Nr. 42/2008 vom 16.10.2008

Die Stadt und der Müll

Der Roman «Am Rand» der türkischen Autorin spielt auf den Strassen von Istanbul. Das Schauermärchen, das das Elend der Obdachlosen zelebriert, ist nun auch auf Deutsch zu entdecken.

Von Karin Yesilada

Zwei Wege führen vom Istanbuler Atatürk-Flughafen in die Stadt. «Sahil’den» (der Küste nach) geht es dem Marmarameer entlang, an byzantinischen Stadtmauern vorbei, um den Sultanshügel herum zum Goldenen Horn, mit Panoramablick auf die Prinzeninseln und die majestätische Altstadt. Wer jedoch die Autobahntangente zur «Anadolu Yakasi», zur asiatischen Seite über die zweite Bosporus-Brücke ansteuert, der kommt an jenen wild bebauten Industrieflächen und Slums vorbei, die den Rand von Istanbul wie die Peripherie von Karachi aussehen lassen. Abbruchreife Hütten wechseln mit bombastischen Stadien und riesigen Müllhalden. Wo Luxuslimousinen gleiten, säumen zerlumpte PapiersammlerInnen den Rand.

Im schwarzen Loch

An diesem sozialen Rand spielt Sebnem Isigüzels Roman, der im Jahr 2003 auf der Spitze eines Müllbergs beginnt. Dort findet Leyla, die «Königin des Müllbergs», einen verbrannten Mann. Er ringt mit dem Tod, wird von ihr gesund gepflegt - und ihr Unglücksbringer. Leylas obdachloses Leben ist reich an Unglück und mühselig verdrängten Erinnerungen. Als Kind türkischer DiplomatInnen in Moskau hätte sie es im Schachspielen fast zu Weltruhm gebracht. «Wir wären abwechselnd Weltmeister geworden», meint Garri Kasparow, als Romanfigur ihr ehemaliger Mitschüler, später einmal über sie.

Doch ihre Karriere wird zwischen den Mächten im Kalten Krieg zerrieben. Stattdessen avanciert die zeitlebens ungeliebte Tochter nach dem frühen Tod der Eltern zur ungeliebten Schwiegertochter eines türkischen Foltergenerals. Und so beschliesst Leyla eines Tages, auf der Strasse zu leben. Was ihr dort seither an Grausamkeiten und Elend widerfährt, ist nur unwesentlich schlimmer als das Leben zuvor. Und es passt zu ihrem Namen, «Leyla» bedeutet der dunkelste Augenblick in der Nacht. Die Schachpartie ihres eigenen Lebens endet mit einem jähen Matt, als sie sich vor ein Auto wirft.

Glanzlos verläuft auch das Leben von Yildiz. Ihr Name bedeutet «Stern», und zunächst erstrahlt er im Universum der Privilegierten. Doch hinter der Fassade des vornehmen Istanbuler Stadthauses spielt sich das Drama des ungeliebten Kindes ab, führt die Unerträglichkeit des Seins immer tiefer in die Neurose. Bis auch Yildiz beschliesst, im schwarzen Loch der Obdachlosigkeit zu verschwinden. Kunstvoll verknüpft Isigüzel die Fäden dieser beiden Lebensgeschichten, Leyla tut sich auf der Müllhalde an den Resten jenes Hummers gütlich, den Yildiz zuvor in den Müll geworfen hat (selbst der Müll landet fein säuberlich nach Klassen getrennt auf der Halde).

Solche Leylas und Yildiz’ gibt es zuhauf am Rand der Gesellschaft: Damen aus ehemals gutem Hause sammeln tote Tiere von der Strasse auf, ehemalige Chirurgen üben ihr Handwerk im Dienst der Organmafia aus. Dazwischen zitieren sie Klassiker, dann kehrt man, wie es ironisch heisst, «für eine Sekunde in seine Vergangenheit zurück, erinnert sich an Shakespeare». Auch Leyla hütet jenen Zeitungsausschnitt, der sie zusammen mit Kasparow am Schachbrett zeigt. Zerknittert, nach einer Vergewaltigung von ihrem eigenen Blut getränkt, ist er letztes Zeugnis einer Vergangenheit, die keine Zukunft hatte. Leylas Geschichte, heisst es einmal im Roman, sei eine Parabel auf die Türkei. Ein Schauermärchen also?

Unentwegt werden Menschen geschunden, vergewaltigt und zu Müll in diesem Roman. Haut reisst ein, verbrennt, verfault, unzählige Kadaver säumen den Weg. Lustvoll wird der Körper misshandelt, ist er doch nur die menschliche Hülle, auf der sich die Wunden der verletzten Seele spiegeln. Man muss starke Nerven mitbringen angesichts dieses fast schon barock zelebrierten Elends, angesichts dieses Gruselkabinetts aus gescheiterten Existenzen, neurotischen Müttern, unfähigen Liebhabern und jeder Menge FaschistInnen.

Da gibt es etwa die Figur des exzentrischen Künstlers, der an den grossen deutschen Dirigenten erinnert: Er heisst Esref Sefik Karacan und hat einen türkischen Vater, der allzu früh am Wahnsinn verstirbt, später einen nationalsozialistischen Mentor, der ihn seelisch verwundet. Woraufhin das musikalische Genie erst den Dirigentenstab, dann das Samuraischwert über die Köpfe schwingen lässt. Eine historische Episode schildert, wie Adolf Hitler 1939 angesichts der türkischen Geburtstagsdelegation ins Sinnieren kommt, ob man nicht «das, was man am 9. November 1938 bei den Pogromen den Juden angetan hatte, einmal an diesen Türken ausprobieren» könne. Gewaltfantasien allenthalben, in der Geschichte wie in der Gegenwart, als Vergewaltigung oder Militärputsch.

Im Schlussteil des Romans aber, wo die Figuren in fiktiven Interviews eigene Perspektiven auf das Erzählte darlegen, wird die Autorin selbst als Faschistin gebrandmarkt, ganz postmodern. Da ist es für sie dann vorbei mit der ironischen Distanz. Die unbändige Lust am Zerfall bleibt jedoch bis zur letzten Seite dieses vollblütigen Romans wirksam.

Mit Tiefen und Höhen

Sebnem Isigüzel, Jahrgang 1973, wurde bereits für ihre ersten Erzählungen mit den wichtigsten türkischen Literaturpreisen bedacht. Nun wird «Am Rand» («Cöplük», 2005) auch im deutschsprachigen Raum zur aufregenden Entdeckung. Um wie viel spannender ist doch die Literatur junger Türkei-türkischer Autorinnen! Kein Vergleich zur langweiligen Selbstauskunftsliteratur Deutschland-türkischer Provenienz. Autorinnen vom Schlage Asli Erdogans oder Sebnem Isigüzels wagen sich da in ganz andere Tiefen und erreichen damit literarisch ganz andere Höhen. Solch schaurig-schöne Welten am Rand muss man erst einmal hinkriegen.

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