Nr. 16/2008 vom 17.04.2008

Alle andern fliegen raus

Zürich boomt wie nie. Gut verdienende Neuzuzüger wollen sich in der Wirtschaftsmetropole niederlassen. Die Mieten steigen immer schneller. Jetzt kommt es zu Fette-Mieten-Partys.

Von Esther Banz

Die Liegenschaftenverwaltung Livit empfängt die BesucherInnen in einem mit Werbebannern geschmückten Pavillon zu Mineral und salzigem Apérogebäck. Am Fusse des Uetlibergs entsteht eine neue Siedlung. «Frauentalweg» heisst sie, und auf den Broschüren, die Livit den InteressentInnen an diesem Samstagnachmittag in die Hand drückt, steht «Aus der Reihe tanzen».

Der Flyer mit den darauf vermerkten Mietpreisen liefert die Erklärung: 4281 Franken kostet eine 5,5-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss, 2117 Franken eine 2,5-Zimmer-Wohnung im ersten Obergeschoss. Die Wohnungen befinden sich noch im Rohbau, aber so viel ist erkennbar: Es werden Schläuche mit winzigen Schlafzimmern sein. Den schönen Ausblick auf die Stadt, den man ab dem 2. OG hätte, bleibt in den unteren Etagen eine Frage der Fantasie. Den Preis rechtfertigen die Bauherren so: «Die Überbauung Frauentalweg kann sich an ihre Bewohner und den Wandel ihrer Bedürfnisse anpassen.» Viele der Wohnungen sind bereits vermietet, und die grosse Nachfrage wird wohl dafür sorgen, dass beim Bezugstermin am 1. Oktober 2008 nicht eine einzige leer stehen wird.

Aber nicht nur gut verdienende Paare und neugierige NachbarInnen aus den umliegenden Genossenschaftswohnungen sind zur Besichtigung erschienen - vor dem Info-Pavillon steht auch eine Gruppe junger, seltsam gekleideter Menschen. Sie haben sich dem Anlass entsprechend herausgeputzt, demonstrieren gute Laune, und als aus dem mitgebrachten Ghettoblaster Musik dröhnt, schwingen sie sogar die Hüften und drücken den verdatterten Livit-Angestellten und BesucherInnen Flugblätter in die Hand: «Wohnungsnot in Zürich - kalter Kaffee von gestern? Von wegen.»

Paris als Vorbild

Die Livit-Angestellten befinden sich plötzlich mitten in der ersten Fette-Mieten-Party (FMP) Zürichs. FMPs funktionieren nach dem Vorbild der Anti-Wohnungsnot-Partys «jeudi noir» in Paris: Ausgerüstet mit Sekt, Sound und schönen Kleidern mischt man sich an offiziellen Besichtigungsterminen für Wohnungen, die monatlich mehrere Tausend Franken kosten, unters Publikum. Ein gewaltloser Protest gegen die Abzockerei im Wohnungsmarkt, in Zürich initiiert von den Leuten hinter www.stadt-wohnen.ch, ein Internetportal für kritische wohn- und stadtpolitische Debatten. «Das sind jetzt nicht die superkrass überteuerten Wohnungen», sagen die FMP-Veranstalter zur Überbauung Frauentalweg, «aber immerhin liegen sie rund fünfzig Prozent über dem Durchschnitt der quartierüblichen Mietpreise.»

Eine Ausnahme? Nein. Auf dem grössten Schweizer Internet-Wohnungsanzeiger Homegate waren für Zürich am 1. April 2008 nur gerade dreizehn 4- und 5-Zimmer-Wohnungen unter 2000 Franken ausgeschrieben - und 31 Wohnungen, für die monatlich mehr als 4000 Franken verlangt wird. 12 500 Franken Monatsmiete kostet die teuerste.

Das ist Zürich. Die Stadt, in der das Mietrecht nicht mehr greift. Oder wie Walter Angst vom Mieterverband Zürich sagt: «Der verfassungsmässige Schutz vor missbräuchlichen Mieten ist in den zentrumsnahen Gebieten der Stadt infrage gestellt. Der Wohnungsmarkt ist total aus den Fugen.»

Zentrumsnah ist in Zürich fast jedes Quartier, auch jene, in denen bis anhin wenig Verdienende eine bezahlbare Wohnung fanden. Heute werden sie verdrängt. Anschaulich dargestellt ist dieser Prozess in einer Studie des geografischen Instituts der Universität Zürich. Basierend auf städtischen Statistiken und Erhebungen des Bundes zeigen sie auf, wie sich mehr und mehr Gutverdiendende in diesen Quartieren niederlassen. Wer bei den in diesen Quartieren kontinuierlich steigenden Mietpreisen nicht mehr mithalten kann, zieht notgedrungen weg - an die Peripherie der Stadt oder ganz raus. Nur wer es sich noch leisten kann, wird in der Stadt bleiben können. Alle anderen fliegen raus.

Auf der Gewinnerseite

Die Entwicklung ist auch in Zürich nicht neu, aber sie legt an Tempo zu. Die Mieten steigen seit einigen Jahren nicht nur so schnell wie nirgendwo sonst im Land - sie steigen sogar exponentiell. Bestätigt wird dieser Trend diese Woche durch den neusten Angebotsmietindex der Zürcher Kantonalbank und Homegate: Binnen eines Jahres sind die Mietpreise freier Wohnungen in Zürich und Umgebung um 3,6 Prozent gestiegen - und damit dreimal so stark wie in Bern und Basel. Vor allem die Preise für Neuwohnungen wie jene am Frauentalweg sind stark gestiegen. Dies vor dem Hintergrund, dass die Mietpreise seit 2000 bereits um bis zu zwanzig Prozent gestiegen sind.

Für diese Entwicklung sind verschiedene Faktoren verantwortlich, sagt Walter Angst vom Mieterverband - «unter anderem die gezielte Politik des Anziehens zahlungskräftiger Bewohner». Die schätzen die hiesige Lebensqualität ebenso wie das Geld, das am Ende des Monats im Portemonnaie bleibt. Dank tieferer Steuern mehr als dort, wo sie bisher wohnten.

Weil die Nachfrage so viel grösser ist als das Angebot, sind viele Suchende bereit, zu viel für ihre Wohnung zu bezahlen. Auf der Gewinnerseite dieses Prozesses stehen die, die haben. Wo der Markt aus den Fugen ist, scheuen sich VermieterInnen nicht, bei einem MieterInnenwechsel die Preise massiv anzuheben. Das ist zwar nicht immer ganz legal, aber weil im Kanton Zürich der Mietpreis der VorgängerInnen nicht mehr ausgewiesen werden muss und sich SchweizerInnen schwer tun, den Anfangsmietzins anzufechten, können VermieterInnen ziemlich sicher sein, dass niemand davon erfährt.

Noch haben die vielen Genossenschaftswohnungen eine allgemein dämpfende Wirkung auf die vom Mietrecht als Vergleichsgrösse für die Missbräuchlichkeit vorgesehene Ort- und Quartierüblichkeit. Rund 35 Prozent aller Wohnungen gehören in Zürich einer Genossenschaft oder der Stadt. Aber wer in einer solchen wohnt, zieht so schnell nicht wieder aus - wenn er oder sie nicht muss.

«Fast jede Genossenschaft hat Sanierungsprojekte», sagt Maya Käser von Domicil, einer Stiftung, die wahrscheinlich am besten weiss, was sich derzeit auf der Verliererseite abspielt. Hier nimmt man sich Leuten an, die auf Wohnungssuche sind und alleine nicht fündig werden. «Es sind alles sozio-ökonomisch Benachteiligte», sagt die Ko-Geschäftsführerin von Domicil: mehrheitlich AusländerInnen. Viele hätten keinen Internetzugang - was die Suche zusätzlich erschwere.

Käser schlägt Alarm: «So schlimm wie jetzt war es noch nie. 2006 liefen die Vermittlungen noch rund. Letztes Jahr wurde es dann harzig. Jetzt ist die Situation dramatisch.» Immer wieder gebe es in ihren Büros Krach zwischen Suchenden, für Käser ganz klar Ausdruck des steigenden Druckes. Wer nicht vermittelt werden kann, landet in einer Notwohnung - aber dort darf man nur vorübergehend bleiben.Das Ausweichen in die Agglomeration ist für viele dieser Leute schwierig bis unmöglich: zum einen darf ihnen Domicil nur innerhalb der Stadt Wohnungen vermitteln, zum andern erschweren die Arbeitszeiten, beispielsweise im Gastgewerbe, das Pendeln mit öffentlichen Verkehrsmitteln zwischen Stadt und Land. Und für arbeitende Eltern ist das Angebot an Kinderbetreuungseinrichtungen in der Agglomeration schlecht.

Für Maya Käser ist klar: Die aktuelle Mietmisere ist auch ein Resultat der sich öffnenden Schere zwischen Arm und Reich: «Während die Mietpreise, auch im unteren Segment, stark gestiegen sind, blieben die Gehälter im Niedriglohnbereich gleichbleibend tief.»

Während die VerliererInnen damit beschäftigt sind, für ihren Verbleib in ihrem sozialen Umfeld zu kämpfen, fragen sich - noch - nicht Betroffene: Was hält die Gesellschaft in einer Stadt zusammen, in der es keine Durchmischung mehr gibt? Was ist, wenn die Integrationsleistung, die durch gewachsene Strukturen erbracht wird, wegfällt? Fragen, auf die auch der Vorschlag für ein revidiertes Mietrecht, das jetzt in der Vernehmlassung ist, keine Antworten hat. Das, findet Walter Angst, ist erstaunlich - aber auch Ausdruck dafür, dass «die mietrechtliche Diskussion in der Politik völlig unterbelichtet ist».

Sogar in der (zusammen mit Genf) am meisten betroffenen Stadt im Land. So begegnet Zürichs Stadtpräsident Elmar Ledergerber mit grosser Gelassenheit den Gefahren, die das Goldmedaillenimage der Boomtown Züri trüben könnten. Zwar benennt auch er das Problem der sich öffnenden Gehaltsschere - und er wünscht sich keine Stadt, in der nur noch Reiche wohnen können. Aber auf die Frage, ob der massive Anstieg der Mieten noch im grünen Bereich liege, sagt er: «Die Mietschutzgesetze verhindern, dass diese Entwicklung auf die bestehenden Mietverträge durchschlägt.» Das mag sogar in den meisten Fällen stimmen, blendet aber aus, dass bei jedem Mieterwechsel und auch bei jedem Neubau die Preise über die zulässige Brutto- oder Nettorendite oder über die Quartierüblichkeit angehoben werden können, wie das Beispiel Frauentalweg zeigt.

Sit-in mit San Keller

«Die Frage, wer in Zürich wohnen kann, ist unter der Ära Ledergerber stark in den Hintergrund getreten», sagt Walter Angst vom Mieterverband Zürich, «man sonnt sich im Erfolg.» Der Mieterverband, der derzeit an verschiedenen Fronten zu kämpfen hat und sich von der Stadt eine Intensivierung des kommunalen Wohnungsbaus erhofft, möchte am liebsten auch die privaten und institutionellen Liegenschaftenbesitzer wie Pensionskassen und Versicherungen in die Pflicht nehmen. Die Vision: Neue Überbauungen wie jener auf dem Areal Zollfreilager sollen nicht ausschliessliche Profitobjekte sein, sondern auch günstigere Wohnungen bieten (vgl. unten).

Auch die nächste Fette-Mieten-Party soll bald steigen. Und der Künstler San Keller mischt sich ebenfalls unter die Wohnpolitikaktivisten: Am 27. April veranstaltet er in der Goldküstengemeinde Meilen in zwei Mietshäusern, die Neubaulofts weichen müssen, ein Sit-in. Die Teilnehmenden bringen, als potenzielle BesitzerInnen, ihre eigenen Lounge-Chairs mit. San Keller wird Champagner und Lachsbrötchen servieren. Vielleicht sind das ja die Anfänge einer neuen Wohnungsnotbewegung.

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