Nr. 43/2008 vom 23.10.2008

Russische Zustände

Das einheimische Finanzsystem ausquetschen und ausbluten - dann die Bevölkerung die Kosten tragen lassen: die Geschichte des isländischen Bankencrashs.

Von Reinhard Wolff, Stockholm

Island muss voraussichtlich keinen Staatsbankrott anmelden. Ein Hilfspaket des Internationalen Währungsfonds und anderer Notenbanken soll dem Inselstaat helfen, mit dem Schuldenberg klarzukommen, den die Finanzexzesse von drei privaten Banken dem Land hinterlassen haben. Die in der Hauptstadt Reykjavik erscheinende Tageszeitung «Morgunbladid» hat ausgerechnet, dass alle IsländerInnen die nächsten sechs bis sieben Jahre umsonst arbeiten müssten, um diesen Schuldenberg abzutragen.

Es begann 1998 mit der Liberalisierung der Devisenwirtschaft. In den folgenden fünf Jahren wurden zudem die kleinen einheimischen Banken, die bis dahin öffentliches Eigentum waren und im wesentlichen nur den Binnenmarkt versorgten, privatisiert. Entsprachen ihre Aktivitäten im Jahr 2000 noch ziemlich genau der Summe des damaligen isländischen Bruttoinlandsprodukts (BIP), waren sie 2008 auf das Zehnfache gewachsen.

Dazwischen lag eine Finanzrallye mit wilden Kreditaufnahmen, fetten Zinszahlungen an die AnlegerInnen und abenteuerlichen Investitionsgeschäften. Eine Spezialität waren die sogenannten Carry Trades: Geld wird in niedrig verzinsten Währungen aufgenommen und in besser rentablen Anleihen angelegt. Mit den Gewinnen aus diesen Geschäften gingen die Banken dann auf internationale Einkaufstour: Firmen kaufen, diese zerlegen, die Teile verkaufen, Gewinn kassieren, neue Firmen kaufen.

Kaupthing - allein diese Bank verfügte über das sechsfache Volumen des isländischen BIP - erwarb die britische Investmentbank Singer & Friedländer. Glitnir stieg bei der norwegischen BN-Bank und der finnischen Elisa ein, Landsbanki bei der britischen Teather & Greenwood. Die grössten Warenhäuser Dänemarks, das nobelste Hotel Kopenhagens, britische Investmentbanken, Immobilien und Modeketten, Medienhäuser - nichts war zu gross für die «Finanz-Wikinger» von der Insel mit ihren 320 000 EinwohnerInnen. Eine massiv überbewertete einheimische Währung half bei der Einkaufstour. Die stabile Wirtschaft - nahezu ohne Arbeitslosigkeit - diente als vermeintliche Sicherheit für dieses finanzielle Kartenhaus - wie auch ein kompliziertes Banken- und Gesellschaftsnetzwerk, innerhalb dessen sich Kapital auf wundersame Art und Weise vermehren konnte.

Das Schneeballsystem

«Eine fast kriminelle Form gegenseitiger Verflechtungen», nennt das Snjolfur Olafsson, Wirtschaftsprofessor an der Universität Reykjavik: Es handelt sich dabei um eine Art von Insiderhandel, bei dem die gleichen EigentümerInnen verschiedene Firmen und Scheinfirmen kontrollierten, die sich gegenseitig Kredite gewährten.

Dies führte zu einer künstlichen Aufblähung des finanziellen Sektors. Das Schneeballsystem wurde durch scheinbar unerschöpfliche internationale Fremdkredite und unübersichtliche Kapitalzuflüsse in Gang gehalten. Dabei war auffallend viel Kapital aus Russland mit im Spiel, so dass Gerüchte auftauchten, die russische Mafia wasche ihr Geld in Island. Fragen wurden keine gestellt.

Es gibt Verantwortliche dafür, dass die Banken so schnell und praktisch unkontrolliert wachsen konnten. Weder verfügte die isländische Zentralbank über eine ausreichende Währungsreserve, noch hatte die Politik eine funktionierende Bankenaufsicht, um diesen Boom auch nur annähernd kontrollieren zu können. Doch das wäre wohl zu viel verlangt gewesen angesichts der Umstände dieser Bankenprivatisierung. Thorvaldur Gylfason, Wirtschaftsprofessor an der Universität Reykjavik, scheut sich dabei nicht, eine Parallele zur Selbstbereicherung russischer Oligarchen beim Ausverkauf der russischen Bodenschätze in den neunziger Jahren zu ziehen: «Island ist Russland geworden», warnte er schon vor dem grossen Crash. Die isländischen Banken seien zu Ausverkaufspreisen an Personen mit engen persönlichen Beziehungen zu den Regierungsparteien gegangen. PolitikerInnen wurden im Gegenzug mit Posten in den Aufsichtsgremien der Banken «belohnt». Eine Machtsymbiose mit doppelten Lo-yalitäten, bei der «viele sehr, sehr reich wurden», sagt Gylfason, der schon lange den Finger auf diese Wunde gelegt und sich deshalb bei den MachthaberInnen unbeliebt gemacht hatte.

Der Staat ging mit unverantwortlicher Schuldenpolitik voran. Den Privathaushalten wurden von den Banken grosszügig Kredite von hundert Prozent des Kaufpreises für Immobilien oder teure Geländewagen gewährt. Und das Ganze wegen der hohen isländischen Inflationsrate vor allem in Dollar, Euro oder Schweizer Franken. Das funktionierte so lange gut, wie die isländische Krone nicht allzu sehr in Turbulenzen geriet.

Schimpfen übers Ausland

Doch die Warnzeichen waren bereits seit 2006 unübersehbar. Im vergangenen Herbst ging dann der Börsenboom in Reykjavik endgültig zu Ende und in der Folge platzte auch die Immobilienblase. Doch viele der verantwortlichen PolitikerInnen waren viel zu sehr selber in die Geschäfte verwickelt, als dass von ihnen neutrale Analysen oder gar Selbstkritik zu erwarten gewesen wären. Sie hatten alle Warnungen in den Wind geschlagen.

Als gleich in der ersten Phase der internationalen Finanzkrise die schwächsten Glieder der Kette brachen - darunter viele isländische Kredite -, war es einfacher, über das Ausland zu schimpfen und, wie beispielsweise der isländische Zentralbankchef David Oddsson, die Verantwortung für das Malheur auf «skrupellose Händler», Profitgeier und auf Hedgefonds zu schieben. Doch die angeblichen Lügen über die Situation des isländischen Finanzwesens waren keine: Es gab tatsächlich Hedgefonds - vor allem die der eigenen Banken -, die noch im Niedergang gegen die heimische Währung spekuliert hatten. Mit dem sinkenden Kronenkurs hatten sie Geld gescheffelt - und sich damit letztendlich ihr eigenes Grab geschaufelt.