Nr. 42/2008 vom 16.10.2008

Die Stadt und der Glanz

Nobelpreisträger Orhan Pamuk nannte ihn den bedeutendsten Istanbul-Roman der türkischen Literatur. Nun ist «Seelenfrieden» endlich auch auf Deutsch zu lesen.

Von Karin Yesilada

Atemberaubend schön soll Istanbul einst gewesen sein. So schwärmen diejenigen, die es noch von früher her kennen, aus den Zeiten vor der grossen Betonwut, vor der seit den fünfziger Jahren einsetzenden Binnenmigration, die innerhalb weniger Jahrzehnte die kleine Grossstadt in den heutigen Millionenmoloch verwandelte. Unvergleichlich sei diese Stadt früher gewesen, voller romantischer Plätze, wundervoller Kulissen, voll von der üppigen, sie umgebenden Natur. Wer das heute nachempfinden will, muss sich womöglich mit Fotografien oder alten Filmen behelfen. Unvergleichlich reicher aber ist es, in jenen Roman einzutauchen, den Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk als den bedeutendsten Istanbul-Roman der türkischen Literatur überhaupt bezeichnet hat. Ganz zu Recht. Dank der «Türkischen Bibliothek» im Unionsverlag ist Ahmet Hamdi Tanpinars Klassiker «Seelenfrieden» («Huzur», 1949) nun endlich auf Deutsch erschienen.

Zerstörte Liebe

Dabei haben die HeldInnen des Romans am Vorabend des Zweiten Weltkriegs alles andere als Seelenfrieden. Mümtaz, ein Literaturwissenschaftler von Ende zwanzig, schleppt aus den Zeiten des Türkischen Befreiungskriegs, als seine Eltern tragisch ums Leben kamen, ein Trauma mit sich herum. Zwar fühlt er sich bei seinen Pflegeeltern in Istanbul sicher, besonders der ältere Intellektuelle Ihsan ist ihm ein über alles geliebter Mentor. Doch Mümtaz weiss nicht so recht, was Leben bedeutet, er ist verschlossen, in die Bücherwelt vergraben. Und obendrein erkrankt Ihsan schwer. Auf dem Weg vom Bosporus in die Stadt und zurück bleibt Mümtaz viel Zeit, um über die vergangene Liebe zu Nuran nachzudenken. An der Seite der unglücklich geschiedenen, älteren Frau eröffnete sich ihm einen Sommer lang die Schönheit der Stadt, die sie gemeinsam erkundeten, und die zutiefst beglückende Erfahrung körperlicher Erotik und Seelenverwandtschaft.

Dennoch ist den beiden das Glück nur vorübergehend hold, denn um das Paar ranken sich diverse Intrigen missgünstiger Bekannter, die alles daran setzen, die beiden zu trennen. Vor allem der nervöse Cousin Suat treibt es mit seiner wahnhaften Eifersucht auf die Spitze: Von Depression und Krankheit zerfressen, verschafft er sich Zugang zur Wohnung der beiden und erhängt sich dort. Damit zerstört er die Liebe endgültig, denn nach diesem Erlebnis kündigt Nuran entsetzt die Verbindung auf. Und hinterlässt einen zutiefst verzweifelten Mümtaz, der über diesen Verlust kaum hinwegkommt.

Fast wie bei Proust

Der Roman endet nach dieser Retrospektive dort, wo er begonnen hat. Er begleitet Mümtaz auf der Suche nach einem Arzt für den mit dem Tod ringenden Ihsan. Zu Hause angekommen, kann dem Kranken geholfen werden. Unterdessen ist jedoch der von allen lang befürchtete Zweite Weltkrieg ausgebrochen.

Tanpinars türkische ZeitgenossInnen konnten nach Erscheinen nur wenig mit diesem handlungsarmen Zeitporträt anfangen - zu wenig von der revolutionären Aufbruchstimmung, in der sich die Türkische Republik damals befand, war darin angeblich zu spüren. Das mag daran liegen, dass Tanpinar (1901-1962), Lyriker, Essayist und Romancier, sich den gewaltigen Umbrüchen jener Zeit eher philosophisch annähert und ganz im Sinn der proustschen Suche nach der verlorenen Zeit. Zwar diskutiert man über den neuen Menschen und die neuen Zeiten, doch ist die Skepsis gegenüber dieser Moderne unverkennbar. Zu wertvoll erscheint das Erbe einer grossen Vergangenheit.

Reflexionen zu Identität und Nationalkultur verbinden sich hier mit einer Liebesgeschichte. Begeistert begeben sich Mümtaz und Nuran auf historische Entdeckungstour durch Istanbul, besuchen Moscheen, alte Paläste, Basare, Antiquitätenhändler. Und berauschen sich am Glanz der alten Zeiten, nehmen ihre Grösse auf, lassen sich von ihrer Schönheit verzaubern. Dabei stehen sie zugleich für die Moderne - immerhin repräsentiert Nuran als unabhängige Frau die idealtypische Türkin ihrer Zeit.

Osmanische Verse

Hochpoetisch (und für westliche LeserInnen hochinteressant) sind jene Abende in Nurans Familie, in denen die Tradition der islamischen Mystik, Musik und Dichtung auflebt. Diese Konzerte spannen den Bogen von der klassisch osmanischen Hochblüte zur Moderne und klingen im Innern lange nach. Auch die eingestreuten Verse klassisch-osmanischer Dichter entfalten ihren ganz eigenen Reiz in diesem Roman, der seit seiner Wiederentdeckung vor einigen Jahren als Meilenstein moderner türkischer Prosa gilt.

Istanbul leuchtet in diesem Roman. Wie sich das Abendrot in den Fenstern der Villen am Ufer des Wassers spiegelt, die Ausflugsboote auf dem Bosporus dahinschaukeln, an dessen Ufer die Rosen duften - all das verleiht der Stadt einen Glanz, für den sie zu Recht einst die Perle am Bosporus genannt wurde. Ahmet Hamdi Tanpinar malt in unzähligen Farbschattierungen und Tönen ein überaus sinnliches Panorama, ein Klangbild seiner Stadt und seiner Zeit, dem selbst die leicht verstaubte Patina von Christoph K. Neumanns Übersetzung nichts anhaben kann. Wie stets hat auch dieser Band der «Türkischen Bibliothek» einen hilfreichen Erklärungsteil und ein aufschlussreiches Nachwort, in dem Wolfgang Günter Lerch über den Autor und sein Werk informiert.

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