Nr. 32/2008 vom 07.08.2008

Fleisch gewordenes Geld

In ihrem neuen Roman seziert Marlene Streeruwitz das Triebleben des reichen Mannes und dringt in die tiefenpsychologischen Schichten vor.

Von Eva Pfister

Der Mann will alles kontrollieren. Er hat gelernt, Geldströme zu lenken, seine Geschäfte im Griff zu haben. Jetzt scheinen die finanziellen Transaktionen von selbst zu funktionieren, und ihm bleibt das Nachdenken über sein Leben. Hier, im privaten Bereich, hat er nicht mehr alles im Griff, denn seine Frau Lilli macht ihm Probleme. Seit er nicht mehr mit ihr schläft, sondern Asiatinnen mit Kinderkörperchen in Rückenansicht bevorzugt, kämpft sie gegen ihn. Zwar mag er das, der Machtmensch, aber als sie ihm die Polizei ins Haus schickt, merkt er, dass er sich von ihr trennen muss, obwohl er seine beiden Töchter nicht verlieren möchte.

Sex oder Geld

Marlene Streeruwitz, die kämpferische österreichische Autorin, kriecht in ihrem neuen Roman «Kreuzungen.» in den Kopf eines reichen Mannes. Der Finanzjongleur und Selfmademan lebt in Wien, hat sich aus kleinen Verhältnissen hochgearbeitet und gibt erst auf den letzten Seiten seinen Namen preis: Max. Allerdings merkt man diesem Mann ohne Herkunft allzu deutlich an, dass er im Kopf der Marlene Streeruwitz entstanden ist. Er ist ein Konstrukt, dessen Denken sich vor uns ausbreitet wie eine Bestätigung der tiefenpsychologischen Theorien über Geld und Sexualität: «... was war dann vorher. Der Sex oder das Geld. Und war er vom Sex abhängig und musste deshalb das Geld betreiben. Oder war er dem Geld verfallen und das Geld zog den Sex nach sich.»

Dass er als Fallstudie in die Geschichte eingehen wird, vermutet Max sogar selbst, denn er besucht regelmässig die Psychoanalytikerin Dr. Erlacher, der er verdankt, dass er nicht ganz aus der Balance gerät. Sein Triebleben macht ihm nämlich zusehends zu schaffen, was Streeruwitz mit einer etwas angestrengten Metapher von drei Spiegeln beschreibt, mit denen der Mann im Geiste jonglieren muss. Dennoch ist diese «Fallstudie» über weite Strecken spannend zu lesen.

Der Mann ist phallozentrisch. Er denkt von seinem Schwanz aus, von seinem «Kleiner Mann», wie er ihn nennt und auch grammatikalisch in keinem Fall beugt. Über andere kann er ebenfalls nur im sexuellen Kontext nachdenken, ob er sich nun vorstellt, wie der Scheidungsanwalt seine Frau auf dem Schreibtisch hernimmt. Oder ob er die Schläge, die seine Frau von ihrem Vater erdulden musste, als sexuellen Missbrauch deutet. Manchmal hat sein sexzentriertes Denken sogar eine feministische Schlagseite. Es ist ihm ein Anliegen, dass seine Töchter «nicht den Fehler ihrer Mutter machen sollten. Dass sie annahmen, etwas wert zu sein, weil diese Strapse sie begehrenswert machten.»

In Venedig, wo Max (wie einst Thomas Manns Gustav von Aschenbach) gesundheitlich angeschlagen durch eine Zahnoperation eine Auszeit nimmt, lernt er einen Künstler kennen, dessen Genie ihn restlos begeistert. Der Mann kann seinen Kot gestalten, etwa in netten Streifen. Mehr kann man seinen Körper nicht mehr kontrollieren! Für einige Wochen bilden sie eine glückliche Symbiose: Max ernährt Gianni, und der Künstler liefert ihm ein gestaltetes Produkt. Sein Geld, das ansonsten nur als digitale Information existiert, hat endlich eine sinnliche Verkörperung gefunden, die ihm noch besser gefällt als Frauen, die sein Geld willig gemacht hat.

Die Ehefrau kaufen

Gianni verschwindet eines Tages, und Max trauert ihm kurze Zeit nach, bis er sich sagt: «Er hätte immer bezahlen müssen. Er konnte ja nichts anderes. Und damit alles.» Und so macht er sich auf die Suche nach der idealen jungen Frau für eine «schmerzlose Partnerschaft», eine Ehefrau, die er kaufen könnte und für seine Bedürfnisse formen wie Pygmalion. Noch werden die Einzelheiten des Vertrags ausgehandelt, da fällt ihm bei einem Essen im Zürcher Hotel Dolder auf, dass das Verhalten der Kandidatin nicht ganz mit der angeblichen Herkunft aus der britischen Upper Class übereinstimmt. Dort bemerkt er allerdings auch seine eigenen Grenzen, denn: «Nirgends war der Ausschluss so klar wie in Zürich ... In jedem Restaurant war die Welt eingeteilt in die, die dasassen, und die, die sich dazusetzten.» Als Aufsteiger würde er nie das zufriedene Dasein des bürgerlichen Wohlstands erreichen können und redet sich ein, dass er das auch nicht will: Max will höher hinaus, will unabhängig sein - und nur bezahlen.

Die Macht dieses Helden von Marlene Streeruwitz ist zugleich seine Ohnmacht. Während er glaubt, sich neu zu erfinden, um sich unanfechtbar zu machen, kommt er sich zunehmend abhanden. So gelesen ist «Kreuzungen.» auch eine Variante der Geschichte von König Midas, der den Wunsch erfüllt bekam, dass alles, was er berührte, zu Gold wurde, und dann feststellen musste, dass er dadurch bald verhungern würde.

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