Nr. 04/2008 vom 24.01.2008

Ich weiss. Ich habe gesehen

Das Buch über die süditalienischen Abfalldealer hat grosses Aufsehen erregt. Jetzt muss sich sein Autor verstecken.

Von Sina Bühler

In Neapel türmen sich die Abfallberge, die italienische Armee muss ausrücken, um den Müll zu beseitigen, die AnwohnerInnen wehren sich dennoch vehement gegen den Bau von Müllverbrennungsanlagen, und die Welt fragt sich, wie so etwas möglich ist. «Die Camorra», erklären die Medien, die neapolitanische Mafia, kontrolliere die Abfallentsorgung in Kampanien. In ganz Italien gar.

Warum das so ist und wie es funktioniert, bleibt im Ausland undurchschaubar. Und wohl auch für einen Grossteil der ItalienerInnen. Einer, der den Durchblick hat, ist sich seither seines Lebens nicht mehr sicher. Roberto Saviano heisst der 29-jährige Journalist, der mit seinem Erstling «Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra» wohl zugleich seine letzte Recherche veröffentlicht hat. Denn seit er das System der parallelen Müllentsorgung und alle übrigen Einnahmequellen, Methoden und vor allem die Namen der neapolitanischen Mafiosi veröffentlich hat, lebt er unter Polizeischutz an geheimen Orten.

Roberto Saviano stammt aus Casal di Principe, der Clan-Hauptstadt der Casalesi, einem der erfolgreicheren Camorra-Clans. Neben der Camorra aufgewachsen, kann er sich in deren Gebiet mit seiner Vespa frei bewegen, gar als Entlader von Schmuggelware im Hafen anheuern.

Er hat sich in die illegalen Produktionsstätten und beschlagnahmten Villen eingeschlichen, er kennt die UnterhändlerInnen persönlich - etwa den Kleiderfälscher Pasquale, den Abfallvermittler Franco, den Kaffeevertreter und Kalaschnikowfan Mariano. Von anderen - wie den Bossen und deren Frauen - weiss er vom Hörensagen und von seinen Recherchen in Prozessakten.Akribisch beschreibt Saviano, wie das System funktioniert. Er schildert sarkastisch, wie die Camorristi ihren Vorbildern in Hollywood nacheifern, und lakonisch, wie sich die Jugendlichen der Region in ihre vorbestimmte Rolle fügen. Und kühl schafft er es, auf zwei Seiten gleich zwölf Morde aufzulisten - inklusive aller Angaben wie Ort, Namen, Datum, Täter und Art der Tötung.

Und dabei wirkt Saviano trotz des Elends und der völligen Machtlosigkeit integer. «Ich habe gesehen», schreibt er immer wieder, «ich weiss», schreit sein ganzes Buch. Und das ist seine einzige Waffe, denn das System lässt keine anderen zu.

Allerdings bleibt am Ende das bedrückende Gefühl, dass wer immer auch etwas gegen die Camorra unternimmt, den Widerstand mit dem Tod bezahlen muss - irgendwann. Saviano schildert - wenn auch das Buch mit dem trotzigen Satz «Ihr verfluchten Dreckskerle, ich lebe noch!» endet - eindrücklich, wie lange die Camorra abwarten kann, dass sie nie vergisst und noch nach einem Jahrzehnt Rache an VerräterInnen nimmt.

Die Rückseite der italienischen Ausgabe von «Gomorrha» zeigt ein grosses Bild des Autors. Eine merkwürdige Eitelkeit, macht er sich doch damit noch mehr zur Zielscheibe. Andererseits wissen die Casalesi wohl längst, wie er aussieht. Und seit einer Weile ziert sein Antlitz auch die Strassen Neapels: als Plakat, das an vielen Hauswänden klebt. Die Aktion «ilrichiamo.org» wirbt mit ihm für den Widerstand.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch