Nr. 04/2008 vom 24.01.2008

Die Frau des Metzgers

Von Paul L. Walser

«Ich habe das Gefühl, sie ist in dieser Metzgerei irgendwann innerlich verkümmert. Vielleicht vor Erschöpfung, nicht nur körperlich. Wir merkten das alle nicht, das ist das Schreckliche. Wir waren jung und hatten anderes im Kopf. Und der Vater war in Gefühlsdingen sowieso nie ein Held. Er liess sie immer öfter allein. «Kundschaft trinken», hiess es dann, meistens so um fünf Uhr. Dann zog er die Schürze aus und war verschwunden. Ich hatte jedes Mal eine Wut, weil wir Frauen aufräumen durften.»

Die Journalistin Susanna Schwager kann gut zuhören. Was sie gehört und aufgenommen hat, gibt sie so authentisch wie möglich wieder. Zu den Kernausdrücken gehört «säbi Zit»: Es geht um direkte Erinnerungsberichte aus der Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Den Nachgeborenen wird vorgeführt, wie es damals war, als man noch nicht von der Wohlstandsgesellschaft sprach und froh sein musste, wenn man mit ständigem «Krampfen» der Armut entkam.

Mit ihrem Buch «Fleisch und Blut» zeichnete Susanna Schwager das Leben ihres Grossvaters, des Metzgers Hans Meister, nach. Nun setzt sie auch dessen Frau Hildi ein Denkmal: «Die Frau des Metzgers». Zuerst rangen die Meisters im Solothurnischen um eine Existenz, später im fernen, fremden Zürich.

Weil «das Hildi» schon lange tot ist, konnte die Autorin ihre Grossmutter nicht selber befragen. So musste sie sich mit den Aussagen von noch lebenden Angehörigen begnügen - dem Grossvater und der Tochter Sophie vor allem. Deshalb wirkt das neue Buch etwas weniger einheitlich und dicht als «Fleisch und Blut», lesenswert aber ist diese «Annäherung» an eine ebenso liebevolle wie stille und einsame Frau, die sich dem Diktat des Metzgers gefügt hatte und erlosch, allemal. Es bietet Anschauungsmaterial zum Thema «Schweizer Frau aus dem unteren Mittelstand im 20. Jahrhundert»; jüngere Leserinnen werden dank dieser Lektüre vielleicht besser verstehen, warum das Frauenstimmrecht in unserem Land so lange hat auf sich warten lassen.

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