Nr. 16/2008 vom 17.04.2008

«Wer hat die verfluchten Fäden gezogen?»

Im Roman des dreissigjährigen Igor Stiks verflechten sich Privat- und Weltgeschichte zu einer Odyssee: gedankenschwer und doch sehr rasant.

Von Ulrike Baureithel

Anfang der neunziger Jahre stand Europa vor einer seiner grössten politischen Herausforderungen: dass der Vielvölkerstaat auf dem Balkan zerfiel und sich auf der «Multikulti»-Oase ein bis dahin nicht vorstellbarer Krieg entzündete. Der von den EuropäerInnen für «irrational» erklärte blutige Konflikt war vor allem deshalb so aufstörend, weil das «alte» Europa spürte, aller ethnischen und religiösen Erklärungsmuster zum Trotz, dass hier nicht eine verspätete Reaktion auf historische Probleme am Werk war. Vielmehr kündigten sich erstmals Auseinandersetzungen an, wie sie auf dem ganzen Kontinent zu erwarten waren. Jugoslawien, hatte der Balkankorrespondent Norbert Mappes-Niedik in seinem aufschlussreichen Buch «Die Ethno-Falle» vermerkt, sei so etwas wie der «Minenhund» des künftigen Europas.

Zufall und Weltgeschichte

Auf diese Spur führen auch «Die Archive der Nacht» des in Sarajevo geborenen Igor Stiks. Er verflechtet die persönliche Wahrheitssuche des Schriftstellers Richard Richter mit der vielschichtigen Wahrheit des Kriegs und durchspielt die alte Frage nach dem Zufall menschlichen Seins. Purer Zufall, dass Richter nach einer gescheiterten Ehe von Paris in seine Geburtsstadt Wien zurückkehrt und im Wandversteck seiner Tante ein altes Heft seiner verstorbenen Mutter findet. Ein Brief, kurz vor Richters Geburt an einen gewissen Jakob Schneider gerichtet, lässt keinen Zweifel daran, dass Richter väterlicherseits jüdischer Abstammung ist und dieser Vater, ein aus Sarajevo stammender, im Untergrund agierender Kommunist, 1941 in Wien von der Gestapo verhaftet worden ist. Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt, die Auskünfte der Tante sind spärlich, der Vater sei «bestimmt erschossen» worden.

Das «gärende Geheimnis» lässt Richter keine Ruhe. Sein beschauliches Dasein, das er in Wien hatte führen wollen, findet ein jähes Ende. Der Fünfzigjährige akkreditiert sich als Journalist, begibt sich «embedded» in einen Krieg, den er bislang kaum zur Kenntnis genommen hat. Im April 1992 trifft er im belagerten Sarajevo ein. Seine private Mission, die Vatersuche, behält er für sich. Er arbeitet als Berichterstatter, lernt die westliche Sicht auf den Krieg immer kritischer beurteilen, vor allem durch die Begegnung mit dem viel jüngeren Ivor und später mit der Schauspielerin Alma. «In der Sprache der Medien war es erst ein ethnischer, dann ein religiöser» Konflikt und als «ererbter» ganz und gar «unausrottbar». Je mehr Richter über die Stadt erfährt, desto mehr distanziert er sich von einer Arbeit, die Journalisten zu gut bezahlten «Zeugen und Mittätern einer Tragödie» macht.

Ivor, das nur flüchtig maskierte Alter Ego des Autors, hat eigene literarische Ambitionen. Er plant einen Film über die verborgene Theaterszene der Stadt, der auch Alma angehört. Richter verliebt sich in die junge Frau, ohne etwas über ihre Herkunft zu wissen. Fünf Tage sind ihrer Liebe bestimmt, bis es zur Katastrophe kommt. Wie dem Homo Faber in Max Frischs Roman, der in Sarajevo dramatisiert zur Aufführung kommt, entgleiten Richter die Fäden seines Schicksals. Als moderner Ödipus irrt er durch die kriegsversehrte, gefahrvolle Stadt auf einer Vatersuche. Am Ende bleibt ihm nur die Flucht zurück nach Wien.

Der Mahlstein der Geschichte

Von dort aus erzählt Richter die Geschichte, seine eigene und die seiner Eltern. Dies aufzuschreiben ist die dringende Handlung, bevor er, mit Schuld beladen, selbst Hand an sich legt. Das Menetekel, das über seinem Schicksal und dem Sarajevos liegt, ist ständig präsent in Form von vorausdeutenden Fragen, einem dräuenden Orakel: «Wer hat die verfluchten Fäden gezogen?» Das quälende «Wenn ich gewusst hätte ...» begleitet Richters verstörte Aufzeichnungen ebenso wie die Ahnung, «über jeden Teil» seiner Geschichte bestimmt zu haben: «Hatte nicht meine eigene Hand nach dem Notizbuch meiner Mutter gegriffen und Almas Körper berührt? Hatte ich nicht den Mahlstein der Geschichte jedes Mal wieder in Fahrt gebracht, wenn er von sich aus zur Ruhe gekommen war?»

Wie Gewährsmann Frisch in seinem Stück «Biografie: Ein Spiel» reizt Stiks die Möglichkeiten der Theatermetapher aus: Auf der historischen Bühne Sarajevos wird europäische Geschichte gespielt und das private Drama des Richard Richter verhandelt, und es ist auch das Theater selbst, das Geschichte macht, die TheaterbesucherInnen in einen «Akt des Widerstands» versetzt: «Das Theater liess sie Teil von etwas sein, das über diesem Leben stand, zu dem sie gezwungen waren.» Noch wähnt man sich in Sarajevo in der Lage, die Fäden in der Hand zu halten, die Sache eigenständig zu Ende zu führen. Dabei sind «die Tage gezählt. Die Schlinge zieht sich zu», für die Stadt ebenso wie für die ProtagonistInnen der Geschichte. Es ist, so Stiks Botschaft, aber nur die Stadt, die überleben wird.

Lust am Fabulieren

Eingeflochten in das ohnehin schon komplizierte Arrangement sind mehrere Binnenerzählungen, die selbst wieder wie ein Kommentar auf die Ereignisse zu lesen sind. Dass mit Namen gespielt wird oder dass Alma und Richard in Form erdachter Geschichte die Möglichkeiten ihrer eigenen Liebe austesten, ist der überbordenden, ironisch grundierten und manchmal verspielten Fabulierlust des gerade einmal dreissigjährigen Autors anzurechnen. Dass ihm (oder der Übersetzerin) dabei auch sprachliche Klischees unterlaufen oder das Personal monologisch allzu viel wissenswerte Stadtgeschichte bewältigen muss, lässt sich verschmerzen angesichts der Präzision, Rasanz und Gedankenschärfe des Romans. Der Vorwurf seiner kroatischen Landsleute, warum er sich für seine Hauptfigur gerade eine jüdische Biografie ausgesucht habe, wo es doch genügend heimische Helden gäbe, verkennt dabei genau das Problem, das Stiks skandalisiert: das Unglück der Nationalidentitäten. «Genügte es nicht», schreibt Richter, «einfach nur einen Namen zu haben und sich selbst anzugehören?»

Am Ende fehlt allen Figuren ein Mosaikteilchen für die ganze Wahrheit. Denn anders als in Frischs Stück sind die Spielleiter zu sehr in ihre Geschichte involviert. Die Wahrheit zu ergründen, bleibt der Literatur vorbehalten, respektive Ivor, der Richters Manuskript hütet. Im Epilog lüftet er auch das Geheimnis, wer Jakob Schneider an die Gestapo verraten hat. So spielt er als «reitender Bote» die letzte Rolle, die ihm der Freund zugeeignet hat, wenn alle Zeugen tot sind. Ein moralisches Urteil steht ihm als Chronisten nicht zu.

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