Nr. 21/2008 vom 22.05.2008

Im Innern eines Kobolds

Die Leben und Geschichten eines Abtrünnigen: Eben erst fünfzig geworden, legt der Frontmann von The Fall seine Autobiografie vor.

Von Marcel Elsener

Vor wenigen Wochen machte Mark E. Smith mal wieder Schlagzeilen in der britischen Presse. Der «aufbrausende Punkrocker» habe eine Anzeige von TierschützerInnen am Hals, hiess es, weil er in einem Interview zugegeben hatte, in seinem Garten ein paar geschützte rote (nicht graue) Eichhörnchen getötet zu haben - mit einer Heckenschere! In den Artikeln wurde betont, dass der Mann ohne weitere Reue bereits annähernd fünfzig Bandmitglieder gefeuert hatte. Die Botschaft: Der Misanthrop kann kein Tierfreund sein, auch wenn er nachweislich eine Schwäche für Katzen hat.

Da war es wieder, das Bild vom Monster aus Manchester - Mark E. Smith, der notorisch unberechenbare Kampftrinker mit der zerknitterten Visage eines bösartigen Gremlins, nach allem Giftpfeile werfend, was sich bewegt. «Mad Mark», der selbst ernannte City Hobgoblin (Kobold), eine schauerliche, unfassbare Gestalt, die den Horrorgeschichten von H. P. Lovecraft entsprungen scheint.

Papperlapapp! Smith selber zuckte die Schultern und nutzte den publizistischen Schwung: Immerhin veröffentlichte er soeben seine 27. reguläre Studioplatte mit The Fall («Imperial Wax Solvent») sowie seine seit Jahren angekündigte Autobiografie «Renegade» (Abtrünniger), die er wie folgt anpreist: «Unmengen Sachen sind über mich gesagt worden, aber nie in meinen eigenen Worten. Das ist der wahre Stoff.»

In der einem jungen Journalisten aus seinem Stadtviertel (Prestwich) während unzähliger Pub-Stunden diktierten Lebensbeichte tut der 1957 im armen Norden Manchesters geborene Sohn eines Spenglers nichts für einen besseren Ruf. Und doch dürfte er über seine Fankreise hinaus Sympathie wecken, wenn er als letzter Verteidiger einer «real working class» und unbeugsamer Rockrebell gegen seine vielen Exmusiker (Kapitelüberschrift: «The Group/s and their Useless Lives»), faule Fussballer, verlogene Popstars, dumme JournalistInnen, verräterische Labour-PolitikerInnen und überhaupt die meisten Entwicklungen in der heutigen (englischen) Gesellschaft wettert. Und dabei, wohlverstanden, nie jammert, nicht wie die «weinerliche Beckham-Generation».

Ein Junge von sechzig

Ein Abweichler und Sonderling war der schmale Wurf schon in seiner Primarschulzeit, als er als einziger seiner Klasse für Manchester City schwärmte, mit einer seiner Bubengangs (Psycho Mafia, The Barry Boy Gang) im Quartier präparierte Pornohefte verkaufte und mit seinen drei Schwestern «japanisches Gefängnislager» spielte, in dem er sie zum stundenlangen Verharren unter einem Tuch unter dem Tisch befahl, «weil jederzeit die Air Force kommen konnte».

Schon als Zwölfjähriger muss er wie ein Sechzigjähriger gewirkt haben, wie ihm Bekannte beschieden; mehr als TV und Musik interessierten ihn die Welt der Comics und Bücher wie Thomas Hardys «The Mayor of Casterbridge» oder George V. Higgins' «The Friends of Eddie Cole». In seinem ersten (und letzten) Job als Expedient (shipping clerk) in den Docks von Salford entdeckte er seine wahre Berufung: das Schreiben. Vom schottischen Schriftsteller Thomas Carlyle übernahm er das Lebensmotto: «Produce, produce - it's the only thing you're there for.» Ohne sich als grosser Schriftsteller zu fühlen; anders als beim «arroganten» (Smith) John Lennon kommt in Smiths Selbstverständnis der Mensch vor dem Künstler.

Das Leben als Puzzle

Nun ist der Fall-Leader schon oft durchleuchtet worden; jahrzehntelang galt er als meist zitierter Mensch in der britischen Musikpresse, und vor wenigen Jahren sind eine beflissene (Simon Ford) und eine kumpelhafte Biografie (Mick Middles) über den «Hip Priest» erschienen. Doch der persönliche Bericht des grantigen Onkels hat einen entscheidenden Vorteil: Man wähnt sich beim Lesen tatsächlich in einer Biertischplauderei mit dem Meister, der immer wieder eigenwillige Prioritäten setzt: So scheint ihm die Begegnung mit dem Exfussballer George Best interessanter als die Freundschaft mit Nick Cave, den er lediglich als Beispiel für die schädliche Wirkung von Heroin zitiert.

Bei aller Offenherzigkeit, etwa in Bezug auf Drogen («Ich gehöre zu den drei Prozent Menschen, die gemacht sind für Speed») oder seinen Privatkonkurs in den neunziger Jahren, vermeidet Smith peinliche Enthüllungen. Wie er wirklich lebt und wen er wirklich liebt, muss man sich aus den erzählten Fetzen selbst zusammenreimen.

Seit je glaubt Smith, mit der Gabe der Vorahnung gesegnet zu sein. «Ich habe den Typ Gesicht, von dem die Leute Rat wollen. Es muss an der Nase liegen oder an der Art, wie ich trinke», schreibt er und liebäugelt mit einem Nebenjob als Tarotkartenleger. Noch witziger wird er dort, wo sein sarkastischer Ingrimm mit dem gnomenhaften Gelächter zur aphoristischen Weisheit verschmilzt. Sein Kommentar zur neuen Gesundheitspolitik: «New Labour will, dass wir ewig leben. Und die renovierten Pubs wirken wie Konzentrationslager mit Zapfhähnen.»

Im durchgestylten Computerzeitalter bleiben Neugier und Strassenleben der Kinder ebenso auf der Strecke wie Smiths Trinkkumpane und die wenigen echten Freunde, die noch die Werte seiner Elterngeneration hochhalten wie Ausdauer, Biss, Ehrlichkeit. Und jene Bescheidenheit, die sein Dad forderte: «Wenn du dich zu sexy fühlst, trink ein Glas Wasser und spring ein paar Mal über den Hinterhof.»

1997 erlebte Smith seinen persönlichen Tiefpunkt just im Jahr, da «die Unschuld starb» - Prinzessin Diana, die «perfekte Märtyrerin jener Zeit, die für nichts stand». Blair und Bush wurden «Friends» und die gleichnamige Fernsehserie «zur neuen Religion», wie Smith lästert. «Von jenem Jahr hat sich England nie wieder erholt; ich schon, aber England nicht.»

Ein bisschen Kampfeswillen

Man wünscht am Ende der Lektüre, dass es so ist und dass Smiths Versprechen eines «weissen Engels» keine Todesahnung ist. Während seine Weggenossen wie Ian Curtis und Joe Strummer, die sich derzeit im Glanz der Kinoleinwände sonnen («Control» und «The Unwritten Story»), nicht nur überlebt, längst tot oder Waschlappen geworden sind, lebt der Fall-Berserker noch. Und er kennt seinen Platz.

«Johnny Cash und Jerry Lee Lewis und Link Wray und Iggy Pop bedeuten mir viel. Ihre Kunst kommt von reicher Erfahrung, solche Wahrhaftigkeit kannst du nicht faken. Und nicht manipulieren. Sie gehen oft dort hin, wohin ihre Instinkte sie leiten, und häufiger als nicht funktioniert das.» Es gäbe nicht genug von solchen Typen, schreibt Mark E. Smith. Natürlich ist er mitgemeint. Und Ähnliches gilt für sein Publikum: «The Fall sollen Leute vertreten, die sich nicht verpimpern lassen; jene, die noch ein bisschen Kampfeswillen in sich haben.» Danke, darauf «New Puritan» (von «Totale's Turns», 1980) aufgelegt und rein in die laufende Schlacht um das verschwindende öffentliche Leben.

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