Nr. 41/2008 vom 09.10.2008

Sollen wir lachen? Weinen? Weder? Noch?

Die Einschläge kommen näher – und die Schweiz schweigt. Nur schön die Ruhe bewahren, das sei jetzt angeblich ganz wichtig. Und nicht rauchen! Eilmeldungen gegen die Erstarrung.

Von Daniel Ryser

Verfluchter Thurgau. Wo sonst? Die Thurgauer Elektrizitätswerke haben ein Drittel ihres Vermögens, 28 Millionen Franken, in die US-amerikanische Investmentbank Lehman Brothers investiert. Diese ging vor drei Wochen Pleite. Sie hatte 600 Milliarden Dollar Schulden angehäuft. Die Thurgauer Elektrizitätswerke verfügen jetzt statt über neunzig nur noch über sechzig Millionen Franken. Das sei aber alles kein Problem, sagt Verwaltungsratspräsident Hans Jakob Zellweger. Der Regierungsrat verlangt vollständige Aufklärung, und im Thurgau könnte man sich getrost fragen, warum man eigentlich so hohe Stromkosten zahlt, wenn der Finanzchef ein Drittel des Vermögens in den Sand setzen kann und das laut Verwaltungsratspräsident trotzdem alles kein Problem ist? Ist es wirklich keins? Steigen im Thurgau jetzt die Strompreise, weil ein Weinfelder Finanzchef meinte, er müsse in topsichere, garantiert vermögenssteigernde und mit dem Rating AA bewertete US-Anlagen investieren? Welche Bank hat wo ihr Geld? Die Banken, das ist schon seit einem Jahr klar, vertrauen sich gegenseitig nicht mehr. Wer hockt noch auf welchen Bomben? Die Zinsen im Kreditgeschäft zwischen Banken verzeichnen diese Woche ein Allzeithoch; die Statistik geht zurück bis zum Zweiten Weltkrieg.

+++ Eilmeldung: Island steht vor Staatsbankrott +++

Geht es uns bald wie Island? Island ist eine Insel im Nordatlantik mit 100 000 Quadratkilometern Fläche und die grösste Vulkaninsel der Welt. Island ist berühmt für heisse Quellen und Björk, eine Sängerin, die klingt wie das Wetter der tristen Insel. In der Nacht auf Dienstag machte Island zum ersten Mal seit Björk wieder international Schlagzeilen: Die Volkswirtschaft steht vor dem Bankrott. Die drei grössten isländischen Banken hatten in den letzten Jahren höchst aggressiv ins Ausland expandiert und dabei offenbar massive Schulden angehäuft. Jetzt wurden ihnen die Kredite verweigert. In einer Nachtaktion verstaatlichte Island seinen Bankensektor, um eine Pleite vorerst abzuwenden. Ein Problem dabei ist, dass das Bilanzvolumen der drei führenden Banken neunmal so gross ist wie Islands Bruttoinlandsprodukt. Wer soll das bezahlen? Soll Russland dem Nato-Staat helfen? Man wolle mit einem Vier-Milliarden-Franken-Kredit helfen, soll der Kreml verlautet haben, bevor dann ein Dementi kam. In England konnten am Dienstag 200 000 Kunden der isländischen Landesbank nicht mehr auf ihre Spareinlagen zugreifen. Und Ministerpräsident Geir Haarde sagte am TV: «Gott segne Island!»

Kollabiert die UBS auch bald? Und dann die ZKB? Die Alternative Bank? «Nein», sagt SP-Nationalrätin Hildegard Fässler: «Die UBS kann nicht bankrott gehen. Sie ist zu gross. Es ginge gar nicht darum, die Aktionäre zu retten, sondern die riesige Bankeninfrastruktur. Aber diese Rettung ist garantiert.» Durch wen? «Ein Staat hat immer genug Geld», sagt SVP-Finanzexperte Hans Kaufmann. Aber sind die heutigen Schulden der UBS nicht grösser als das Schweizer Bruttoinlandsprodukt? Kaufmann: «Sie dürfen nicht vergessen, dass die UBS die grössten Eigenmittel aller Grossbanken hat. Bevor die UBS fällt, fallen alle anderen Dominosteine.» Warum eigentlich die Aufregung? Es gab ja Anzeichen, dass alles doch noch gut wird: Vor zwei Wochen kaufte der SVP-Nationalrat und frühere UBS-Verwaltungsrat Peter Spuhler plötzlich wieder fleissig UBS-Aktien, und zwar für 3,5 Millionen Franken. Kurz darauf stieg die Aktie um zehn Prozent. Doch dann brach sie wieder massiv ein. Fehlen auch dem Unternehmer des Jahres die Rezepte? Peter Spuhler: «Nein, nein, ich kandidiere sicher nicht für den Bundesrat! Gohts no!»

+++ Eilmeldung: Hypo-Real-Estate-Chef tritt zurück +++

«Weltwoche»-Chef Roger Köppel, der uns in den letzten Jahren wöchentlich gepredigt hat, dass uns nur der freie Markt retten kann, weiss sich diese Woche nur noch mit Wladimir Nabokov zu helfen: «Über dem Abgrund schaukelt die Wiege, und der platte Menschenverstand sagt uns, dass das Leben nur ein kurzer Lichtspalt zwischen zwei Ewigkeiten des Dunkels ist.» Und fügt erklärend an: «Gehen wir die Herausforderungen mit Zuversicht an, und lassen wir uns nicht von den Bänkelsängern der staatlichen Allgewalt in die Irre führen.» Mit dieser Meinung schwamm er in den letzten Jahren mitten im Mainstream. Doch die paar tausend abgeschriebenen, verzockten, reingepumpten Milliarden Dollar sind definitiv nicht mehr Business as usual, und die DereguliererInnen züchten mit ihrer destruktiven Politik lauter kleine, fröhliche BänkelsängerInnen à la Oskar Lafontaine. Der neoliberale US-Vizepräsident Dick Cheney hat schon vor Jahren gesagt, die Demokratie sei nur ein Hindernis auf dem Weg zum maximalen Profit, «und sie wird bald nur noch eine kleine, unbedeutende Fussnote in der Geschichte sein». Kommt nach der Krise das Grauen? Haben wir es nicht kommen sehen? Hätten wir bei SBG und Bankverein eben doch die Scheiben einschlagen sollen? Hätten wir über etwas anderes debattieren sollen als über Kultur, Armee- und Rauchverbot und den Zürcher Weltstar Sophie Hunger? Interessiert sich nach dem Kollaps noch irgendwer für den staatlichen Gesundheitswahn? Friedrich Dürrenmatt: «Wir befinden uns in einem Tunnel. Es geht schnell abwärts. Der Lokführer ist mit einem goldenen Fallschirm abgesprungen, und wir haben die Sache nicht mehr in der Hand. Da hilft nur eins: Rauchen! Rauchen! Rauchen!» Es ist klar: Das Rauchverbot kommt zum total falschen Zeitpunkt. Müssen wir bald, statt zu fragen, in welchen Gebäuden noch geraucht werden darf, die Frage stellen, welche Gebäude noch nicht in Rauch aufgegangen sind?

+++ Finanzkrise: IWF rechnet mit Schaden von 1 400 000 000 000 Dollar +++

Die Krise beweist: Es geht nicht um das gepredigte Wohl, sondern einzig um Geld, und zwar hemmungsloser denn je zuvor. Zuerst die Gier. Und jetzt die Panik. Sollen wir lachen oder weinen? Oder weder noch? Liberal klang immer so gut. Der jetzige Totalcrash in einer Zeit, in der etwa in den USA das FBI ohne Anfangsverdacht Hausdurchsuchungen vornehmen darf, beweist endlich auch etwas anderes: Auch wenn man Scheisse in Rosenduft umtauft, stinkt sie. Der Berner Blues-Trash-Prediger Reverend Beat-Man: «Das ist die grösste Komödie, die es je gegeben hat. Diese Dreistigkeit hat schon fast wieder Klasse!»

+++ Börsencrash: US-Finanzmanager erschiesst sich und fünfköpfige Familie +++

Und im Kino zeigen sie jetzt den «Baader-Meinhof-Komplex» und befassen sich somit mal wieder mit Geschichte. Die RAF scheitert beim Versuch, den Kapitalismus zu zerschlagen (die UBS ist da mit ihren faulen Krediten erstaunlicherweise erfolgreicher – und der Angriff ist noch nicht vorbei). Die RAF blieb in der Rasterfahndung hängen. Der UBS droht der Kollaps. Und Linksradikale werfen in Zürich Farbbeutel gegen den Filmverleih des Baader-Meinhof-Films. Das ist eigentlich die absurdeste Meldung in einer an absurden Meldungen nicht armen Woche: Der militante linke Protest richtet sich im Moment einer riesigen Finanzkrise gegen den Verleiher eines deutschen Historienfilms. Dies in einer Zeit, in der aufgrund des schamlosen Zerstörens fremden Vermögens sicher auch mancher friedliebende Otto Normalbürger gerne am einen oder anderen Ort einen Farbbeutel platzieren würde.

+++ Eilmeldung: SP: «Finanzmärkte toben, Bundesrat schaut zu!» +++

Dann erwacht plötzlich die SP aus ihrer Proteststarre. Parteipräsident Christian Levrat schickt eine E-Mail durch das Land: «Der Schutz der Sparguthaben gehört auch hierzulande sofort erhöht. Schönwetterreden schützen die Spargelder nicht!» Levrat bekräftigt die Forderung der SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger-Oberholzer von letzter Woche, den Kapitalschutz von 30 000 auf 100 000 Franken zu erhöhen. Aber wer soll das denn, bitte, finanziell garantieren, Christian Levrat? «Die Banken haben die Mittel dazu. Wie sonst hätte die UBS letztes Jahr Boni in der Höhe von zwölf Milliarden Franken ausrichten können?» Das leuchtet irgendwie ein. Was nun? WOZ-Verlagsmitarbeiterin Elvira Wiegers: «Kapitalismus ist scheisse! Und jetzt wird er vom Finanzsystem aufgefressen. Eigentlich befinden wir uns in einer höchst interessanten Zeit; wir sollten anfangen, unser Finanzsystem neu zu denken.»

+++ Eilmeldung: Krise abgewendet? EU garantiert Überleben grosser Banken und erhöht Einlagenschutz für Sparer! +++

Willkommen im Tunnel. Immer schneller. Jetzt erst mal eine rauchen.

+++ Nepal: Dreijährige tritt Amt als Göttin an +++

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