Nr. 19/2008 vom 08.05.2008

Tote Saison

Paul L. Walser

Tote Saison? Wer sie einmal erlebt hat, weiss, dass dies ein unheimlich genauer Begriff ist. Tote Saison, das ist jene Phase, wenn im Hochgebirge die Hotels geschlossen oder im Umbau sind, wenn die Bergbahnen Sparfahrplan haben und kaum ein Lokal mehr offen ist. Wenn die Wintersaison vorbei ist, aber alles ringsum noch weiss und grau ist, während in den unteren Lagen der Frühling ins Kraut schiesst. Tote Saison ist auch dann, wenn die weisse Hochsaison noch nicht begonnen hat, aber ringsum alles schon ein bisschen weiss ist, während weiter unten goldener Herbst die Seelen beglückt.

Ich habe die tote Saison zweimal erlebt, im Oberengadin, und dies war der Grund dafür, dass ich bis an mein Lebensende nie die Erfindung des Autos verfluchen werde: Kurz nach meiner Ankunft dort oben fügte es mein Schicksal, dass ich in sehr jungen Jahren zu einem alten 2 CV kam. Dank ihm konnte ich immer wieder der toten Saison entfliehen, hinunter nach Chiavenna und an den Comer See oder hinunter nach Chur oder Innsbruck. So gut diese Ausflüge ins Warme, Farbige, Lebendige taten, so schlimm war die Rückkehr in die graue Kälte. Einziger Trost war das Fortschreiten des Jahrs: Wenn die neue Saison endlich da war, die die Fremden anzog und die Einheimischen aus der Käfighaltung befreite, hatte man allen Grund zu entfesselter Freude, als wäre man neu geboren.

Wegen meiner eigenen Erfahrung machte mich kürzlich ein Buch mit dem Titel «Tote Saison» neugierig, ein Krimi, der im Salzburger Bergland spielt. Der aus jener Gegend stammende Schriftsteller O. P. Zier schildert anhand der Ermordung einer Kulturbeamtin den Filz in den österreichischen Beamten- und Parteistrukturen. Was da alles zutage kommt, ist nur die Konsequenz der unerbittlichen toten Saison. Und könnte auch leicht abgewandelt (das heisst ohne Hof- und Kommerzialräte) in unseren hochgelegenen Gegenden geschehen. Der Titel stimmt.

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