen Lebens, sie sind viel rascher da, überlappen und vermischen sich und verschwinden unversehens. In der Art, wie Machfus diese Fülle in wenigen suggestiven Zeilen wiedergibt, zeigt sich der grosse Meister. Sein Traumtagebuch bringt uns Aspekte sowohl seines Lebens als auch der jüngsten Geschichte Ägyptens nahe und verfremdet sie zugleich. Es geht um ungewöhnliche, skurrile, groteske und beklemmende, düstere und heitere Begegnungen mit noch lebenden und vor allem auch toten Menschen, die überraschend auftauchen. Ein sehr buntes, orientalisches Kaleidoskop tut sich vor uns auf, vor dem Hintergrund der verwirrenden Riesenstadt Kairo, die unendlich viele Winkel hat - und überall ist der kontemplative, klarsichtige Dichter zu Hause und gleich wieder woanders, geliebt, umsorgt und plötzlich trostlos verlassen. Doch der nächste Schlupfwinkel kommt ganz bestimmt, mit dem nächsten Traum.

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