Nr. 20/2008 vom 15.05.2008

Wo die Alpen wieder wild werden

Ein neuer Rundwanderweg erschliesst faszinierende Landschaften in den piemontesischen Alpen. Ein Geheimtipp für Wandernde, die die Einsamkeit suchen.

Von Bettina Dyttrich

Am Dorfrand von Sambuco tauchte der Hund auf. Ein bisschen sah er aus wie ein Wolf. Ruhig und unaufdringlich begann er mich zu begleiten. Das war mir ganz recht, denn ich war schon seit mehr als zwei Wochen allein unterwegs. Ich hatte in Briançon in den französischen Alpen begonnen und wollte ans Mittelmeer, hin und her zwischen Frankreich und Italien. Am meisten spürte ich den Unterschied zwischen den Ländern bei der Freundlichkeit der Menschen: Gleich am ersten Tag auf der piemontesischen Seite teilte auf einem Berggipfel ein Vogelbeobachter sein Mittagessen mit mir, dann schenkte mir ein Dörfler einen ganzen Berg Proviant, und der Wirt erzählte, er habe lange in Biel gelebt. Etwas einsam fühlte ich mich trotzdem, aber jetzt hatte ich ja einen Hund. Er trabte vor mir her, und wenn ich stehen blieb, wartete er auf mich.

Immer höher stiegen wir, bis der Wald aufhörte. Der Weg führte nun durch weinrot leuchtendes Heidelbeergestrüpp und wurde immer steiler. Den Hund beeindruckte das nicht, er schaute mir beim Beerensammeln zu und sprang dann wieder los.

Grosse Vielfalt

Der Bergrücken, mehr als tausend Meter über Sambuco, war überraschend flach. Eine zerfallende Militärkaserne - die piemontesischen Alpen sind voll davon - trotzte dem Wind. Dann ging es wieder tausend Meter hinunter, durch heissen, trockenen Wald. Kein Mensch war unterwegs, und langsam machte ich mir Sorgen, ob der Hund den Heimweg finden würde. Doch kurz vor dem Dorf Bagni di Vinadio, aus dem schon lautes Gebell tönte, verschwand er so schnell, dass ich mich nicht einmal verabschieden konnte.

Wer den ganzen Tag niemanden treffen will, ist im Valle Stura richtig. Das Tal an der Grenze zu Frankreich hat in den letzten 150 Jahren drei Viertel seiner EinwohnerInnen verloren. Die Übriggebliebenen leben fast alle im Haupttal, die Weiler in den Seitentälern verfallen, die Felder und Wiesen wachsen zu. Der Geograf Werner Bätzing, Autor des Standardwerkes «Die Alpen» (Verlag C. H. Beck), begann sich vor dreissig Jahren im Valle Stura mit den Alpen zu beschäftigen, später schrieb er seine Dissertation über das Gebiet. Dass jetzt im Valle Stura ein Rundwanderweg entstanden ist, ist auch ihm zu verdanken. Pünktlich zur Eröffnung stellen Bätzing und sein ehemaliger Student Michael Kleider den neuen Weg in einem Rotpunkt-Buch vor.

Der Rundwanderweg heisst «Lou Viage» - «die Reise» auf Okzitanisch, der ursprünglichen Sprache des Tals. Er beginnt am Alpenrand, führt auf der linken Talseite in etwa neun Tagen hinauf bis fast zur französischen Grenze, dann in neun bis zehn Etappen über mehrere Seitentäler zurück in die Ebene. Dabei berührt er die verschiedensten Landschaften von Kastanienwäldern bis zu hochalpinen Weiden und Gipfeln. So lässt sich im Sturatal zu fast jeder Jahreszeit wandern. Dabei gibt es viel zu sehen: mediterrane Pflanzen in den Tälern, historische Wege und Befestigungsanlagen auf über 2000 Metern oder das höchstgelegene Kloster der Alpen, Sant'Anna di Vinadio. Ein verrückter Ort: Die Wände der Wallfahrtskirche sind mit unzähligen Bildern bedeckt. Als Dank an die heilige Anna, die Menschen vor Lawinen, Hochwasser und anderem Übel beschützt hat - in moderner Zeit vor allem vor dem Tod auf der Strasse. Die vielen Fotos von Autowracks sind eindrücklich.

Wandern als Umweltschutz

Lou Viage lässt sich mit der langen Weitwanderung Grande Traversata delle Alpi kombinieren. Auch der Übergang ins nahe Valle Maira ist möglich: Dort, in einem Tal mit ähnlich starker Abwanderung, funktioniert ein Rundwanderweg mit ähnlichem Konzept - und ausgezeichnetem Essen in den Unterkünften - seit fünfzehn Jahren. Dank begeisterten Gästen vor allem aus Deutschland und der Schweiz sind etwa zwanzig neue Arbeitsplätze entstanden.

Wird nun dank Lou Viage der grosse Aufschwung ins Sturatal kommen? Die Autoren machen sich keine Illusionen: «Die eventuell neu entstehenden Arbeitsplätze werden den generellen Arbeitsplatzmangel bei weitem nicht kompensieren können.» Trotzdem halten sie den sanften Wandertourismus für wichtig: Denn wo niemand mehr wohnt, protestiert auch niemand, wenn Grossprojekte wie Stauseen oder Retortendörfer geplant werden. Wo der Wandertourismus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist, hingegen schon. Auch dazu gibt es ein Beispiel aus dem Valle Maira: Dort hatten Proteste von Touristen, Gastwirtinnen und Alpenclubmitgliedern gegen lärmige Schneemobile Erfolg.

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