Nr. 16/2008 vom 17.04.2008

Beste CH-Tradition

Von Florian Vetsch

Mit dem schönen Titel «Das verborgene Licht der Jahreszeiten» hat Hans Thill eine ganz besondere Anthologie zur Schweizer Poesie herausgebracht. Für einmal sind ausschliesslich Texte aus der lateinischsprachigen Schweiz berücksichtigt: Frédéric Wandelère, Claire Genoux und Pierre Voélin steuerten französische, Antonio Rossi und Alberto Nessi italienische und Leta Semadeni rätoromanische Poesie bei. Und Hans Thill ging es um die Übersetzung, weshalb er neben seinem eigenen Talent fünf weitere Dichterdolmetsche nutzte, nämlich Jan Koneffke, Nadja Küchenmeister, Johann Lippet, Sabine Schiffner und Jürgen Theobaldy, um die Originale zu übersetzen; dabei gingen die ÜbersetzerInnen von Rohversionen von Martin Zingg aus.

So ist ein Buch zusammengekommen, das neben den drei Originalsprachen auch alternative deutsche Übersetzungen von hoher poetischer Qualität bietet. Spannend ist es, das Original im Spiegel von zwei, mitunter drei Übersetzungen zu lesen. Zum Glück wurde hier dem poetischen Impuls in viele Richtungen nachgegeben! «Manchmal muss man sprechen / Um nicht völlig verloren zu gehen // Und gehen / Mit der Sonne», übersetzte Sabine Schiffner Leta Semadenis rumantsche Verse «Mo minchatant disuorrer / per nun ir a perder // Ed ir / culsulai // Il tschêl / es be ün batterdögl davent», während Johann Lippet dieselben Verse, sie intuitiv fortdichtend, so übertrug: «Aber manchmal sprechen / um sich nicht zu verlieren // Und gehen / mit der Sonne / die versinkt / in den Augen // Der Himmel / ist nur einen Augenblick entfernt.»

Und wie das Sonnenlicht die Grenzen des kleinen, kulturell allerdings weitverzweigten, zentraleuropäischen Landes überschreitet, so tun dies hinreichend Gedichte in dieser Sammlung; der Herausgeber Hans Thill hat in ihr die Schweiz in ihrem Besten verstanden und entfaltet: in der respektvollen Transnationalität ihrer vier ursprünglichen Sprachwelten.

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