Nr. 42/2008 vom 16.10.2008

Wahrhaftige Erfindungen

In seinem neuen Roman schildert der argentinische Erzähler die Lebensgeschichte seiner Mutter. Ein Meisterwerk - und eine eindrückliche Beschreibung des aufkommenden Faschismus im Norditalien der zwanziger Jahre.

Von Valentin Schönherr

Während seine drei bisher übersetzten Bücher in Argentinien spielen und keine autobiografischen Bezüge erkennen lassen, beleuchtet Antonio Dal Masetto in seinem Roman «Als wäre alles erst gestern gewesen» eine ganz andere Welt und spricht, in leicht verfremdeter Form, über seine Vorfahren, seine frühere Heimat, über sich selbst.

Dal Masetto, 1938 am norditalienischen Lago Maggiore geboren, seit 1950 in Argentinien lebend, wählt dazu die Form einer Autobiografie - allerdings mit einer Besonderheit: Wer hier «ich» sagt und sich erinnert, ist stets nur Agata, die Mutter. Der Autor selbst bleibt ganz im Hintergrund, trägt als Sohn im Buch einen anderen Namen und eröffnet so die Möglichkeit, dass es sich um eine ganz andere Geschichte handeln könnte als die eigene. So werden die Klippen geschickt umschifft, an denen das Genre Autobiografie oft scheitert. Nachprüfbare Wahrhaftigkeit muss gar nicht erst angesteuert werden. Das Erfinden, das in jedem Memoirenbuch zwangsläufig stattfindet und so oft stört, gehört hier von vornherein zum Instrumentarium.

Warum aber sollten uns die Erinnerungen gerade dieser Frau etwas angehen? Man liest zwei, drei Seiten und weiss es. Es genügt auch der Anfang: «Unser Haus lag am Ortsrand von Tarni, hinter der Textilfabrik und den ersten Wiesen, wo es zu den Bergen hinaufging, über die man in die Schweiz oder nach Frankreich gehen oder fliehen konnte. Vom Hof aus, wenn man an den Abhang trat, sah man die Flussmündungen ...»

Präzise formuliert wird wie in einem Versprechen der grosse Bogen des gesamten Romans vorgestellt. Zwischen dem eigenen Haus und den NachbarInnen im Dorf, zwischen Fabrik, Bergen und See spielt sich Agatas Leben ab. Und gegangen wird viel in diesem Roman, immer wieder aber auch geflohen. Die Politik bricht häufig in das bescheidene Alltagsleben ein, und wenn der Erste Weltkrieg die 1911 geborene Agata nur indirekt betroffen hat, so bekommt sie Mussolinis Faschismus und den Zweiten Weltkrieg umso unmittelbarer zu spüren. So unmittelbar, dass das Haus selbst schliesslich im Schussfeld zwischen Faschisten und Partisanen liegt. Der grosse Walnussbaum im Garten, dessen Anblick sie durch all die Jahre begleitet hat, wird getroffen; er sieht aus, «als wäre der Stamm von innen explodiert».

Selbstbehauptungen

In ungebrochenem Erzählfluss, konzentriert und lebendig, entfaltet sich ein Leben, in dem viel erlebt und erlitten wird und die selbstbestimmten, eigensinnigen Momente selten und kostbar sind. Die Gestalt des Vaters ragt heraus, der unter Lebensgefahr bei Sturm von einer Insel im See zurückkehrt, um die Familie nicht alleinzulassen. Er kann Agata nach dem Tod der Mutter nicht allein versorgen, muss sie in ein schreckliches Waisenhaus stecken, von wo er sie dann wieder herausholt, obwohl er das eigentlich nicht darf.

Erzählt wird von Agatas mühsamer Selbstbehauptung, der ersten weiten Reise und einer haarsträubend verlaufenden Geburt (mit Agatas Sohn Guido meint der Autor wohl sich selbst). Erzählt wird schliesslich von den entsetzlichen Begebenheiten beim Abzug der deutschen Truppen, von einem Massaker an 43 Häftlingen und den Racheaktionen der PartisanInnen, die keinen Jubel über das Kriegsende aufkommen lassen.

Ein Schiff in Genua

Als Agata endlich wieder Boden unter den Füssen spürt, entschliesst sich ihr Mann, nach Argentinien auszuwandern; wieder muss sie etwas anderes tun, als sie eigentlich will. «Dann gab es einen Bus, einen Zug, noch einen Zug, den Hafen von Genua, ein Schiff und Südamerika»: Dieser sich beschleunigende, starke letzte Satz unterstreicht noch einmal, wie gut Antonio Dal Masetto schreibt, wie vollendet er im Grossen wie im Kleinen zu erzählen vermag und wie bereitwillig wir Erfindungen für wahr halten, sofern sie uns nur überzeugen.

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