Nr. 42/2008 vom 16.10.2008

Aufruf zeigt Folgen

Im vergangenen April forderte der Weltlandwirtschaftsrat eine Wende in der Agrarwirtschaft. Sein Bericht ist nicht in der Schublade gelandet.

Von Charlotte Walser

Als der Weltlandwirtschaftsrat IAASTD im Frühjahr seinen Bericht präsentierte (siehe WOZ Nr. 17/08), wurde er von Agrokonzernen wie Monsanto und Syngenta heftig kritisiert. Der Protest verwundert kaum: Die Zukunft liege nicht in der Hightech-Landwirtschaft, sondern in der naturnahen Produktion, lautete das Fazit des Gremiums. Die ExpertInnen aus aller Welt, die sich im Auftrag von Weltbank, Uno-Gremien und EU-Kommission formiert hatten, forderten ein radikales Umdenken.
In ihrem Bericht wurden sie sehr deutlich: Eine Landwirtschaft, die nur darauf ausgerichtet ist, zu möglichst günstigen Bedingungen möglichst viel zu produzieren, zerstört unweigerlich ihre eigenen Grundlagen. Ein Drittel der fruchtbaren Böden ist durch die industrielle Landwirtschaft bereits nachhaltig beschädigt worden. Die Welt braucht eine Landwirtschaft, die auf die kleinbäuerliche Produktion ausgerichtet und an kulturelle und landschaftliche Besonderheiten angepasst ist.

Forschungszentren denken um

Der Bericht hat nicht nur Kritik ausgelöst. «Das Interesse ist immens», sagt der Schweizer Agrarexperte Hans Rudolf Herren, der als Ko-Präsident das Gremium leitete. Seit der Veröffentlichung des Berichts ist der Wissenschaftler pausenlos unterwegs, um die Befunde Parlamenten, Organisationen und Fachgremien zu präsentieren. Nächste Woche wird er für eine Veranstaltung mit VertreterInnen von Hilfswerken und Bundesämtern in der Schweiz erwartet (siehe Kasten). Die Befunde des IAASTD-Berichts werden ernst genommen: Derzeit laufen Bestrebungen, den Weltlandwirtschaftsrat dem Weltklimarat gleichzustellen und als permanente Organisation zu etablieren.
Zuversichtlich stimmt Herren aber vor allem die Entwicklung in der Forschung. So hat die Consultative Group on International Agricultural Research (CGIAR), die weltweit fünfzehn Forschungszentren umfasst, nach anfänglicher Skepsis ihre Leitlinien und Schwerpunkte an den Forderungen des Berichts ausgerichtet: Sie hat Nachhaltigkeit zum obersten Prinzip erhoben und will sich künftig lokales Wissen und biologische Vielfalt zu Nutze machen, statt auf Einheitslösungen für die ganze Welt zu setzen.

Gentechnik kein Heilmittel

Die KritikerInnen allerdings sind nicht verstummt. Sie verweisen nicht zuletzt auf die Ernährungskrise. Ihr Argument: Um Ernährungssicherheit zu gewährleisten, sind höhere Erträge nötig, und diese sind nur mittels einer industriellen Landwirtschaft und Gentechnik zu erzielen. Hans Rudolf Herren weist dieses Argument zurück – auch wenn er Gentechnik nicht pauschal ablehnt. «Ich bin in Sachen Gentechnik nicht religiös», sagt er. Möglicherweise könne die Gentechnik dereinst einen Teil zur Lösung der Probleme beitragen. Tatsache sei aber, dass sie bis anhin nicht zu Ertragssteigerungen geführt habe: «Wer etwas anderes behauptet, lügt.»
Das grösste Hindernis für hohe Erträge sind gemäss Herren die ausgelaugten Böden. Die Erträge könnten nur gesteigert werden, wenn die Bodenfruchtbarkeit erhöht würde. «Und dafür braucht es Pflanzenvielfalt.» Die Gentechnik aber führe zu bodenschädigenden, krankheitsanfälligen Monokulturen, da die Herstellung mehrerer gentechnisch manipulierter Sorten teuer sei.
«Selbst wenn es gelingen würde, mittels Gentechnik trockenheitsresistenten oder mehrjährigen Weizen zu züchten, wäre dies nicht sicher der richtige Weg», sagt Herren. Er ist überzeugt, dass die ökologische Landwirtschaft mehr zur Produktivitätssteigerung beitragen kann als die Gentechnik. Abgesehen davon: «Nicht die Produktivität, sondern die Verteilung ist das Hauptproblem», gibt Herren zu bedenken. Und auch dafür sei die exportorientierte, industrielle Landwirtschaft die falsche Lösung.

Charlotte Walser arbeitet für die Agentur Infosüd, die auf Entwicklungspolitik und den Nord-Süd-Dialog spezialisiert ist. www.infosued.ch

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