Nr. 22/2008 vom 29.05.2008

Leere Bäuche im Portfolio

Sie ziehen Profite aus den gestiegenen Lebensmittelpreisen. Sind sich die Verantwortlichen bei den Pensionskassen und Banken dessen bewusst?

Von Daniel Stern

Die Meldung liess aufhorchen. Vor zwei Wochen meldete die Westschweizer Zeitung «Le Temps», dass die Genfer Privatbank Lombard Odier Darier Hentsch (LODH) sich aus dem Geschäft mit Agrarrohstoffen zurückziehen wolle. Ethische Gründe hätten zu diesem Entscheid geführt, hiess es. Eine Sprecherin von LODH bestätigt gegenüber der WOZ, dass solche Überlegungen im Gange sind, will jedoch keine weiteren Aussagen dazu machen.

Floskeln bei der UBS

Die Meldungen über die steigenden Lebensmittelpreise und die Diskussionen über die Verantwortung der SpekulantInnen sind offensichtlich auch in den Chefetagen der Banken angekommen. Dort wurden in den letzten Jahren immer mehr Fondsprodukte kreiert, die es AnlegerInnen erlauben, am Boom der Rohstoffbörsen teilzuhaben. Allerdings ist die Art und Weise, wie mit dem möglicherweise imageschädigenden Problem umgegangen wird, doch sehr unterschiedlich. Bei der UBS floskelt man per E-Mail auf eine entsprechende Anfrage der WOZ: «Wir sind uns bewusst, dass die hohen Nahrungsmittelpreise weltweit Besorgnis erregen und Gegenstand breiter Diskussion sind.» Jedoch: «Wir stimmen nicht mit der Einschätzung überein, Spekulation als zentrale Ursache für die Krise darzustellen. Eine solche Einschätzung lenkt lediglich von möglichen Lösungsansätzen ab.» Auf die schriftliche Präzisierung, dass gar niemand behaupte, die Spekulation sei die zentrale Ursache der Krise, sondern nur eine von verschiedenen, und die Frage, ob die UBS die Auswirkungen der Rohwarenfonds selber untersucht habe, erhält die WOZ keine Antwort mehr.

Die CS forscht

Etwas offener gibt man sich bei der CS. «Derzeit arbeiten die Analysten der Credit Suisse an dem Thema», heisst es auf der Medienstelle. Mitte Juni soll ein Bericht veröffentlicht werden. Bei der CS ist man der Meinung, dass die Spekulationen auf den Rohwarenmärkten zwar tatsächlich zu gewissen Preissteigerungen geführt hätten, jedoch nicht eine der Hauptursachen seien. So seien die Weizenpreise im Mai 2007 rapide gestiegen, weil wegen der Dürre in Australien und tieferen Lagerbeständen ein Engpass befürchtet wurde. SpekulantInnen seien danach lediglich auf den fahrenden Zug aufgesprungen und hätten die Preise zusätzlich angeheizt. Bei der CS glaubt man gar an den volkswirtschaftlichen Sinn der Spekulationen: Letztlich würden so Trends früher erkennbar und die Bauern dazu bewegt, zum Beispiel mehr Weizen anzubauen. Damit könne die weltweite Knappheit eines bestimmten Gutes verhindert werden.

Grosse Anleger in Rohwarenfonds sind inzwischen die Pensionskassen. «Anlagetechnisch ergeben solche Investitionen durchaus Sinn», sagt Christoph Müller, der die Sammelstiftung Nest bei ihrer Anlagepolitik berät. Da die Preise bei den Rohwaren nicht mit den Bewegungen am Aktienmarkt zusammenhängen, könnten solche Fonds helfen, Ertragseinbussen zu überbrücken. Allerdings hätten Pensionskassen einen langfristigen Anlagehorizont und würden nicht wie andere, sobald die Rohwarenkurse sinken, wieder aus einer Investition aussteigen. Er rechnet deshalb mit «Ertragsenttäuschungen» bei denjenigen Pensionskassen, die sich im grossen Stil in Rohwarenfonds eingekauft haben. Aus Gründen der Nachhaltigkeit hält Müller aber sowieso nichts von Anlagen in Rohwarenfonds.

Pensionskassen können ziemlich frei entscheiden, wie viel sie von ihrem Geld in welche Anlagen investieren. Zwar sind laut der entsprechenden Verordnung über die berufliche Vorsorge Anlagen in Rohwarenfonds und Hedgefonds gar nicht vorgesehen. Es gibt allerdings eine Ausnahmebestimmung, die faktisch alles möglich macht, sofern genügend Sorgfalt angewandt wird und die Risiken nicht zu einseitig verteilt werden. Ausserdem muss die Pensionskasse ihre Anlageabsichten in einem Anlagereglement niederschreiben. Irgendwelche gesetzlichen Auflagen, dass das Geld gesellschaftlich nützlich investiert werden muss, gibt es keine.

Alternative für Pensionskassen

Christoph Müller berät Pensionskassen besonders bei Investitionen in sogenannt nachhaltige Anlagen. Auch solche Investitionen seien derzeit profitabel. Momentan werde viel in Projekte zur alternativen Energiegewinnung investiert. Das rentiere, weil der Preis für Erdöl so hoch sei. Falle jedoch der Preis, so könne das auch wieder ändern. Derzeit würden auch verschiedene nachhaltige Anlageprodukte im Bereich Rohwaren entstehen. Dabei gehe es etwa um die Bewirtschaftung von Holz. Auch Investitionen in eine alternative Getreideproduktion seien denkbar, bei der nicht wie in den USA und Argentinien übermässig viel Wasser und Energie verbraucht werde.

Die Pensionskasse der Stadt Zürich ist kaum in nachhaltigen Fonds engagiert. Und von ethischen Fonds hält sie nicht viel. «Sie bringen einfach zu wenig Rendite», sagt der Präsident der Anlagekommission Andi Hoppler. Dagegen hat diese Pensionskasse in den letzten Jahren das Engagement in Hedgefonds ausgebaut. Von den rund fünfzehn Milliarden Vermögen wird gegen eine Milliarde in insgesamt acht «Funds of Funds» investiert, die wiederum ihre Aktiven in diversen Hedgefonds anlegen.

Das Engagement in Rohwarenfonds habe man allerdings auch aus ethischen Gründen reduziert, sagt Hoppler. Trotzdem, letztlich gehe es bei einer Pensionskasse darum, eine Minimalrendite zu erwirtschaften, um die nötige Verzinsung der einbezahlten Gelder gewährleisten zu können. Denn schliesslich gelte: «Rentner wollen vor allem ihre Rente.»