Nr. 14/2008 vom 03.04.2008

Der neue Hunger

In nur wenigen Monaten sind die Lebensmittelpreise auf das Doppelte gestiegen - und sie bleiben hoch. Schuld daran sind nicht zuletzt SpekulantInnen.

Von Tobias Gasser

Beinahe täglich berichtet die Uno-Nachrichtenagentur Irin über Not und Proteste wegen der steigenden Lebensmittelpreise. Drohen in über zwanzig afrikanischen Ländern akute Hungerkonflikte? Und wo liegen die Gründe dafür?

Auf den internationalen Märkten steigt gegenwärtig die Nachfrage nach Agrarrohstoffen wie Weizen, Mais, Reis und Soja. Das treibt auch die Preise auf den lokalen Handelsplätzen in Afrika in die Höhe: Auf dem Getreidemarkt im nigerianischen Kano - einem der grössten Getreidemärkte Westafrikas - haben die HändlerInnen ihre Preise massiv erhöht. Kostete ein Sack Mais von fünfzig Kilogramm im September 2007 noch 21 US-Dollar, so bezahlen die KäuferInnen heute genau das Doppelte. Ein Sack Hirse stieg von 29 Dollar auf 42 Dollar. Die Augenbohne kostet pro Sack anstatt 58 Dollar jetzt 100 Dollar.

Nigeria steht kurz davor, eine nationale Hungerkrise auszurufen. Siebzig Prozent der Bevölkerung seien unterernährt, sagt Alhaji Sayyadi Ruma, Minister für Landwirtschaft und Wasserressourcen, vor den lokalen Medien. Seine Regierung hat soeben beschlossen, die staatlichen Getreidereserven aufzulösen und diese verbilligt an die Menschen im Norden des Landes zu verkaufen. Da unter anderem der Agrarsektor zu wenig gefördert wurde, mussten in den letzten Jahren bereits für drei Milliarden US-Dollar Nahrungsmittel importiert werden, berechnete die Tageszeitung «Nigerian Tribune».

Hungerwarnung

Und Nigeria ist kein Einzelfall. In ganz Westafrika schwinden die Nahrungsmittelvorräte und steigen die Preise. Das Hungerfrühwarnsystem der US-amerikanischen Entwicklungsbehörde USAid schlägt Alarm. «Sollten die Preise weiter steigen, wird die Hungerperiode 2008 für viele Haushalte früh beginnen», warnt USAid. Für Mauretanien sagt das Uno-Welternährungsprogramm WFP eine Rekordhungersnot für diesen Sommer voraus. Das Land muss nach mehreren Dürrejahren siebzig Prozent der Nahrung importieren.

Auch in Burkina Faso schwelt ein Hungerkonflikt. Nichtstaatliche Organisationen und Gewerkschaften haben sich zusammengetan, um gegen die steigenden Preise zu protestieren. Sie drohen mit landesweiten Streiks, sollte die Regierung die Preise für Grundnahrungsmittel und Benzin nicht senken. Bei Protesten im Februar kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und DemonstrantInnen. In Kamerun brachen Anfang März ebenfalls Unruhen aus, die unter anderem durch die hohen Lebensmittelpreise ausgelöst wurden. Dutzende von Menschen kamen bei Strassenschlachten ums Leben.

Die Durchschnittspreise für Grundnahrungsmittel sind vergangenes Jahr um bis zu vierzig Prozent gestiegen, hat die Uno-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft Fao errechnet. Die Preise sind so hoch wie seit dreissig Jahren nicht mehr. Zurzeit sind 36 Länder akut von einer Hungerkrise bedroht, 21 davon in Afrika. Die staatlichen Getreidespeicher sind praktisch leer. Laut Fao reicht der weltweite Vorrat an Getreide nur noch für zwölf Wochen - früher waren die Reserven für achtzehn Wochen angelegt. Die Organisation schätzt, dass die Landwirtschaft dieses Jahr 2102 Millionen Tonnen Getreide produziert. Dem steht ein Verbrauch von 2120 Millionen Tonnen gegenüber. Das Defizit müsste eigentlich durch Getreidereserven ausgeglichen werden.

Mehr Lohn, Fleisch, Autos

Warum ist die Situation so dramatisch? Die Erde muss immer mehr Menschen ernähren, jährlich sind es achtzig Millionen mehr. In den nächsten fünfzig Jahren wächst die Weltbevölkerung auf schätzungsweise über neun Milliarden Menschen an.

Viele Länder haben inzwischen ihre Importzölle gesenkt, um den Einkauf von Getreide zu verbilligen. Gleichzeitig haben sie die Exportzölle massiv erhöht oder wie Argentinien, Russland, die Ukraine und China den Verkauf ins Ausland eingeschränkt.

Der hohe Erdölpreis verteuert die Nahrungsmittelpreise weiter. Und er treibt die Produktion von Agrartreibstoffen wie Ethanol, Gas oder Pflanzenöl voran. Die Folgen sind fatal: Zucker und Mais wandern in den Autotank statt auf den Esstisch. Die neueste Entwicklung verheisst ebenfalls nichts Gutes: Weizen wird zum Heizen verwendet. In Österreich gibt es erste Projekte, bei denen zur Gewinnung von Energie Getreide verbrannt wird. Der Verteilungskampf zwischen den AutofahrerInnen und den Armen habe eben erst begonnen, sagt Lester Brown, Gründer des Earth Policy Institute in Washington.

Doch auch die veränderten Essgewohnheiten begünstigen Hungerkrisen. Seit beispielsweise in China und Indien die Menschen immer mehr verdienen, kommt dort auch mehr Fleisch auf den Tisch. Die Regierung in Peking ist weltweit auf der Suche nach Futtermittel für die Schweinemast. Die Nachfrage nach Weizen und Soja wird weiter angekurbelt. Das wiederum geht zu Lasten der armen Länder, die ihre Bevölkerung nicht mehr ausreichend ernähren können. Der Klimawandel bringt einen weiteren Unsicherheitsfaktor: Immer mehr Überschwemmungen, Dürren und Kälteeinbrüche machen heute jede Ernte zur Glückssache.

Pensionskasse und Brotpreis

Wo die Preise steigen, wollen auch die FinanzinvestorInnen verdienen. Gebeutelt von der weiter andauernden Bankenkrise, suchen sie nach neuen Anlageformen. Bereits sind Pensionskassen und Hedgefonds mit viel Geld in die Agrarmärkte eingestiegen und haben die Preistreiberei zusätzlich angefacht. Täglich finden sich in der Finanzpresse Bankinserate für spekulative Produkte in diesem Bereich.

Die Kritik an den Finanzmärkten kommt von vordergründig unverdächtiger Seite. Nestlé-Chef Peter Brabeck sagt vergangene Woche in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag», früher habe der Nahrungsmittelmulti ungefähr abschätzen können, wie die Ernten und Preise ausfallen würden. Das sei nun vorbei: «Wichtiger als die Ernte ist heute, ob die kalifornische Pensionskasse Calpers entscheidet, mit 750 Millionen US-Dollar in den Rohwarenmarkt einzusteigen - weil dann alle anderen Pensionskassen der Welt dasselbe tun und auf einen Schlag fünf Milliarden US-Dollar in den Agrarmarkt investiert werden.» Der Agrarrohstoffmarkt ist laut Brabeck sehr spekulativ geworden.

Denjenigen, die in dieser Situation gerne helfen würden, sind dadurch erst recht die Hände gebunden. Das Welternährungsprogramm WFP ernährt nach eigenen Angaben jährlich fast hundert Millionen Hungernde. Bei steigenden Nahrungsmittelpreisen erhält es aber immer weniger für das gleiche Geld. Vergangene Woche hat das WFP deshalb die Regierungen dieser Welt aufgefordert, eine halbe Milliarde US-Dollar zusätzlich zu spenden. Sonst müsse die Nahrungsmittelhilfe ab 1. Mai rationiert werden.

Auch die Schweizer Nahrungsmittelhilfe wird in diesem Jahr kleiner ausfallen, wie Andreas Stauffer, Sprecher der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), bestätigt. «Die gestiegenen Nahrungsmittelpreise haben zur Folge, dass wir in diesem Jahr rund vierzig Prozent weniger Nahrungsnothilfe leisten können.» Letztes Jahr unterstützte die Humanitäre Hilfe der Deza den Einkauf von 71 000 Tonnen Weizen, was einem Betrag von 29 Millionen Franken entspricht. Die Schweiz werde 2008 gleich viel an das WFP zahlen, sagt Stauffer. Aber das WFP könne mit dem Schweizer Geld weniger Hilfsgüter beschaffen. Deza-intern wird nun geprüft, wie auf diesen Rückgang reagiert werden kann.

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