Nr. 27/2008 vom 03.07.2008

Wilder Osten

Thomas Wagner

Nicht um eine historische Aufarbeitung der Westernszene in der DDR, sondern um ein besseres Verständnis des postsozialistischen Ostdeutschlands geht es den Autoren eines Essays über die Indianistikszene in der DDR. Der Architekt Friedrich von Borries und der Historiker Jens-Uwe Fischer befragten dazu ZeitzeugInnen und gingen in die Archive. Ihre Typologie konservativer Karl-May-Fans, staatskonformer IndianistInnen und politischer AussteigerInnen geht mit drei Phasen der DDR-Geschichte zeitlich parallel: dem staatlichen Neuaufbau, der Konsolidierung und der Legitimationskrise der achtziger Jahre.

Aus einer winzigen Nischenbewegung noch faschistisch sozialisierter Indianer- und Westernfans wird bald eine staatlich anerkannte, aber auch kontrollierte Hobbyszene. Das wachsende Völkchen von IndianerenthusiastInnen versuchte dem Trott des sozialistischen Alltags zu entgehen, ohne dabei in der Regel oppositionell zu werden. Seit den sechziger Jahren geht es darum, den Befreiungskampf der US-IndianerInnen durch Protestbriefe und Aktionstage tatkräftig zu unterstützen. Kritische SED-Mitglieder und ÖkoanarchistInnen überlegten später, was die in eine Legitimationskrise schlitternde DDR vom schon von Engels gepriesenen Urkommunismus der IrokesInnen lernen könne.

Der flüssig geschriebene Text wird durch Interviewpassagen und Schwarz-Weiss-Fotografien aufgelockert. Exkurse zum Defa-Indianerfilm, zur kaum vorhandenen Indianerforschung und zu den Grosse-Bärin-Romanen der Liselotte Welskopf-Henrich bereichern das kulturgeschichtliche Bild, das durch Hinweise auf das politische Indianerspiel früherer Zeiten und anderer Länder hätte komplettiert werden können: so die Mohawks der Boston Tea Party und die Sponti-StadtindianerInnen. Der Vergleich mit den Hobbyisten Westdeutschlands wäre geeignet gewesen, manche autoritäre Erscheinung in den Tipilagern der DDR nicht auf die Allgegenwart der Staatssicherheit, sondern auf die unspektakuläre und biedere Tradition deutscher Vereinsmeierei zurückzuführen.

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