Nr. 05/2008 vom 31.01.2008

Wie aus der Zeit geworfen

Mit einem «langen Gang über die Stationen» kehrt Reinhard Kaiser-Mühlecker in die Welt seiner Kindheit auf einem Bauernhof in Oberösterreich zurück: Antiheimatliteratur, die so gar nicht in die literarische Mode passt.

Von Erich Hackl

Vor einiger Zeit las ich eine seltsame Besprechung. Sie rühmte das Buch, eine Sammlung von Texten über WiderstandskämpferInnen und Revolutionäre, mehr aber noch den Verleger, weil er es ohne Aussicht auf Erfolg herausgebracht hatte, obwohl er sein Geld für gewöhnlich, und nicht zu knapp, mit Unterhaltungsromanen, Kriminalgeschichten und Märchen über neoliberale Sinnsuche verdient. Am liebsten, schrieb die Kritikerin, würde sie ihm - dem Verleger, nicht dem Verfasser - einen Strauss Rosen schicken.

Damals war ich verwundert, jetzt schüttle ich den Kopf über mich selbst, weil mir während der Lektüre dieses Debüts eines Fünfundzwanzigjährigen der gleiche Gedanke gekommen ist:

Unglaublich eigentlich und ganz wunderbar, dass ein grosser und geschäftstüchtiger Verlag in Norddeutschland heutzutage eine derart stille, unspektakuläre, wie aus der Zeit geworfene Erzählung eines unbekannten Autors veröffentlicht, der auf einem Bauernhof im oberösterreichischen Traunviertel aufgewachsen ist und mit diesem Buch in die Welt seiner Kindheit zurückkehrt, sofern er sie überhaupt schon verlassen hat.

Die Sprengung des Kleinteiligen

Es geht um einen jungen Bauern, der seine Beschreibungen und Empfindungen in der ersten Person mitteilt, um eine Frau, die aus der Stadt zu ihm gezogen ist, die alternde Mutter, den todkranken Vater, den einsamen Nachbarn, um das Wirtschaften mit Tier und Gerät, um Sesshaftigkeit und Aufbruch, um natürliche Genügsamkeit und den Flug der Gedanken. Dabei ist die Geschichte, in der die Zeit nicht linear zu verstreichen, sondern in konzentrischen Kreisen immer wieder an den Ausgangspunkt zurückzuführen scheint, nicht frei von tragischen Ereignissen und zerstörten Hoffnungen, aber die Art, in der Reinhard Kaiser-Mühlecker sich ihrer annimmt, macht sie sanft und weit.

Nach dreissig Seiten fällt zum ersten Mal der Name des Protagonisten, und noch einmal dreissig Seiten dauert es, bis man erfährt, dass «Der lange Gang über die Stationen» um das Jahr 1956 erfolgt, in einer Ära, die «das Kleinteilige gewaltsam überwunden» hat. «Und auch, wenn es langsam ging - mir kam das nicht wie ein Auflösen, sondern wie ein Sprengen vor, ein widernatürlicher Vorgang. Man sah es etwa an den Feldwegen, die ich schon als Kind gekannt hatte und gegangen war ein ums andere Mal, die jetzt aber plötzlich unter einer Pflugschar verschwanden und Stück für Stück in Acker, in Urbares umgewandelt wurden. Da war dann kein Gehen mehr, sondern ein Umgehen und Ausweichen.»

Kaiser-Mühlecker will mehr, als nur die negativen Folgen intensiver Bewirtschaftung darzustellen. Mehr, als das rasche und endgültige Verschwinden einer Lebensweise zu bedauern, das Auseinanderfallen von Arbeit und Musse, die Motorisierung, die Stadtflucht und die neuerliche Landnahme durch Nachkommen der einst Abgewanderten, die seither in ihren sentimental verzierten Einfamilienhäusern hocken. Er rühmt nicht die Unmittelbarkeit bäuerlichen Daseins, aber er stattet seinen Helden Theodor mit Feingefühl, Beobachtungsgabe und Gewissenhaftigkeit aus, auch mit heisser Sehnsucht nach einem Zustand, den er nicht benennen kann und der Glück heisst, sodass man beim Lesen manchmal innehalten muss, zwischen diesen ein wenig wortseligen und vor sprachlicher Anstrengung bebenden Sätzen, in denen sich (ohne dass ein Lektor hineingepfuscht hätte) der Berufsstand des Protagonisten und sogar sein Dialekt zu erkennen geben - sodass man also innehält, schwer atmend ob dieser Glückssuche und auch aus Angst, dass der Roman einem Ende zugeht, das man nicht haben möchte, dass in ihm etwas verloren geht, das zu bewahren wäre.

«Der lange Gang über die Stationen» ist unter anderem eine Erzählung über Liebe. Er beschreibt ihr leichtes Fundament, ihre tiefe Erfüllung und ihre wachsende Gefährdung durch das Schweigen des Mannes, seinen Verdacht, dass die Frau ihn ausschliesst aus ihrer Welt, ihren Glauben, dass er nicht fähig oder willens ist, sich zu ändern, besser gesagt: bei sich zu bleiben, ohne Zögern das Richtige zu tun, gegen Unrecht aufzustehen, so wie damals, als sie ihn kennengelernt hat.

Obwohl bei Theo der Eindruck entsteht, «dass meine Schritte und die meiner Frau, je mehr die Zeit verging, voneinander wegführten», ist noch nichts verloren. Mit einer angesichts seiner Jugend verblüffenden Geduld gibt Kaiser-Mühlecker den beiden eine zweite Chance, einander zu finden, wieder zusammenzukommen.

Ein Hauch Utopie

Die Erzählung birgt alles, was Hunderte Romane über das Elend bäuerlichen Lebens auch bieten, die Härte, die Mitleidlosigkeit, das Misstrauen, den Egoismus, die Tyrannei der Kirche, den Hass auf jede Politik, die auf Solidarität gründet, und die Verzweiflung, die nur zwei Lösungen kennt: Schnapsflasche und Kälberstrick. Aber in vielen detailscharfen Episoden durchbricht Kaiser-Mühlecker diese Kette des Unglücks, was der Erzählung einen Hauch Anachronismus, auch Utopie verleiht. Etwa, wenn er die Auszeit schildert, die sich Theo nimmt, um ein halbes Jahr lang als Wanderarbeiter neue Erfahrungen zu sammeln, oder den scheuen Umgang mit dem von irgendwo dahergewehten Knecht, der den Hof verlässt, als es am schönsten ist. Auch verzichtet er darauf, die schwere körperliche Arbeit im Stall und auf dem Feld als Ursache für das Bedürfnis der Frau darzustellen, immer wieder ein paar Tage in der Stadt zu verbringen. Theos Nachbar erhängt sich nicht aus Lieblosigkeit, sondern aus einem Überschuss an Liebe. Wie man sieht, ist Kaiser-Mühlecker von der negativen Idylle ebenso weit entfernt wie von der andern, der naiven oder schlau instrumentalisierten vom schönen, gesunden und harmonischen Landleben. Er vertraut seinem Protagonisten, er macht ihn nicht schlecht, er räumt ihm die Möglichkeit ein, sich zu ändern, ohne dass Theo hierfür aufgeben müsste, was ihn zu einem gemacht hat, der sich ändern will.

Anti-Heimatliteratur. Von einem der ihren darauf eingeschworen, haben Scharen von GermanistInnen den Begriff nachgeplappert. Jetzt, mit dieser Erzählung, werden sie sich was Neues einfallen lassen müssen. Den Ärger darüber werden sie Kaiser-Mühlecker spüren lassen, mit Hohn und Unverständnis, vielleicht sogar mit vergiftetem Lob oder mit jener blinden Arroganz, die sie für urban halten. Beikommen werden sie ihm nicht, glaube ich.

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