Nr. 06/2008 vom 07.02.2008

Handliche Geldkompromisse

Ein alternativer Ratgeber zum verantwortungsvollen Investieren führt durch den Dschungel der heutigen Finanzmärkte und bietet praktische Tipps für möglichst saubere Renditen.

Von Stefan Howald

Die SchweizerInnen sind beim Sparen wie beim Erben Weltspitze. Jährlich werden rund 38 Milliarden Franken vererbt und verschenkt. Im Durchschnitt bekommt jede Erbin und jeder Erbe 180 000 Franken. Ein zunehmender Teil dieser Gelder landet bei den BabyboomerInnen, den heute Vierzig- bis Sechzigjährigen. Etliche aus der GründerInnengeneration der Wochenzeitung und auch manche ihrer LeserInnen sehen sich plötzlich mit einigem Geld konfrontiert.

Nun gibt es bekanntlich kein richtiges Leben im falschen, und trotzdem muss man leben. Nachhaltig zu konsumieren, versuchen wir längst, doch lässt sich auch nachhaltig investieren? Natürlich, man könnte den unerwarteten Geldsegen verschenken, an eine humanitäre Organisation zum Beispiel, aber zuweilen käme ein zusätzliches Einkommen ganz gelegen, und ein wenig Zins wäre nichts als nachholende Gerechtigkeit für all die Gratisarbeit, die man früher geleistet hat. Auf das Dilemma antwortet ein Ratgeber zu ökologisch und sozial verantwortungsvollen Anlagen.

Autor Andreas Missbach, ehemaliger WOZ-Redaktor und heute bei der Erklärung von Bern (EvB) zuständig für «Banken und Finanzplatz Schweiz», formuliert den Ausgangspunkt unverblümt: «Die ideale Anlagemöglichkeit, die höchsten Ansprüchen nach sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit genügt und dabei noch eine überdurchschnittliche Rendite abwirft, gibt es nicht. Kompromisse sind unausweichlich.»

Kompromisse muss auch das Buch eingehen. Als EvB-Mitarbeiter vertritt Missbach grundsätzliche Einwände gegen die heute herrschenden globalen Finanzmärkte. Als Ratgeberautor aber muss er sich aufs System einlassen und sich in dessen Rahmen bewegen - es gelingt ihm dabei, transparent zu bleiben.

Zwei Kapitel des Buchs behandeln die Macht der Finanzmärkte und die Grenzen nachhaltiger Anlagen. Darauf folgen Ratschläge, Orientierungsfragen und einzelne Tipps, praktikabel, aber nicht unkritisch.

Die Grundsatzerwägungen sind mitten aus dem Handgemenge der gegenwärtigen Finanzkrise heraus geschrieben. Der Hauptteil entstand im Juli 2007, als sich deren Ausmass und Auswirkungen erst andeuteten; im September hat Missbach versucht, zu folgern, wie gross der Crash wird. Das ist verdankenswert klar geschrieben. Eingängig werden die politischen Bedingungen und Mechanismen der liberalisierten Märkte erläutert, neue Instrumente wie Hedgefonds und Derivate erklärt. Missbach betont die Krisenanfälligkeit, skizziert das Verhältnis zur Realwirtschaft, benennt die zunehmende Ungleichheit und weltweite Steuerhinterziehung: Diese Finanzwirtschaft ist grundsätzlich «nicht nachhaltig». Zusammen mit dem nützlichen Glossar kann dieses ausführlichste Kapitel als Hilfestellung zur täglichen Lektüre der Wirtschaftsnachrichten dienen.

Danach folgen sechs Kapitel, die sich mit unterschiedlichen AnlagevermittlerInnen und Anlagemöglichkeiten beschäftigen. Das Nachhaltigkeitskriterium wird, sozial und ökologisch, breit gefasst, im Detail aber ausdifferenziert. Missbach stellt verschiedene Bankentypen vor, von der Alternativen Bank und der Basler Gemeinschaftsbank über die Kantonalbanken und Raiffeisenkassen bis zu den wichtigsten Privat- und Grossbanken, von denen er «eindeutige und transparente Standards» fordert.

Zu nachhaltigen Direktinvestitionen gibt es ein kleines Kapitel über erneuerbare Energien, wobei Missbach zu Recht anmerkt, politische und finanzielle Versäumnisse hätten die einstige Pionierrolle der Schweiz zunichte gemacht. Für entwicklungspolitisch Engagierte liefert er eine Zusammenfassung der Diskussion um Mikrokredite. Am umfassendsten werden Anlagefonds dargestellt, die den grössten Teil der nachhaltigen, alternativen Gelder aufnehmen. Missbach kritisiert, dass die Möglichkeiten zum «Aktionärsaktivismus» unterentwickelt seien. Von Derivaten und anderen strukturierten Produkten rät er zurückhaltend, aber bestimmt ab. Ein kurzes Kapitel zum Islam skizziert die Kompromissstrategien, die eingegangen werden, um das Zinsverbot zu umgehen; Sophistereien, die auch linken BabyboomerInnen nicht ganz unbekannt sein dürften.

Im Anhang werden 37 Fonds und vier Beteiligungsgesellschaften nach verschiedenen Kriterien präsentiert. Auf ihrer Website hat die EvB ausführlichere Informationen dazu aufbereitet, die zudem aktualisiert werden (www.evb.ch/fonds).

Zuweilen hätte Missbach den Spielraum ein wenig ausweiten können. So verwendet er bei der Diskussion von Nachhaltigkeit die Begriffe «Naturkapital» und «natürliches Kapital», als ob die Natur schon immer als Kapital auftreten würde: Diese Unterwerfung des Naturprozesses unter die kapitalistische Formbestimmung mag man dem politökonomisch geschulten Autor nicht durchlassen. Nützlich wären ein paar Gedanken zu den Möglichkeiten gewesen, die Pensionskassen zu einem verantwortungsvolleren Einsatz ihrer Gelder zu bewegen. Und lokale Direktinvestitionen, die den Marktmechanismus unterlaufen, werden zu wenig betont. Insgesamt aber ist das Buch ebenso brauchbar als finanzpolitische Einführung wie als pragmatischer Ratgeber.

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