Nr. 23/2008 vom 05.06.2008

Mehr Bauern, bitte!

Ausgerechnet jene MilchbäuerInnen, die alles nach Lehrbuch gemacht haben, sind in der Krise. Das ist kein Zufall.

Von Bettina Dyttrich

Augenhöhe. Das ist das Wort, das immer wieder fällt, wenn es um den Milchstreik geht, der am Dienstagmorgen zu Ende ging. «Wir brauchen eine Organisation, die auf Augenhöhe mit der Milchindustrie verhandeln kann», sagt Martin Haab, Milchbauer in Mettmenstetten im Knonaueramt und Kopräsident von BIG-M, der Organisation, die den Milchstreik in der Deutschschweiz angeführt hat. Christoph Grosjean von den Schweizerischen Milchproduzenten (SMP) sagt dasselbe.

Kein Wunder: Auf der eine Seite stehen die vier grossen Milchverarbeiter Emmi, Cremo, Elsa und Hochdorf Swiss Milk, die achtzig Prozent der Schweizer Molkereimilch verarbeiten (die Hartkäseproduktion wird separat gerechnet). Sie sind organisiert in der VMI, der Vereinigung der Schweizerischen Milchindustrie. Auf der anderen Seite stehen 38 kleine Produzentenorganisationen, die ihre Milch loswerden wollen und sich dabei oft gegenseitig konkurrenzieren. Keine Frage, wer hier die Augen höher oben hat. Ziel eines Streiks sei «die Neuregulierung von sozialen Beziehungen, die aus dem Lot geraten sind», hat Oliver Fahrni zum SBB-Cargo-Streik in Bellinzona geschrieben (siehe WOZ Nr. 15/08). Das trifft auch auf den Milchstreik zu.

Der «Streikkäse»

Der Milchsektor steckt mitten in der Liberalisierung. Dreissig Jahre lang hat der Staat die Milchmenge mit Kontingenten limitiert – eine Reaktion auf die Überschüsse der sechziger und siebziger Jahre. Ab 1. Mai 2009 wird es keine Kontingente mehr geben. Wie es danach genau weitergeht, ist noch unklar. Aber stabiler wird der Markt sicher nicht werden.

Wer Milch produziert, ist gezwungen, diese weiterzuverwerten oder abzuliefern. Und zwar schnell. Wenn ein Abnehmer keine kostendeckenden Preise zahlt, kann die Milchbäuerin nicht warten, bis sie ein besseres Angebot bekommt. Im Gegenteil: In vielen abgelegenen Regionen müssen die ProduzentInnen froh sein, wenn überhaupt noch ein Milchlastwagen vorbeikommt. Das organisierte Zurückbehalten der Milch ist das einzige wirkliche Druckmittel, das sie haben. Dass dabei ein Teil der Milch weggeworfen werden muss, schmerzt die BäuerInnen selbst am meisten. So viel wie möglich wurde aber an Kälber verfüttert, verschenkt oder verkäst: Eine Käserei im Berner Jura stellte «Streikkäse» her, den sie später der Bevölkerung schenken will.

Der Streik war keine Verzweiflungstat von KleinbäuerInnen. Er begann auf Grossbetrieben: genau bei jenen, die den Empfehlungen des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW) gefolgt sind und die auf Vergrössern und Spezialisieren gesetzt haben.

Wie Martin Haab zum Beispiel: «Vor zehn Jahren hiess es, ein zukunftsfähiger Milchbetrieb habe vierzig Kühe», erzählt er. «Wir haben uns danach gerichtet, den Viehbestand vergrössert, einen teuren Stall gebaut. Wir haben viel Geld und Arbeit investiert, viel riskiert – und trotzdem stimmt heute die Rechnung nicht.»

Die Schweizer Landwirtschaft solle wettbewerbsfähiger werden, heisst es beim BLW seit Jahren. Dafür brauche es Strukturwandel: Die kleinen Höfe sollen verschwinden, damit die grossen wachsen können. Haab glaubt nicht mehr daran: «In Ostdeutschland gibt es Betriebe mit tausend Kühen – und auch sie kommen auf keinen grünen Zweig. Bei so vielen Kühen braucht es etwa zehn Angestellte, die Fixkosten sind hoch.» Und immer kann noch irgendwo jemand billiger produzieren.

Der Milchstreik ist ein Zeichen dafür, dass die Jagd nach mehr Wettbewerbsfähigkeit an Grenzen stösst. Tiere und Pflanzen können nicht ständig optimiert werden wie Maschinen, der Boden ist begrenzt, und auch Arbeit lässt sich nicht unbeschränkt einsparen. Gerade Letzteres spüren die milchstreikenden «Musterbetriebe» stark: «Die Westschweizer Bauerngewerkschaft Uniterre hat Recht: Es braucht mehr Bauern, nicht weniger», meint Bauer Haab. «Man kann doch nicht von uns verlangen, dass wir 65 Stunden in der Woche arbeiten für einen Jahreslohn von 30 000 Franken. Kein Wunder, wollen die Jungen da nicht mehr mitmachen. 55 Stunden sind genug!»

Enttäuschte Streikende

Ein fairer Milchpreis wäre ein erster Schritt in eine andere Richtung. Märkte brauchen Rahmenbedingungen, nicht nur bei der Milch. Der französische Agronom Marcel Mazoyer hat diese Richtung kürzlich skizziert (siehe WOZ Nr. 14/08): «Es braucht stabile Preise, und diese müssen so angesetzt sein, dass die Bauern überleben und investieren können. Der Preis muss überall auf der Welt gemäss den dort herrschenden Produktionsbedingungen festgelegt werden.» Zum Glück haben heute auch viele BäuerInnen internationale Kontakte und merken, dass das Rennen um Wettbewerbsfähigkeit erst zu Ende sein wird, wenn es keine bäuerliche Landwirtschaft mehr gibt.

Am Dienstagmorgen um ein Uhr haben die SMP mit der Milchindustrie einen Kompromiss ausgehandelt: Ab Juli gibt es sechs Rappen mehr pro Liter Milch. Somit liegt der Produzentenpreis bei durchschnittlich 76 Rappen – weniger als die geforderten 80 Rappen und noch weit unter dem Franken, der kostendeckend wäre. Auf dem BIG-M-Forum äusserten sich viele Streikende enttäuscht über den Abbruch. Trotzdem wertet Haab die Aktion als Erfolg: «Wir konnten viele Leute auf unser Anliegen aufmerksam machen. Das Echo war grösstenteils positiv, immer wieder haben uns Konsumenten gesagt: Wir zahlen gern zehn Rappen mehr, wenn sie auch wirklich bei euch ankommen.» In Deutschland gab es hingegen keine Einigung zwischen ProduzentInnen und Industrie. Dort geht der Milchstreik weiter.

Martin Haab stellt sich eine Organisation vor, der alle Schweizer MilchproduzentInnen angehören würden. Eine Organisation, die - wie gesagt - auf Augenhöhe mit der Milchindustrie über Mengen und Preise verhandeln könnte. So könnten Engpässe und Überschüsse vermieden werden, der Preis wäre stabiler. Er weiss, dass solche Ideen bei denen, die ständig vom freien Markt reden, auf Ablehnung stossen. Aber an den freien Markt glaubt Haab sowieso nicht mehr.

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