Nr. 40/2008 vom 02.10.2008

Mit Stella ins Stadion

Von Pascal Claude

Die Sportpublikationen, die termingerecht zur Fussball-Europameisterschaft 2008 auf den Markt geworfen wurden, waren zahlreich - und grösstenteils überflüssig. Zeitungen und Zeitschriften kamen trotz täglicher EM-Sonderbeilagen kaum mehr nach mit Rezensieren und verloren angesichts der Schwemme den Sinn für Qualität. Darunter litten letztlich die wenigen gehaltvollen Veröffentlichungen. So erschien mit «Die Zuschauer der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft» beinahe unbemerkt ein Werk, das zweifellos den Titel des schönsten Schweizer Fussballbuchs der letzten Jahrzehnte verdient hätte.

Polizisten zwischen C und A

In den Archiven der renommiertesten Schweizer Sportfotografen, bei Verlagen, Verbänden und Fotoagenturen haben die Autoren Werner Bosshard und Beat Jung nach Bildern von Länderspielen gesucht, die nicht das Spielfeld, sondern dessen Umgebung zeigen. Das Ergebnis ihrer aufwendigen und von grosser Hingabe zeugenden Recherche ist auf rund 150 Schwarz-Weiss-Seiten zu bestaunen: Kinder mit Periskop ausserhalb des Zürcher Hardturms 1947; Männer, die an selber Stätte sechs Jahre später Kletterpflanzen gleich die Bäume hinter den Stadionmauern einnehmen; ein junges Paar 1958 im alten Basler «Joggeli» - er mit einer Bock-Bügelflasche von Feldschlösschen, sie mit einem Pappbecher Banago; Polizisten, die 1961 auf einem der legendären Wankdorf-Türme stehen und zwischen dem C und dem A der Castrol-Werbung die Menge beobachten - ein Beispiel schöner als das andere. Und doch wird jedes einzelne vom Gesamtwert dieser einzigartigen Sammlung übertroffen.

Was dieses schönste auch zu einem der wertvollsten Schweizer Fussballbücher macht, sind die restlichen rund hundert Seiten. In «Die Nati und ihr Publikum», wird, wie der Untertitel sagt, «ein Stück Schweizer Geschichte» erzählt, von deren jüngstem Kapitel wir gerade Zeuge werden. Hört der Bildteil mit einer Aufnahme von 1977 auf (das Fernsehen, so die Begründung der Autoren, löste dannzumal die Fotoreportage ab), verfolgt Beat Jung das Wesen des Nati-Zuschauers und, separat, der Nati-Zuschauerin von den Anfängen bis zur Gegenwart. So ist zu erfahren, dass sich der Architekt des Wankdorfs vor der WM 1954 eigens auf die Stehrampen begab, um mittels hölzernem Quadratmeterrahmen und einer Handvoll Statisten die Kapazität des gesamten Stadions zu berechnen; er kam auf knapp 60000. Später wars noch rund ein Drittel davon.

Ohne Ball und Rasen

Wie Raketen und Böllerschüsse lange Zeit als ultimativer Ausdruck von Freude und Überschwang gesehen wurden, ist ebenso nachzulesen wie die Geschichte der berüchtigten Sponsorenfähnchen. Die kamen schon an der WM 1966 zum Einsatz, als die Sporttoto-Gesellschaft in England 30 000 davon verteilte. Gar noch früher war die Zigarettenmarke Stella im Stadion präsent, mit Raucherwerbung auf dem flatternden Fan-Utensil.

Bosshard und Jung ist ein aussergewöhnliches Buch gelungen: ein Fussballbuch ohne Ball und Rasen. Selten machte eine konsequent andere Perspektive so viel Freude.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch