Nr. 13/2008 vom 27.03.2008

Steiner in Amerika

von Paul L. Walser

«Ich dachte, während ich über einen Bettler hinwegstieg, dass die Vorstellung, zur Erhaltung der Gesundheit mehr als das Mögliche zu tun, zu einer Hysterie geworden war: Nikotin war ebenso verfemt wie Cholesterin, Zucker ebenso wie Fett. (…) Das Wort Heilung war allgegenwärtig - und niemand schien sich die Frage zu stellen, wie schutzlos, wie gefährdet sich die Menschen fühlen mussten, die diesem Wort ein so überwältigendes Gewicht verliehen. Es kam mir so vor, als schütze sich jeder mit allen Mitteln gegen den Ausbruch der in ihm selbst versteckten Panik.»

Jörg Steiner erzählt. Während ich lese, höre ich ihn. So unmittelbar ist sein geschriebener Erzählton. Er erzählt von einem Gastspiel, das er als Schweizer Schriftsteller im Herbst 1966 am Max-Kade-Institut in Los Angeles gegeben hat. Weil seine Olivetti 22 den Flug nicht heil überstanden hat, muss er ausgerechnet im hypermodernen Amerika, wo bereits damals auch Privatautos mit Navigationshilfen ausgerüstet waren, von Hand schreiben.

Der 1930 geborene Bieler Dichter erzählt seine Beobachtungen, als habe er sie gerade gestern gemacht. Jedes dieser unvorhergesehenen Erlebnisse wird zu einer ganzen Geschichte, die sofort wieder einer neuen Platz macht, ohne Eile, ganz natürlich, wie das eben so geht, wenn man sich mit offenen Augen, Ohren und Nasen einer fremden Welt aussetzt. Nach der Lektüre habe ich ein überraschend deutliches, genaues Bild der Wirklichkeit der Stadt Los Angeles und ihrer südkalifornischen Umgebung vor meinen Augen.

Den privilegierten Rahmen - Steiner wird von einem wichtigen Professor betreut, bisweilen auch vom Schweizer Konsul - verschweigt er nicht, aber er braucht nicht viel Kraft, um in die Welt dahinter zu gelangen, ins alltägliche Amerika, weil er mit den Wesen, denen er begegnet, mühelos in Kontakt kommt. Auch mit dem Hinterhof-Kirschbaum im Armenviertel, der zu Recht die Titelgestalt geworden ist. Souveräne autobiografische Literatur, die mehr ist als Literatur - aus langer, intensiver Erfahrung heraus vermitteltes Menschsein.

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