Nr. 22/2008 vom 29.05.2008

Ein Zug voller Leichen

Von Florian Vetsch

Khushwant Singh (geboren 1915 in Hadali, heute Pakistan) veröffentlichte 1956 einen Roman, der zum Klassiker der indischen Literatur werden sollte: «Train to Pakistan». Axel Monte hat das Werk in einer unter die Haut gehenden Weise ins Deutsche übersetzt. «Der Zug nach Pakistan» erzählt, wie die BritInnen 1947 ihre langjährige Kolonie in ein muslimisches Pakistan und ein hinduistisches Indien teilten. Dies führte zu einer Katastrophe mit zwei Millionen Toten und zehn Millionen Flüchtlingen.

Khushwant Singh erzählt aber nicht von den grossen Zeitläufen, sondern von einem kleinen Dorf, wo plötzlich ein gespenstischer Zug voller Leichen eintrifft. Die fürchterliche Fracht führt dazu, dass die MuslimInnen das kleine Dorf, in dem sie seit Jahrhunderten friedlich mit Sikhs und Hindus zusammengelebt haben, verlassen müssen. Es kommt zur Zwangsumsiedlung, dann zum geplanten Racheakt, einem Anschlag auf einen Zug voller MuslimInnen. Das Attentat wird im letzten Augenblick vereitelt, ausgerechnet durch den Räuber Jagga. Er ist ein Sikh und liebt eine Muslimin, die im Zug sitzt.

Singh selbst ist, obschon er der Religion seiner Sikh-AhnInnen treu geblieben ist, ein Agnostiker, dem nichts so sehr widerstrebt wie Orthodoxie, diese von oben verordnete Rechtgläubigkeit in Fragen, auf die es keine verlässliche Antwort gibt. Seine kritische Haltung öffnet ihm die Augen für das Menschliche. Darin liegt eine der Stärken seines packenden Romans. Die komplexen Charaktere sind aus dem Leben gegriffen. Zum Beispiel der fettleibige Hukum Chand, der korrupte Polizeipräsident, der mit Whisky und Huren den Ekel vor sich selbst erfolglos zu betäuben versucht. Oder der hitzköpfige Kommunist Iqbal, dessen Ideologie ob der ringsum erwachten Mordgier Zug um Zug zu einem traurigen Fatalismus zerbröckelt. So widerspiegeln sich in Khushwant Singhs Roman «Der Zug nach Pakistan» die grossen politischen Ereignisse von 1947 in einem kleinen Dorf: glaubwürdig und bewegend.

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