Nr. 40/2008 vom 02.10.2008

Willkommen in Europa

Verstaatlichungen und kein Ende

Von Michael R. Krätke

Zwei Wochen nach dem grossen Krach an der Wall Street ist die Pleitewelle in Europa angekommen. Eine Grossbank nach der anderen wankt, und die Regierungen springen nur so, um sie mit Milliarden an Steuergeldern vor dem Kollaps zu bewahren. Allein in den letzten Tagen sind vier europäische Grossbanken mit knapper Not und viel Geld vor dem Zusammenbruch gerettet worden: Alle vier hatten mit Hypothekengeschäften zu tun, alle hatten schwere Verluste erlitten - keineswegs nur im USA-Geschäft - und alle vier hatten ihren Börsenwert dahinschmelzen sehen. Aus Angst vor den Folgen eines Zusammenbruchs des Systems haben die Regierungen in allen Fällen eingegriffen.

B&B zum Schnäppchenpreis

In Britannien wurde die Hypothekenbank Bradford & Bingley (B&B) verstaatlicht. Der Staat übernahm 63 Milliarden Euro an Verbindlichkeiten, darunter mindestens 52 Milliarden aus hoch riskanten Hypotheken. Innerhalb eines Jahres hatte die Bank neunzig Prozent ihres Börsenwerts verloren. Ein privater Käufer liess sich nicht finden. Erst als die Verluste verstaatlicht waren, war die spanische Grossbank Santander bereit, zum Schnäppchenpreis von 770 Millionen Euro das gesamte Filialnetz der B&B und 2,7 Millionen KundInnen zu übernehmen.

In Deutschland wurde der Hypothekenfinanzierer Hypo Real Estate gerettet - in einer Gemeinschaftsaktion von Bundesregierung und Banken, wobei die sich winden, um jeden Anschein von Verstaatlichung zu vermeiden. Das Rettungspaket soll von den Banken getragen werden, allerdings bürgt der Staat für 26,6 Milliarden Euro. Es soll Zeit gewonnen werden. Die Bank soll nun Stück für Stück verkauft werden, mit enormen Verlusten. Hier geht es nur noch darum, Dominoeffekte im Bankensektor zu vermeiden.

Die Beneluxstaaten haben in einer Gemeinschaftsaktion in letzter Minute die Fortis Bank vor dem Untergang gerettet. Fortis hatte durch Tochtergesellschaften im US-amerikanischen Hypothekengeschäft Milliardenverluste erlitten. Zusammen haben die Beneluxländer 11,2 Milliarden Euro in den Konzern gepumpt, was nichts anderes als eine halbe Verstaatlichung der Bank bedeutet. Die belgische Regierung hat sich zudem dazu verpflichtet, sämtliche Spareinlagen bei Fortis zu garantieren.

Die Regierungen Frankreichs, Belgiens und Luxemburgs haben zusammen mit 6,4 Milliarden Euro dem angeschlagenen Finanzkonzern Dexia aus der Patsche geholfen. Dexia ist der grösste Finanzierer von Immobilienkrediten für Gemeinden weltweit. Verluste von offiziell 326 Millionen Dollar, die die Konzerntochter Financial Security Assurance im Geschäft mit Hypothekenausfallversicherungen in den USA in den letzten Monaten erlitten hatte, und drohende Verluste in Höhe von fast einer Milliarde Dollar in diesem Geschäft, haben Gewinn und Aktienkurs des Konzerns dramatisch einbrechen lassen.

Ungebremst

Langsam gewöhnen wir uns daran: Eine Bank nach der anderen kommt ins Straucheln. Keine Bank ist mehr sicher. Dexia stand noch vor wenigen Wochen als Nummer 8 auf der Liste der «zehn sichersten Banken der Welt», die die amerikanische Zeitschrift «Global Finance» publizierte. In Europa wie in den USA sind bekennende Neoliberale an der Regierung. Die Praxis, notleidende Banken mit Steuermilliarden zu retten und die Verluste zu verstaatlichen, ist ihnen zuwider. Aber die Finanzkrise geht weiter. Sobald sie auch die ganz normalen Geschäftsbanken und damit die Millionen der Sparer trifft, wird die Verstaatlichungswelle auch in Europa ungebremst weiterrollen.

700 000 000 000 US-DOLLAR

Recht viel Geld

Der 700 Milliarden US-Dollar schwere Rettungsplan der US-Regierung steht auf der Kippe. Doch wer kann sich unter diesem Betrag überhaupt etwas vorstellen? Das US-Magazin «Vanity Fair» lieferte ein paar Beispiele: «How much LSD can you buy with $ 700 billion?» Was LSD betrifft - das weltweit teuerste Produkt pro Kilogramm -, so könnte man 22222 Kilo erwerben. Was könnten wir SchweizerInnen uns damit kaufen? Oder wem könnten wir eine Freude bereiten?

Mit 700 Milliarden US-Dollar kann man:

über 26 Jahre lang die Schweizer Bildungsausgaben übernehmen

allen Schweizer StudentInnen während 194 Jahren das Vierfache eines Durchschnittsstipendiums auszahlen

den heute üblichen Betrag für Schweizer Entwicklungshilfe beinahe vervierfachen und dann hundert Jahre lang auszahlen

allen EinwohnerInnen von Usbekistan und Kirgistan je eine Rolex Day Date President in achtzehn Karat Gold schenken

allen SchweizerInnen ein GA schenken, das 33 Jahre gültig ist. Sogar ohne Familien- , Kinder- und WG-Rabatte

33 Neat-Tunnel durch die Alpen bohren

Künstler Damien Hirst dafür bezahlen, dass er 74786 Tigerhaie in Formaldehyd einlegt

allen Haushalten in den Regenwaldländern Brasilien, Paraguay und Bolivien die Luxusdusche Rainsky by Dornbracht samt Zubehör einbauen («Fast noch schöner als in der Natur regnet es aus den Balance Modules»)

bis zum Jahr 25131 Schweizer Landesausstellungen veranstalten. Oder diese bis zum Jahr 2781 jährlich durchführen

jedem Menschen auf der Welt fünfzehn grosse Toblerone schicken. Beim Porto müsste es allerdings Mengenrabatt geben

allen EinwohnerInnen von Andermatt je ein Samih-Sawiris-Ferienresort mit 18-Loch-Golfplatz, Villen und Luxushotels bauen

allen EinwohnerInnen von Burundi je 83 Tonnen Reis kaufen

jedem achten Menschen, der keinen Zugang zu einer Toilette hat, ein Dusch-WC von Balena zur Verfügung stellen

allen Hartz-IV-BezügerInnen in Deutschland ein WC kaufen, über und über mit Swarovski-Kristallen besetzt

eine Linie Koks ziehen, die 193-mal um die Erde oder 19-mal von der Erde zum Mond reicht

jedem fettleibigen Menschen auf der Erde eine (günstige) Fettabsaugung finanzieren

sib/aki