Nr. 15/2008 vom 10.04.2008

Wie man Soja weisswäscht

Der WWF will gemeinsam mit multinationalen Konzernen und Sojabaronen Kriterien für einen sozial- und umweltverträglichen Anbau von Soja ausarbeiten. Wenn er da mal nicht über den runden Tisch gezogen wird.

Von Reto Sonderegger, Asunción

«Der WWF ruft dazu auf, Soja und Palmöl verantwortungsvoll anzubauen – zum Schutz von Mensch und Umwelt.» So steht es auf der Website der Organisation. Bereits 2004 hat der World Wide Fund for Nature – unter anderem mit Unterstützung des Staatssekretariats für Wirtschaft Seco – den sogenannten Round Table on Respon­sible Soy (RTRS) ins Leben gerufen. Am 23. und 24. April 2008 wird das dritte weltweite Treffen für einen verantwortungsvollen Sojaanbau in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires stattfinden. RTRS ist mittlerweile zu einer weitverzweigten Vereinigung geworden: Süd­amerikanische Produzenten, die in grossem Stil Soja anbauen, sind ebenso dabei wie vorwiegend südamerikanische Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und 38 Finanzinstitute und multinationale Konzerne, darunter Shell, BP und Glencore. Gewachsen ist damit auch die Kritik aus den Reihen bäuerlicher Basis­organisationen und NGOs.

König Maggi ist auch dabei

Das südliche Lateinamerika ist mit über sechzig Prozent Anteil an der globalen Produktion der grösste Sojalieferant. Die Anbauflächen in Brasilien, Argentinien, Paraguay, Bolivien und Uruguay bedecken ein Gebiet von der Fläche Deutschlands und der Schweiz. Die Ausdehnung der Sojamonokulturen mit oft gentechnisch veränderten Sorten hat in den betroffenen Ländern schwerwiegende soziale und ökologische Probleme verursacht: Landflucht, Landkonzentration, Abholzungen, Verlust der Artenvielfalt, Bodenerosion und die Belas­tung von Gewässern mit ­Pestiziden.

RTRS will den Dialog mit allen «Stake­holdern» entlang der Produktions-, Verarbeitungs- und Vermarktungskette von Soja suchen. Mit dem Ziel, sich auf Kriterien zu einigen, um in Zukunft «Responsible Soy» («verantwortungsvolle Soja») über separate Kanäle kommerzialisieren zu können. «Bis im August sollen diese Kriterien ausgearbeitet sein», sagt Guillermo Terol von Desarollo Agrícola Paraguay (DAP), einem landwirtschaftlichen Unternehmen, das sich mit anderen Organisationen die Vizepräsidentschaft des RTRS teilt. Gleichzeitig gibt er zu, dass es sehr schwierig werden wird, eine Übereinstimmung zu erzielen. «Die grösste Knacknuss, die Frage der Gentechnologie, bleibt nach wie vor ausgeklammert.»

Dies kritisiert auch Stella Semino von der Grupo de Reflexión Rural (GRR). Sie befürchtet, dass mit der Round-­Table-Initiative erstmals Gentech-Monokulturen als verantwortungsvoll oder nachhaltig zertifiziert werden können. Tatsächlich überrascht die Zahl einschlägig engagierter Grosskonzerne auf der Mitgliederliste des RTRS. Aapresid, die Vereinigung der Direktsaatproduzenten Argentiniens und führend in Sachen Gentech-Soja, markiert ebenso Präsenz wie die Gruppe Maggi des gleichnamigen brasilianischen Sojakönigs (siehe WOZ Nr. 1+2/08). Mit von der Partie sind auch die grossen US-amerikanischen Player des Agrobusiness: Archer Daniels Midland, Bunge und Cargill.

Just diese drei Konzerne sehen sich in den USA mit einer Kampagne des Rainforest Action Network (RAN) konfrontiert. Andrea Samulon, die Leiterin der Kampagne, hat Anfang März verschiedene Bauern- und Indígenagemeinden besucht, die unter den Folgen von Pestizidsprühungen und Abholzungen und dem damit einhergehenden Verlust der Artenvielfalt leiden. Ein besonderes Augenmerk richtete sie auf die «Respon­sible soy»-Felder von DAP. «Der einzige Unterschied, den ich erkennen kann, sind die Schutzstreifen von hochwachsenden Gräsern gegen die Pestizidabdrift», so ihr Fazit. «Ausserdem lassen sie zwischen diesen Schutzstreifen und der Siedlung fünfzig Meter Distanz. Diesen Zwischenraum forsten sie mit einheimischen Baumarten auf.» Ansons­ten: Monokultur bis zum Horizont.

Guillermo Terol von DAP bestätigt die Angaben von Samulon. Neunzig Prozent der Soja, die DAP produziert, sind gentechnisch verändert und gegen das Herbizid Roundup von Monsanto resistent. «Wir machen das, weil wir Geld verdienen wollen. Und zwar längerfristig. Wir wollen uns von all denjenigen Sojaproduzenten unterscheiden, die sich nicht an die Gesetze halten und jegliche agronomische Voraussicht missen lassen.» Mit derselben Logik setzt DAP auch das umstrittene Paraquat von Syngenta ein: «Kurz vor der Ernte sprühen wir die Felder mit Paraquat ab, um die Todreife herbeizuführen.» Durch das Herbizid sterben die Pflanzen vorzeitig ab und vertrocknen. «So garantieren wir ein uniformes Ernteprodukt und sparen uns die Kosten der Trocknung im Silo.»

Gekaufte Gemeinden

DAP bemüht sich laut Terol um ein gutes Zusammenleben mit den Gemeinden, die an die «Responsible soy»-Fel­der angrenzen. Das Unternehmen stellt ihnen Bienenkästen zur Verfügung oder spendet an die lokale Schule. Die BewohnerInnen von Barbero in San Pedro bestreiten das: Die Bienenkästen hätten sie auf Kreditbasis kaufen müssen, und in der Schule drohe das Dach einzustürzen. Ein aufgeregter Bauer erklärt, dass vor wenigen Tagen auf seinem Hof Ferkel mit Missbildungen zur Welt gekommen seien: «Ich bin sicher, dass ­dies aufgrund der Pestizidsprühungen im benachbarten Sojafeld geschehen ist.» Das Feld ist 2200 Hektar gross.

Als die BewohnerInnen von Barbero von der Absicht von DAP erfuhren, in ihrer Nachbarschaft grossflächig Soja anzubauen, demonstrierten sie sogar im Departementshauptort dagegen, erzählt der Schulleiter des Dorfes: «Wir wollen sie hier nicht, denn von anderen Orten in Paraguay wissen wir, was der Sojaanbau bedeutet.» Ihm missfällt auch, dass der Unterhalt der Schule Aufgabe eines profitorientierten landwirtschaftlichen Unternehmens sein soll – und nicht des Staates. «Bloss wegen der endemischen Korruption und Misswirtschaft eröffnet sich überhaupt eine Möglichkeit für Sojaproduzenten, Gemeinden auf diesem Weg zu kaufen», schliesst er empört.

Ins gleiche Horn stösst auch die Deklaration von mittlerweile über hundert Organisationen und Gruppen, die sich gegen das RTRS-Treffen Ende April wenden. «Wir lehnen die Projekte im Namen von sozial verantwortungsvollem Unternehmertum ab», heisst es darin. «Denn diese versuchen am runden Tisch oder mit freiwilligen Massnahmen die Verbrechen der Konzerne zu bemänteln. Mittels sozial verantwortungsvollem Unternehmertum wollen die Konzerne den Staat verdrängen und private Sozialpolitik betreiben.»

Argentiniens grösster Sojabaron, Gus­tavo Grobocopatel, hat sich deutlich positioniert: Er zieht es vor, selber Sozialpolitik zu betreiben, statt sie dem Staat zu überlassen. Am 24. April wird er seinen Standpunkt zum Thema Nachhaltigkeit in einer Rede am dritten RTRS-Treffen kundtun. Angesichts der Tatsache, dass Argentinien mit einem jährlichen Einsatz von 130 Millionen Litern Roundup und der Vernichtung von 200 000 Hektar Wald im gleichen Zeitraum bald 18 Millionen Hektar Gentech-Soja-Felder besitzen wird, darf man auf seine Ausführungen gespannt sein.

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