Nr. 06/2008 vom 07.02.2008

Der Che Guevara der PalästinenserInnen

Der kürzlich verstorbene ehemalige Kinderarzt war der linke Revolutionär unter den palästinensischen Widerstandsführern. Auch nach seinem Tod hält die von ihm gegründete Volksfront zur Befreiung Palästinas an seinen Idealen fest.

Von Melissa Dunbar, Amman

Erstmals seit 37 Jahren wehten am 28. Januar in den Strassen der jordanischen Hauptstadt Amman die rot-weissen Flaggen der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP). Von einem langen Trauerumzug begleitet, wurde George Habaschs Sarg zur griechisch-orthodoxen Kirche getragen. Der geistige Vater der PFLP war zwei Tage zuvor 81-jährig in einem Spital in Amman an einem Herzversagen gestorben.

Unter den Blicken der Ikonen füllte sich die Kirche allmählich mit den Trauernden, viele hatten den schwarz-weissen Kofia um den Kopf gebunden - Symbol der palästinensischen Befreiungsbewegung. Sie waren gekommen, um ihrem politischen Vorbild die letzte Ehre zu erweisen. In einer Mischung aus religiöser Messe und politischem Manifest würdigte der Pater das Leben des Verstorbenen (vgl. Kasten) und lobte Habaschs lebenslangen Kampf zur Befreiung Palästinas.

Die Geburtsstunde der PFLP

Im Dezember 1967 gründet Habasch die PFLP - drei Monate nachdem Israel im Sechstagekrieg das palästinensische Westjordanland und den Gasastreifen zu besetzen beginnt. Habaschs Ziel: die Befreiung der palästinensischen Gebiete sowie die Rückeroberung des heute israelischen Territoriums. Schon bald beginnen PFLP-AktivistInnen damit, in Jerusalem Bomben zu legen, während eine zweite bewaffnete Gruppe aus den Bergen von Hebron Angriffe auf Israel lanciert.

Die marxistisch-leninistische Ideologie der PFLP bringt eine neue politische Perspektive in die palästinensische Widerstandsbewegung: Nicht alleine Israel sei die Ursache der palästinensischen Probleme, sondern der weltweite Imperialismus, angeführt von den USA. In Anbetracht der geballten Macht dieses Feindes seien die PalästinenserInnen alleine nicht in der Lage, ihr Land zu befreien, so die PFLP. Dazu brauche es eine internationale Allianz - insbesondere der arabischen Staaten.

Mit diesem Gedankengut schliesst sich die PFLP nahtlos den weltweit agierenden sozialistischen Widerstandsbewegungen und sozialistischen Staaten an. Der Kampf der Vietcongs gegen die USA, die kubanische Revolution und insbesondere der argentinische Freiheitskämpfer Ernesto Che Guevara sind ihre wichtigsten Vorbilder.

In der arabischen Region beginnt sich die PFLP vorwiegend auf Jordanien zu konzentrieren, wo die meisten palästinensischen Flüchtlinge leben. Schon bald knüpft sie enge Beziehungen zur Nationalistischen Bewegung Jordaniens und gründet zahlreiche Schwesterorganisationen in den Nachbarstaaten.

Flugzeugentführungen

Internationale Schlagzeilen erlangt die PFLP 1970, als sie drei Passagierflugzeuge - darunter eines der Swissair - entführt, um sie in der jordanischen Wüste in die Luft zu sprengen. Dies allerdings erst, nachdem die Passagiere die Flugzeuge verlassen konnten.

1974 überwirft sich die PFLP mit der von Jassir Arafat geführten Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), der sie seit Beginn angehört hat, und beschliesst kurzerhand, ihren Vertreter aus dem PLO-Exekutivkomitee zurückzuziehen. Damit protestiert sie gegen Arafats zunehmende Bereitschaft, Israel als Staat anzuerkennen. Gleichzeitig fordert sie eine Rückbesinnung auf die alten Prinzipien des Widerstands: die Befreiung des gesamten historischen Palästina - inklusive Israel - sowie das uneingeschränkte Recht auf Rückkehr aller palästinensischen Flüchtlinge.

Dank ihrer gemeinsamen Ablehnung des israelisch-ägyptischen Friedensvertrags finden die beiden Parteien Ende der siebziger Jahre wieder zusammen. Und 1981 verkündet die PFLP selbst ihre Bereitschaft, wenn auch unter Vorbehalten, gemeinsam mit Israel eine Zweistaatenlösung anzustreben.

Als Mitte Dezember 1987 die erste palästinensische Intifada gegen die israelische Besatzung ausbricht, kämpft die PFLP gemeinsam mit der Fatah an vorderster Front. Doch in den darauffolgenden Jahren stürzt die PFLP in eine Krise: Der Zusammenbruch der kommunistischen Sowjetunion sowie der Vormarsch islamistischer Bewegungen wie der Hamas lassen die politische Bedeutung der PFLP langsam schwinden.

Als Arafat 1993 die Unterzeichnung des Osloer Friedensabkommens mit Israel verkündet, bedeutet dies für die PFLP einen weiteren Rückschlag. Sie protestiert gegen den ihrer Meinung nach unfairen Vertrag. Kurz darauf entscheidet sie sich, mit der Hamas eine strategische Partnerschaft einzugehen, die die Verträge als «Verrat am palästinensischen Volk» bezeichnet.

Bis heute hält die PFLP an ihren Idealen fest: der Befreiung der besetzten palästinensischen Gebiete sowie dem Recht auf Rückkehr. Als Mahar Taher, ein Mitglied des PFLP-Politbüros, Habasch kurz vor dessen Tod berichtete, dass die Hamas die Grenzmauer zwischen Gasa und Ägypten in die Luft gesprengt hätte (siehe WOZ Nr. 5/08), habe Habasch gelächelt. «Gut», sagte er, «irgendwann werden auch alle arabischen Grenzen offen sein.»

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