Nr. 19/2008 vom 08.05.2008

Ein radikales Gedankenspiel

Abdourahman A. Waberi denkt die Welt um: In seiner Sozialutopie «In den Vereinigten Staaten von Afrika» ist der schwarze Kontinent der politische, ökonomische und geistige Nabel der Welt.

Von Maike van Schwamen

Man stelle sich vor: Die Schweiz versinkt im Bürgerkrieg. Wilde Horden von Milizen ziehen plündernd durchs Land, um es in Stücke zu zerschlagen. Belgien gibt es nach der Teilung in Wallonien und Flandern nicht mehr, auch Frankreich versinkt im Elend, und in Restdeutschland schützen Blauhelmtruppen aus Nigeria, Zimbabwe und Malawi die ZivilistInnen vor den Konflikten zwischen ostdeutschen Milizen und bayerischen Kriegsherren. Hunderttausende abgemagerter EuropäerInnen nehmen alljährlich die lebensgefährliche Flucht über die Meerenge von Gibraltar auf sich, um in das Land zu gelangen, in dem Milch und Honig fliessen: die Vereinigten Staaten von Afrika.

Die Wiege der Menschheit

Was wäre heute, wenn die mächtigen nord- und westafrikanischen Reiche der Antike und des Mittelalters - Ägypten, Aksum, Ghana, Mali und Songhai - nicht untergegangen wären, sondern ihren Reichtum weitervererbt hätten? Wenn immense Kapitalströme zwischen Eritrea und seinen dynamischen Nachbarn flössen? Wenn das einstige hamitische Königreich Tschad mit seinen Ölquellen reich geworden wäre und das frühere Sultanat von Dschibuti heute auf dem Erdgasboom surfen könnte? Was, wenn die afrikanischen Reiche nicht von europäischen Kolonialherren auseinandergerissen und zu instabilen Vielvölkerstaaten zusammengewürfelt worden wären, sodass ethnische Konflikte programmiert waren? Ist es wirklich so schwer vorstellbar, dass die Wiege der Menschheit auch ihr ökonomischer Mittelpunkt sein sollte?

Der afrikanische Autor Abdourahman A. Waberi - mit Wurzeln im nordostafrikanischen Dschibuti und europäischem Bildungshintergrund - denkt die Welt radikal um. In seinem Roman «In den Vereinigten Staaten von Afrika» liegt der gesamte Reichtum der Weltbevölkerung in eben jenem Kontinent, in dem der britische Wirtschaftsprofessor Paul Collier einen grossen Teil der «untersten Milliarde» verortet, die er in seinem kürzlich erschienenen gleichnamigen Sachbuch betrachtet. Den ehemaligen europäischen Kolonialmächten und den NordamerikanerInnen hingegen lässt Waberi es dreckig gehen, und auch die Schweiz als Wohlstandsparadies per se kriegt gleich zu Anfang ihr Fett weg.

Trotz ihrer Radikalität erscheint Waberis Utopie naheliegend, und so überrascht es nicht, dass der Autor nicht der einzige ist, der von den «Vereinigten Staaten von Afrika» träumt: Parallel zu seinem Roman entstand die Komödie «Africa Paradis» des Beniner Filmemachers Sylvestre Amoussou, die 2007 in den französischen Kinos anlief und von einem arbeitslosen französischen Pärchen erzählt, das sich von Schleppern ins reiche Afrika einschleusen lässt, um dort sein Glück zu versuchen.

In Waberis Roman ist die schöne Künstlerin Maya die Protagonistin, ein nettes Mädchen aus gutem Hause, von einer armen Wäscherin in der Normandie geboren und von einem wohlmeinenden und schöngeistigen afrikanischen Paar adoptiert und grossgezogen in Asmara, der Bundeshauptstadt der United States of Africa. Maya oder Malaïka, wie die Engelsgleiche auch genannt wird, verbringt ihre Tage zwischen Büchern und den schönen Künsten. Sie führte schon als Kind ein so mustergültiges Stubenhockerdasein, dass ihr Adoptivvater, der Maya aus dem Elend zog, als er seinen Verpflichtungen als Armenarzt in der Gironde, Andalusien und den Karpaten nachkam, sie schon mal schimpfend auffordern musste: «Geh raus, leben!»

Elendes Europa

In seiner sanften Heldin hält Waberi uns Wohlstandsverwöhnten einen Spiegel vor. Maya ist eine Linksintellektuelle, die sich durchaus Gedanken über ihr Umfeld macht. Sie sieht die elenden Verhältnisse der euramerikanischen Flüchtlinge, nimmt die Medienhetze über die «weisse Gefahr» mit Sorge zur Kenntnis und zweifelt daran, dass Burger von McDioula, Kaffeekreationen von Sarr Mbock und Milcheis von Hadji Daas der Sinn des Lebens sein sollen. Irgendwann fängt die Weisse an, sich über ihre Herkunft zu befragen, und als ihre geliebte Adoptivmutter stirbt, macht sie sich auf nach Absurdistan, ins elende Europa, um ihre leibliche Mutter zu suchen. Waberi handelt diese Reise nach Frankreich - «ein Land, das bei lebendigem Leibe verfault und nach Urin und Mangel stinkt» - auf wenigen Seiten ab, und auch für Maya bleibt sie nicht mehr als eine kurze Episode ihres Lebens, die sie mit gereinigtem Gewissen in ihr Wohlstandsnest zurückkehren lässt.

Waberi erzählt seine Sozialutopie im Märchenstil. Seine überaus blumige, bunte und mit zahlreichen Bildern und Gleichnissen gespickte Sprache wirkt einerseits wie eine Hommage an die mündliche Erzähltradition der afrikanischen Literatur, birgt andererseits jedoch eine gehörige Portion Ironie und tiefschwarzen, scharfzüngigen Humor.

Die in 32 kurze Kapitel unterteilte Erzählung ist eher Fallstudie als Roman, und sein Icherzähler, der im ständigen Monolog auf die schöne Heldin einredet, hält diese wie eine Art Marionette in der Hand. Sie ist ein Modell, mehr nicht, und das macht es nicht leicht, sich für sie als Protagonistin zu interessieren.

Nichtsdestoweniger ist Abdourahman A. Waberis «Roman» ein interessantes Gedankenexperiment, das durch seine Radikalität besticht und uns einmal mehr hinterfragen lässt, warum die Verhältnisse sind, wie sie sind. Ändern - das weiss auch Waberi - wird sich dadurch natürlich nichts.

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