Nr. 35/2008 vom 28.08.2008

Mit dem Zug durch die Nacht

Zwölf AutorInnen sind unterwegs von West nach Ost, einer in der Gegenrichtung. Reflexionen über Liebe und Schrecken zum Gesang der Schienen.

Von Eva Pfister

Die SchweizerInnen lieben ihr Land, aber manchmal ist es ihnen zu eng. Dann reisen sie ins Ausland. Der Schriftsteller Hansjörg Schertenleib, ein leidenschaftlicher Schlafwagenfahrer, hat dreizehn deutschsprachige AutorInnen eingeladen, eine Reise im Nachtzug Wiener Walzer zu unternehmen und sich von der Fahrt inspirieren zu lassen.

Die Sehnsucht nach einem neuen Leben ist in vielen Geschichten die treibende Kraft, was nicht heisst, dass der Aufbruch auch gelingt. Das traurigste Scheitern beschreibt Peter Stamm in seiner Erzählung «Drei Schwestern», die auch in seinem neuen Prosaband «Wir fliegen» zu finden ist: Eine junge Frau ringt sich darin zaghaft zu ihrem Traum durch, Künstlerin zu werden. Unterstützt von ihrer Zeichenlehrerin stellt sie eine Mappe zusammen und besteigt den Nachtzug nach Wien, um dort an der Akademie die Aufnahmeprüfung zu machen. Im Abteil zeigt sie einer Mitreisenden ihre Zeichnungen und verliert plötzlich allen Mut. Der Schrecken besteht vor allem in der Entdeckung, dass sie mit ihrer Kunst ganz persönlich etwas von sich preisgibt. Sie steigt, mitten in der Nacht, in Innsbruck wieder aus und läuft einem Mann in die Arme, der ihr Leben von da an bestimmt und von der Kunst weit wegführt. Jahre später fängt sie heimlich wieder an zu zeichnen.

Auch andere AutorInnen lassen die Träume ihrer Reisenden platzen. Keto von Waberer tut dies mit einer geradezu bösartig ironischen Wendung, der Journalist Mark van Huisseling mit einer kleinen Gangsterfilmparodie. Oft ist der Nachtzug ein Katalysator: Nächtliche Gespräche lassen schiefe Beziehungen erkennen, wie in Annette Mingels Geschichte, oder flüchtige Begegnungen führen verpasste Gelegenheiten deutlich vor Augen, wie im Text von Alex Capus. Silvio Huonder erzählt eindrücklich von einem eifersüchtigen Ehemann, der seiner Frau heimlich in den Wiener Walzer folgt, besessen von der Vorstellung, sie in Wien mit ihrem Liebhaber zu ertappen.

Womit man beim Schlafwagenschaffner angelangt wäre, der in jeder Geschichte einen kleinen oder grösseren Auftritt hat, denn das war die Vorgabe des Herausgebers Schertenleib: Sein Schaffner heisst Andreas Berger, ist 46 Jahre alt, geschieden und war früher Drucker. Er hat eine sichelförmige Narbe unter dem linken Auge und eine tätowierte Windrose auf dem linken Unterarm. In seiner Puma-Tasche trägt er unter anderem ein Taschenbuch von Friedrich Glauser bei sich. Mit dieser anskizzierten Figur hat sich Hansjörg Schertenleib an jeder Erzählung der Anthologie ein wenig beteiligt. Manche AutorInnen machen den Schaffner gleich zum Protagonisten. Michael Stauffer projiziert eine geballte Ladung Erotik in ihn hinein, Perikles Monioudis erzählt die Geschichte seiner gescheiterten Ehe, und Rolf Lappert spaltet ihn in zwei Figuren auf für eine nicht ganz durchschaubare Vater-Sohn-Geschichte.

So reisten zwölf Autorinnen von Zürich nach Wien, einzig der Österreicher Franzobel bestand darauf, die Fahrt in umgekehrter Richtung anzutreten. Zur Strafe kommt sein Icherzähler ganz gerädert in Zürich an, geplagt von schlimmen Albträumen. Aber wie Franzobel seinen Gedankenfluss beschreibt, der vom freien, entspannten Assoziieren langsam ins Surreale des Traumes kippt, das ist für die LeserInnen sehr schön zu verfolgen.

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