Nr. 07/2008 vom 14.02.2008

Die Stadt als Katastrophe

In seinem Buch über die Megastädte zeigt der US-amerikanische Soziologe Mike Davis Ursachen und Folgen des weltweiten urbanen Wachstums.

Von Matthias Martin Becker

«In Mexikos Kapitale gibt es Sex, Gewalt, Schmuggel und das billigste Essen der Welt.» So leitete die «Süddeutsche Zeitung» einmal einen Beitrag zu ihrer Serie über die neuen Riesenstädte ein. Megacitys sind in. Politischen StrategInnen bereiten sie Sorgen: Werden sich urbane Agglomerationen wie Mexiko-Stadt oder Delhi in Zukunft wenn schon nicht planen, dann wenigstens regieren lassen? Kulturtheoretikern und Feuilletonistinnen dagegen liefern sie Material. Sex, Gewalt und billiges Essen also, wie angenehm klingt das, nach Spannung und Abenteuer und der gemütlichen Angstlust, die die LeserInnen empfinden dürfen beim Gedanken an die unüberschaubaren Elendsviertel in Afrika und Asien.

Mit solch wohligem Schauern hat der US-amerikanische Universalsoziologe und WOZ-Autor Mike Davis nichts zu schaffen, obwohl auch er sich mit seinem Buch mit den Städten der Zukunft befasst. Dem Autor des wegweisenden Bandes «City of Quartz» (1990), einer Studie über Los Angeles, geht es um die globale Dimension der Elendsviertel.

Bekanntlich wohnt mittlerweile der grössere Teil der Menschheit nicht mehr auf dem Land, sondern in Städten, ein wahrhaft epochaler Umbruch. Noch schneller als die Städte insgesamt aber wachsen die Favelas, die Gecekondus und Bidonvilles. Laut einer UN-Studie wohnen in ihnen bereits 32 Prozent aller StadtbewohnerInnen weltweit (was etwa einer Milliarde Menschen entspricht), weshalb Kofi Annan einmal von der «Urbanisierung der Armut» sprach. Slums werden drei Viertel des prognostizierten Bevölkerungswachstums aufnehmen. Die erwähnte Studie geht davon aus, dass sich die Zahl ihrer BewohnerInnen in den kommenden dreissig Jahren verdoppeln könnte. «Die Städte der Zukunft werden seltener aus Glas und Stahl gebaut als aus unbehauenen Steinen, Stroh, wiederverwendetem Plastik, Zementblöcken und Holzabfällen», schreibt Mike Davis.

Obwohl reich an empirischem Material, ist «Planet der Slums» keine trockene Auflistung vorhandener Statistiken, sondern eine geschickte Verbindung von Mikro- und Makroebene. Davis beschreibt eindringlich die Lebensbedingungen, unter denen die SlumbewohnerInnen ums Überleben kämpfen, die kaum glaubliche Enge, die fehlende Versorgung mit Wasser, Strom oder Verkehrsverbindungen, die Lage in statisch unsicheren und ungesunden Gebieten. «In Hongkong lebt eine viertel Million Menschen in illegal errichteten Bauten auf Dächern oder den Belüftungsschächten im Inneren von Gebäuden. Die schlimmsten Bedingungen aber müssen die sogenannten Käfigmänner erdulden, (…) die ihre Schlafstätten mit einem Drahtgitter bedecken, um den Diebstahl ihrer Habseligkeiten zu verhindern.» Schockierend liest sich, wie Wiedertäufersekten, die in den Slums Südamerikas und Afrikas massenhaften Zulauf haben, verzweifelten Eltern religiöse Argumente liefern, sich ihrer Kinder, die sie nicht mehr versorgen können, zu entledigen.

Statt sich in Katastrophenszenarien zu ergehen, fragt Davis, wie es so weit kommen konnte, und ordnet den Prozess der Urbanisierung geschichtlich ein. Die Drittweltstädte wuchsen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nur deshalb so langsam, erklärt er, weil die jeweiligen MachthaberInnen die Freizügigkeit der ländlichen Armen begrenzten. Sowohl westliche Kolonialmächte als auch asiatische MaoistInnen verhinderten die massenhafte Migration in die Städte. Dahinter stand nicht zuletzt die Furcht vor möglicherweise unkontrollierbaren städtischen Unterschichten. Ab den fünfziger Jahren aber fielen vielerorts die Schranken. Sofern sich Push- und Pull-Faktoren überhaupt sinnvoll auseinanderhalten lassen, waren der wichtigste Antrieb die Verheerung der ländlichen Regionen, die Enteignung der BäuerInnen, Hungersnöte und Bürgerkriege. Beschleunigt wurde diese Entwicklung durch die Politik von Weltbank und Internationalem Währungsfonds mit ihren Strukturanpassungsprogrammen ab den späten siebziger Jahren.

Sensationalismus und apokalyptische Neigungen sind Davis fremd, dennoch kommt man sich beim Lesen stellenweise vor, als strecke man bei voller Fahrt den Kopf aus einem Autofenster: Zuerst wird alles lauter und eindringlicher, um sich dann in ein betäubendes Rauschen zu verwandeln.

Ist die Bevölkerung von Karachi in den letzten zwanzig Jahren um das 50- oder nur das 49-Fache angewachsen? Die Antwort, darauf käme es auch nicht mehr an, wäre borniert. Vehement versucht Davis die Mythen zu widerlegen, die heute unter EntwicklungspolitikerInnen grassieren. Weder werden Minikredite das Problem lösen, noch taugen die SlumbewohnerInnen als unternehmerische Pioniere der Marktwirtschaft, wie es beispielsweise der einflussreiche Wirtschaftswissenschaftler Hernando De Soto behauptet.

«In den Entwicklungsländern besteht ein Grossteil der wimmelnden Massen nicht aus legalen Proletariern, sondern aus extralegalen kleinen Unternehmern», argumentiert De Soto und begründet so, warum neoliberale Reformen letztlich auch den Armen zugute kämen. Mit bitterem Hohn und sachlich fundiertem Entsetzen weist Davis nach, dass es sich bei den informellen Überlebensstrategien in den Slums in aller Regel um unproduktive Arbeit handelt und dass die Einkünfte aus dieser Arbeit nur eine «Subdivision» sind, eine immer weitere Unterteilung knapper Ressourcen abseits der Wertschöpfung.

Die historischen Vorläufer der wuchernden Elendsregionen sind dementsprechend nicht Manchester oder Chicago, wo im 19. Jahrhundert dem städtischen Wachstum ein industrielles Wachstum entsprach, sondern das damalige Neapel mit seinem «andauernden massiven Überfluss an Arbeitskräften» und der daraus resultierenden brutalen Konkurrenz um informelle Beschäftigungsnischen. «Planet der Slums» ist ein schnell wirkendes Gegengift gegen jene mit Ekel vermischte Faszination über die Selbstorganisation des urbanen Elends, von der im Moment so häufig zu lesen ist. Stattdessen stellen sich dringende politischen Fragen: Wie soll eine Überflussbevölkerung im marxschen Sinn Macht entwickeln und ihre Interessen vertreten? Wie kann sie wenigstens ihr Überleben sichern?

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