Nr. 08/2008 vom 21.02.2008

Quer durch den Osten

In seinen Reiseskizzen, zusammengefasst unter dem Titel «Fado» (portugiesisch: «Schicksal»), begibt sich Andrzej Stasiuk wie schon in «Unterwegs nach Babadag» (2004) auf die Strassen quer durch Mittel- und Osteuropa. Die Stationen sind meist kleine Orte in Südpolen, Rumänien, Montenegro, Albanien, der Slowakei. Der Soundtrack zu den vielen Momentaufnahmen ist ein melancholisches Chanson. Es erzählt vom einfachen Leben, von unerfüllter Sehnsucht, brüchiger Identität, Heimatlosigkeit und Krieg.

«Ach, die mitteleuropäische Einsamkeit! Dieses ewige Waisentum, gegen das keine Arznei hilft, denn Arznei wirkt nicht rückwirkend und kann keine Toten zum Leben erwecken.» Schwermut, die über den Rand der Karpaten schwappt. Und ein altes Klischee von der melancholischen slawischen Seele. Darf man uns das noch auftischen? Stasiuk darf es. Weil er Pole, weit gereist und unheimlich sprachmächtig ist. In den mehr essayistischen Kapiteln seiner Reiseberichte erklärt er uns westlichen Vernunftmenschen, die angeblich alles nur mit dem Kopf erfassen können, sein Schwärmen von einem osteuropäischen «Anderswo».

Europa ist gemäss Stasiuk ein geteilter Kontinent: Im Westen setzen wir ohne den leisesten Zweifel auf unser «Modernisierungsexperiment», während es im Osten darum geht, sich in der Vergangenheit zu finden. Die Londoner, Pariserinnen und Berliner sind RationalistInnen, der Osten träumt lieber vor sich hin. Die WestlerInnen glauben an alles Machbare, während man im Osten der Überzeugung ist, die Wirklichkeit finde auch ohne eigenes Zutun statt. Geschichte im Osten, das sei Gedächtnis. Im Westen aber eine Colabüchse.

Der Graben, der hier aufgetan wird, ist bedenklich - für beide Hälften Europas. Stasiuk sieht der bevorstehenden Begegnung der separierten Welten allerdings mit trotziger Gelassenheit entgegen: «Ja, zweihundert Millionen neue Europäer - das ist eine echte Herausforderung. Das ist dazu angetan, den Schlaf zu rauben.»

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