Nr. 41/2008 vom 09.10.2008

Grausliches aus welschen Hügeln

Dass die Deutschschweiz den Waadtländer Autor Jacques Chessex verschmäht, ist sträflich. Sein grossartiger Schauerroman, der authentische Vorkommnisse nachzeichnet, liegt jetzt auf Deutsch vor.

Von Raphael Zehnder

Höchst befremdlich ist es, dass die Deutschschweiz das Werk von Jacques Chessex nicht begieriger aufnimmt, denn der Waadtländer ist ein grossartiger Erzähler, der sich mit den essentiellen Themen beschäftigt: mit der Liebe, dem Tod, der Lust, den Vertracktheiten der Familie, den Nichtigkeiten der Karriere, den dunklen Seiten der Heimat.

Die deutschsprachige Editionslage in Sachen Chessex lässt auf demonstratives Desinteresse schliessen. Mit Ausnahme der Neuausgaben von Marcel Schwanders Übersetzungen von «L’Ardent royaume» (französisch 1975, deutsch 2005 unter dem Titel «Mona») und des Goncourt-Preis-Buches von 1973 (französisch «L’Ogre», deutsch «Der Kinderfresser», 2005) fand nämlich in den letzten Jahren kein Buchstabe von Chessex den Weg über die Sprachgrenze. Einige in den siebziger und achtziger Jahren übersetzte Titel sind höchstens antiquarisch aufzutreiben.

Zwischen Epalinges und Moudon

Dies wundert einen zutiefst, denn der 1934 in Payerne geborene Autor veröffentlicht beinahe jedes Jahr einen Roman oder einen Gedichtband und zählt im französischen Sprachraum zu den respektierten AutorInnen. Für dieses Desinteresse müssten sich die Deutschschweizer Verlage eigentlich schämen. Denn sie bringen uns um ein grosses Vergnügen, um Weltliteratur. Wir verpassen das Wesentliche, wie sich endlich wieder einmal nachlesen lässt: «Der Vampir von Ropraz», im Original 2007 in Paris bei Grasset erschienen, liegt jetzt auf Deutsch vor. Elisabeth Edl hat «Le Vampire de Ropraz» übersetzt. Die einen mögen bedauern, dass Chessex' Text hier «deutscher» klingt als in Marcel Schwanders mit berndeutschen Ausdrücken getränkten Versionen; die anderen freuen sich, dass dieser Autor damit auch ausserhalb der Schweiz zugänglicher wird, weil sich dieser Text über Land und Leute keinesfalls als folkloristisch missverstehen lässt.

Schauplatz des kurzen Romans ist die hügelige Region zwischen Epalinges und Moudon, eine bis heute stark bäuerlich und protestantisch geprägte Kulturlandschaft. Im Dörfchen Ropraz lebt Chessex seit dreissig Jahren. Von seinem Haus blickt er auf den Friedhof, wo - so die Handlung dieses Romans - in der Nacht zum 21. Februar 1903 Schauerliches geschah: Die Leiche der mit zwanzig Jahren an Meningitis verstorbenen Rosa Gilliéron, Tochter des Grossbauern, Friedensrichters und Grossrats Emile Gilliéron, wird ausgegraben, geschändet und zerstückelt. Ein abscheuliches Vergehen an einer Toten, hat sich der Unbekannte doch kannibalisch an ihren Geschlechtsorganen vergangen. Die Region gerät in Aufruhr: Ein Vampir geht um in Ropraz!

Der ideale Sündenbock

Und es bleibt nicht bei dieser einen Untat: Auch Friedhöfe von Nachbargemeinden werden heimgesucht. Argwohn und Verdächtigungen schiessen ins Kraut, mit dem ruhigen Schlaf ist es aus, alte Familienfeindschaften flackern wieder auf, schnell muss ein Verdächtiger her.

Ein solcher findet sich bald: der 21-jährige Charles-Augustin Favez, ein schweigsamer, lasterhafter, seltsam aussehender Alkoholiker, der in flagranti ertappt wird, wie er es mit Tieren treibt. Der Aussenseiter Favez ist der ideale Sündenbock. Er wird festgenommen. Die Bevölkerung verlangt seinen Tod - Chessex schildert beiläufig die Dynamik der Lynchjustiz, die nicht zum Ziel kommt, weil der Staat den Häftling schützt. Eine geheimnisvolle unbekannte Dame, «aus der besseren Gesellschaft», munkelt man, besucht den Häftling in seiner Zelle, während Stunden habe der bestochene Gefängniswärter eindeutige Geräusche vernommen. Klatschmäuler erzählen solche Vorfälle, die die Fantasie der Bevölkerung beflügeln. Wir befinden uns im Grenzbereich von Wahrheit und Lüge, von Vorverurteilung und sexuell konnotierter Sensationsgier.

Ob Charles-Augustin Favez, der in seiner Kindheit von ehrenwerten Pflegeeltern selbst missbraucht wurde, wirklich der Vampir war, oder ob dieser in höheren Kreisen zu suchen ist, darüber lässt einen der Roman im Ungewissen. Chessex präsentiert keine Lösung des Falls. Mehr noch: Er lenkt die Handlung von der reportageartigen Lakonik der Kriminalerzählung allmählich ins Fantastische. Er lässt Favez, den «Vampir von Ropraz», nach zwölf Jahren aus der psychiatrischen Klinik fliehen, ihn von der Fremdenlegion rekrutieren und in derselben Kompanie wie Frédéric Sauser alias Blaise Cendrars dienen. Eine schöne kleine Hommage an den grossen Dichter aus La Chaux-de-Fonds.

Das Monster in jedem

«Vampir» Favez stirbt im Ersten Weltkrieg für Frankreich - und seine Überreste werden in Paris unter dem Arc de Triomphe bestattet. Ein entflohener Krimineller, der angebliche Vampir von Ropraz, ein mutmasslicher Perverser ist der «Unbekannte Soldat», dessen der französische Staatspräsident jeden 14. Juli mit einer Kranzniederlegung und feierlichen Erklärungen gedenkt. Unerhörte Ironie!

«Der Vampir von Ropraz» ist ein grossartiger Schauerroman, der auf einem «fait divers» beruht, einer Meldung der Rubrik «Unglücksfälle und Verbrechen», zu deren eifrigen Lesern sich Chessex zählt. Der Goncourt-Preisträger von 1973 hat aus den authentischen Vorkommnissen in knapper, unaufgeregter Sprache das kraftvolle Bild einer ländlichen Gegend gezeichnet, wo sich alle schon zu lange und zu gut kennen, wo jeder glaubt, alles über seinen Nächsten zu wissen, jeder das Monster in sich ahnt - und insgeheim erleichtert ist, nicht wirklich in die eigenen Abgründe blicken zu müssen. Der Böse, ja, das muss der andere sein.

«Der Vampir von Ropraz» ist ein schwarzer Roman, voller Wahrheit. Und nicht zuletzt: eine dringende Einladung, sich endlich näher mit dem Werk dieses Autors zu beschäftigen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch