Nr. 16/2008 vom 17.04.2008

«Starkes Sonntagsgefühl»

von Stefan Keller

Als Franz Kafka an einem frühen Morgen Ende August 1911 mit der Eisenbahn via Lindau und Bregenz die Schweiz erreichte, war der Himmel «so blau und glatt, dass jede Wolke an ihm abrutschen müsste». Dem jungen Versicherungsjuristen und Schriftsteller aus Prag, der gemeinsam mit seinem Freund Max Brod unterwegs war, fiel nicht etwa der markante Säntis als Erstes auf, sondern eine unscheinbare, heute längst abgerissene Strassenbrücke bei Goldach, die er sofort in sein Notizheft zeichnete. Das Alpsteingebirge, das zwischen St. Margrethen und Wil immer wieder hinter den Hügeln zu sehen war und auf das die OstschweizerInnen gerne stolz sind, schlug sich in den Reiseaufzeichnungen Kafkas nur gerade in einem ironischen Sätzchen nieder. Unter dem Titel «Patriotische Statistik», heisst es da frech: «Flächeninhalt einer in der Ebene auseinandergezogenen Schweiz.»

Max Brod studierte unterdessen die Tannen, welche ihm in der Schweiz besonders kräftig vorkamen. Er verglich sie im Geist mit den Tannenzeichnungen des in Berlin lebenden Schweizer Künstlers Karl Walser und fand die Originale gut getroffen, unvergleichlich üppiger jedenfalls als die bayerischen Tannen, die er am Vortag gesehen hatte. Um 5.25 Uhr am 27. August 1911 erreichten die beiden Literaten, die daheim als Bürobeamte arbeiten mussten, den Zürcher Hauptbahnhof. Zuallererst sahen sie dort Schweizer Soldaten, deren Kostümierung ihnen «historisch» vorkam: «Fehlen dieses Eindrucks beim eigenen [Militär]», schrieb Kafka, «Argument des Antimilitarismus». Entweder auf die Soldaten oder auf zivile Bürger ist die nächste Notiz gemünzt: «Schützen in Zürich auf dem Bahnhof. Unsere Furcht vor dem Losgehen der Gewehre, wenn sie laufen.»

Franz Kafka, geboren 1883, gestorben 1924 an Tuberkulose, war im Spätsommer 1911 zweimal in der Schweiz. Das erste Mal reiste er mit Max Brod nach Zürich, weiter nach Luzern und von dort ins Tessin. Sie besuchten die Rigi, fuhren auf dem Vierwaldstättersee herum, verbrachten einige Zeit in Lugano, von wo sie später nach Mailand und schliesslich via Stresa, Simplontunnel und Montreux nach Paris weiterreisten. Das zweite Mal, am 13. September, kehrte Kafka von Paris allein nach Zürich zurück und verbrachte eine Woche in Fellenbergs Naturheilanstalt in Erlenbach, um sich von einer seiner zahlreichen Krankheiten zu erholen.

Hartmut Binder, ein deutscher Germanist und Kafkaforscher, hat diese Reisen minutiös recherchiert und zusammen mit anderen Reisen Kafkas «in den Süden» sozusagen Schritt für Schritt in einem schön gestalteten Bildband dargestellt. Der Aufenthalt in Erlenbach scheint dabei - was Dokumente und Bilder betrifft - nicht so viel herzugeben, wie die neuneinhalb Stunden, die Kafka und Brod am 27. August in Zürich verbrachten. Fellenbergs Sanatorium, wo nach anderen Quellen damals ein Thurgauer Käsersohn als leitender Arzt allerhand neue Methoden entwickelte, die von einem militanten Nudismus über die Autosuggestion bis zum Magnetismus reichten - später rieb er den PatientInnen sogar äusserlich Hormone ein, wie die Thurgauer Käser ihren Tilsitern die Sulz -, wäre aber interessant.

An jenem 27. August liessen Kafka und Brod das Gepäck im Bahnhof. Sie kauften Stadtplan und Reiseführer, spazierten etwas Richtung Central, dann der Limmat entlang und schliesslich durch die Bahnhofstrasse bis zum Bürkliplatz. Weil es Sonntag war, konnten die Prager Touristen die noblen Geschäfte an der Bahnhofstrasse nur von aussen betrachten, insbesondere die Grands Magasins Jelmoli in der Seidengasse - beide notierten falsch JERMOLI - scheinen sie beeindruckt zu haben: «Die kleine Stadt hat es eleganter als Prag», fand Brod, und Kafka hob in seinen Aufzeichnungen die langfristige Reklamewirkung einer grosszügigen Warenhausarchitektur hervor. Als sie schliesslich den Bürkliplatz erreichten, notierte Kafka: «Starkes Sonntagsgefühl bei der Einbildung, hier Bewohner zu sein.» Hauptsächlich gefiel ihm die hölzerne Männerbadeanstalt, die damals dort verankert war.

«Grossmünster, alt oder neu?», heisst es in Kafkas Notizen: Vor dem geplanten und herbeigesehnten Bad hatten die Prager nämlich Hunger verspürt. Sie hatten ein Lokal gesucht, in dem es auch vegetarische Speisen gab, und waren im «Karl dem Grossen» am Fuss des Münsters gelandet, einer alkoholfreien Gaststätte des Zürcher Frauenvereins. Kafka ass fleischlos: «Butter wie Eidotter. ‹Zürcher Zeitung›», rühmte er das Frühstück. Als sie darauf die nebenstehende Kirche besichtigten, hielt der Messmer sie für Gottesdienstbesucher und führte sie unverzüglich zu den für Männer reservierten Bänken. Um dem Gottesdienst zu entgehen, mussten sie aus dem Grossmünster praktisch fliehen.

Am späten Vormittag in der Badi am Bürkliplatz staunte Franz Kafka über die «republikanische Freiheit» der Schweizer Männer, weil diese sich in der Garderobe ungeniert vor den andern auszogen, und über den Bademeister, der das Sonnendeck samt Badegästen ebenso ungeniert mit einem kalten Wasserstrahl räumte. «Dieses Leermachen wird übrigens nicht grundloser gewesen sein, als die Sprache unverständlich ist», schrieb Kafka. «Schweizerisch: Mit Blei ausgegossenes Deutsch.» Max Brod jedoch regte sich furchtbar auf, ihn störten auch die vielen Verbote, auf die man hier überall stiess. Schlechter Laune verliess er das Bad, und weder ein Platzkonzert in den Stadthausanlagen («Die Mädchen sind sämmtlich hässlich») noch die Ansicht der alten, moscheenhaften Tonhalle vermochten ihn wirklich aufzuheitern: «Unmusikalische Städte protzen immer mit ihren Veranstaltungen für Musik». Nach einem Mittagessen, das sie wieder im «Karl dem Grossen» zu sich nahmen, nach einem gescheiterten Versuch, das «Gottfried-Keller-Zimmer» in der sonntags geschlossenen Stadtbibliothek zu besuchen, nach Betrachtungen zu verschiedenen Themen - Brod: «Kann es in dieser reinen Stadt Bordelle geben?»; Kafka: «Langsam gehende Soldaten sind Polizisten» - verliessen sie Zürich um 15.05 Uhr und bezogen am späten Nachmittag im Hotel Rebstock in Luzern Quartier.

www.franzkafka.de

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