Nr. 42/2008 vom 16.10.2008

400 Millionen Hungrige mehr

Indiens Regierung hat vor wenigen Wochen beschlossen, den Anbau der «Wundernuss» Jatropha von 650 000 auf 11 Millionen Hektar auszuweiten – auf angeblichem Ödland.

Interview: Bettina Dyttrich

WOZ: Warum sind Sie dagegen, dass auf Ödland Jatropha angebaut wird?
Sagari Ramdas: Aus der Sicht der indischen Bauern und vor allem der Bäuerinnen gibt es kein Ödland. Auf diesem Land wachsen Nahrungspflanzen wie Hirse, und vor allem weidet dort das Vieh. Vieh ist sehr, sehr wichtig, ich würde es das Rückgrat der indischen Landwirtschaft nennen. Nutztiere liefern alle Energie: Sie dienen als Trag- und Zugtiere, sie ziehen den Pflug, sie sorgen für den Dünger.

Warum ist dieses Land vor allem für die Frauen wichtig?
Weil es vor allem Frauen sind, die es nutzen. Sie sammeln dort Brennstoff und Heilpflanzen, Futter für die Tiere, Früchte und Nüsse. Dieses Land liegt grösstenteils in Trockenzonen, es ist nicht bewässert. Das ist ein Grund, warum die Politiker es als Ödland bezeichnen. Die Leute, die es nutzen, würden es nie so nennen.

Weshalb fördert die Regierung den Jatropha-Anbau so stark?
Die Regierung arbeitet immer enger mit transnationalen Unternehmen zusammen, vertritt deren Interessen, trifft Absprachen mit ihnen. In den letzten zwanzig Jahren haben wir das immer deutlicher gesehen, in Indien und anderen Ländern, die sich entwickeln. Die Regierung hat entschieden, dass Agrodiesel zwanzig Prozent des indischen Dieselverbrauchs decken soll. Und sie will das erreichen, indem überall auf dem sogenannten Ödland Jatropha gepflanzt wird.

Wie will sie das durchsetzen?
Zum einen nutzt die Regierung bereits bestehende Programme. Zum Beispiel das sogenannte National Rural Employment Guarantee Scheme. Das ist ein staatliches Programm für ländliche Entwicklung, das den Menschen auf dem Land für hundert Tage im Jahr einen Lohn garantiert. Die Leute können dabei auf ihrem eigenen Land oder auf öffentlichem Land arbeiten und tun, was sie für wichtig halten. Aber jetzt sagt die Regierung den Bauern: Ihr bekommt das Geld nur, wenn ihr auf eurem Land Jatropha pflanzt.

Und die Bauern akzeptieren das?
Viele machen mit, weil sie verzweifelt sind, denn der Anbau von Nahrungsmitteln lohnt sich nicht mehr. Wenn sie Jatropha pflanzen, bekommen sie hingegen Subventionen von der Regierung, zum Beispiel Beiträge für die Bewässerung. Ausserdem schliessen nationale und internationale Ölfirmen direkte Anbauverträge mit Bauern ab. Sie sagen: Wir geben euch das Saatgut und den Dünger gratis, und dann kaufen wir euer Öl.

Die indische Wirtschaft ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Warum profitieren die Bauern nicht davon?
Der Boom geht auf Kosten der Gesundheit und des Wohlbefindens von Millionen von Menschen in Indien. Die Wirtschaft boomt, weil Indien seine Märkte für ausländische Investoren geöffnet hat. Es hat den Agrarsektor und andere Branchen liberalisiert. Und in diesem Prozess verdienen einige Menschen, die für die grossen Unternehmen arbeiten, viel Geld. Aber die Bauern und die Armen generell leiden unter dieser Entwicklung. Denn für sie ist das Bauern nicht mehr produktiv. Die Regierung hat das ganze ausländische Kapital eingeladen, in Indien zu investieren. Und es wird investiert – zu den Bedingungen der Investoren.

Sie sagen, vor 1990 sei Indien selbstversorgend gewesen. Aber damals gab es doch auch Hunger?
Vor 1990 produzierte Indien genug Reis, Weizen und Ölsaaten für den Eigenbedarf. Die Reserven waren gross genug, und es gab ein ausgeklügeltes öffentliches Verteilungssystem. Ja, es gab auch damals hungrige Menschen, aber die Situation verbesserte sich langsam. Und vor allem war das Land unabhängig von den internationalen Lebensmittelmärkten. Heute nimmt die Lebensmittelproduktion ab: Vierzig Prozent des Speiseöls werden importiert. Und wegen der vom Internationalen Währungsfonds gestellten Bedingungen gibt es kein öffentliches Verteilungssystem mehr. Wenn ein Land seine Selbstversorgung verliert, verliert es seine Souveränität.

Was bedeutet das konkret für die Ärmsten?
Besonders hart trifft die Agrarkrise die landlosen Landarbeiter. Wenn sie weniger verdienen, können sie sich kein Essen mehr kaufen. Sie sind gezwungen, in den Städten Arbeit zu suchen. Die Städte können aber nicht unbegrenzt Menschen aufnehmen. Diese Landflüchtlinge sind extrem verwundbar. Sie werden vor allem auf dem Bau und in Privathaushalten angestellt; sehr harte und häufig gefährliche Arbeit.

Ist die Situation ähnlich wie in China?
Ja. Die Regierung nennt China als Vorbild. Sie möchte die Verstädterung fördern wie in China. Noch arbeiten siebzig Prozent der Menschen in Indien in der Landwirtschaft, das sind 700 Millionen. Die Regierung möchte diese Zahl auf 300 Millionen reduzieren. Dann gäbe es 400 Millionen mehr, die ihr Essen kaufen müssen. Das ist natürlich ein enormer Markt. Nahrung ist ein Riesengeschäft.

Welche Alternativen sehen Sie zu dieser Entwicklung?
Von 1970 bis 1990 wurde die industrialisierte Landwirtschaft der Grünen Revolution propagiert. In den Regionen, wo sich das durchgesetzt hat, ist der Boden vom Kunstdünger und den Pestiziden ziemlich kaputt. Heute gibt es eine starke Bewegung hin zur ökologischen Landwirtschaft: wenig fossile Energien, gute Fruchtfolge, kein synthetischer Dünger, sondern Mist. Gleichzeitig fordern die Bauern vom Staat, dass er Minimalpreise garantiert und die ökologische Landwirtschaft unterstützt. Es braucht beides: die biologische Praxis und die politischen Forderungen.

Und wie realistisch ist das?
Wir müssen aufhören mit diesen absurden Transporten um die Welt. Es heisst immer, wir seien idealistisch und romantisch. Aber der «romantische» Weg ist der einzige realistische. Es gibt inzwischen ja auch Studien, die zeigen, dass die ökologische Landwirtschaft produktiv ist. In den letzten zwanzig Jahren haben viele Bauern begriffen, dass der industrialisierte Weg in die Sackgasse führt. Und immer mehr werden es verstehen.

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