Nr. 10/2008 vom 06.03.2008

Tage in Rom

Von Paul L. Walser

«Wir befinden uns im Zeitalter vor der Fotografie, das die Porträtmalerei zu einer grossen Gattung werden liess, von welcher gerade eine Malerin wie Angelika Kauffmann beruflich profitierte. Intime Beobachtung, Interpretation des Wesens, auch seiner unterschiedlichsten Facetten, sind Vorzüge der Porträtkunst, welche von der Fotografie selten erreicht werden. Angelika suchte mit ihrem Porträt den Moment des Ausdrucks wiederzugeben, der für sie die schönste Seite von Goethes Wesen darstellte.»

Angelika Kauffmann, 1741 in Chur geboren und 1807 in Rom gestorben, wird gegenwärtig wieder entdeckt. Die Bündnerin, eine der grossen Malerinnen des 18. Jahrhunderts, brachte es nicht nur zu Berühmtheit, sondern auch zu Reichtum. Europas Prominente ihrer Zeit waren stolz, zu ihrem Bekanntenkreis zu gehören. Während seines Rom-Aufenthalts (1786-1788) hatte Goethe, der ja selbst auch malte, bei ihr einen Vorzugsplatz.

Die Kunsthistorikerin Anne Stephan-Chlustin ist in Rom den Spuren von Angelika und «Volfango», so Goethes Vorname in Italien, nachgegangen. Sie liess sich dabei vom Maler Flurin Isenring begleiten. Diese Recherche bezeichnet die Autorin als «Autopsie eines Schauplatzes». Gleichzeitig wertete sie die elf Briefe aus, die die Malerfürstin dem Dichterfürsten nach dessen Abreise aus Rom geschrieben hat, sowie die drei erhaltenen Briefe von Goethe an sie. Kauffmanns Beziehung zu Goethe war eine innige, unerfüllte Liebe, da dem Mann aus Weimar die «Rolle der Gesprächspartnerin, der geistig ebenbürtigen Gefährtin im Reich der Kunst und der Dichtung» genügte.

«Un Incontro» vermittelt ein farbiges Bild der römischen Welt des 18. Jahrhunderts. Immer wieder stellt die Autorin den Bezug zum heutigen Rom her. Darüber hinaus ist es ihr gelungen, mit erstaunlichem Einfühlungsvermögen in zwei einzigartige Künstlerschicksale hineinzuleuchten. Zum besonderen Reiz gehören die zahlreichen Abbildungen von Gemälden und Zeichnungen von Angelika und Volfango.

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