Nr. 44/2008 vom 30.10.2008

Die Utopie der Entschleunigung

Wachsende Mobilität und zunehmender Ressourcenverbrauch sind wesentliche Merkmale des fossilen Kapitalismus. Doch der stösst allmählich an Grenzen.

Von Elvira Wiegers

Verkehr und Geschwindigkeit führen zu einem Verlust an Bodenhaftung - und zwar in umfassenden Sinn. Denn mit dem Tempowahn zerstören wir Nähe, Klima und Zukunft. Der das schreibt, weiss, wovon er redet: Seit mehr als einem Vierteljahrhundert befasst sich der deutsche Autor Winfried Wolf mit dem Thema Verkehr in all seinen Facetten. Sein fundiertes Wissen beschränkt sich nicht nur auf die Theorie, er kämpfte auch als Abgeordneter der Linken im Bundestag für ein Umdenken - weg vom Autowahn hin zu intelligenteren Transport- und Fortbewegungsmöglichkeiten.

Der «Spiegel» bezeichnete bereits sein erstes Werk «Eisenbahn und Autowahn» vor mehr als zwanzig Jahren als Standardwerk. Das ist auch Wolfs neuestes Buch. Er nimmt die LeserInnen mit auf eine lange Reise durch 350 Jahre Verkehrs-, Umwelt- und Globalisierungsgeschichte.

Diese Zeit ist laut Wolf von vier grossen Transportrevolutionen gekennzeichnet: Sie beginnt mit den ersten Kanalsystemen in Europa und Nordamerika und mit dem Aufkommen der Binnen- und Seeschifffahrt. Das ist auch die Geburtsstunde der Globalisierung. Die Entwicklung der Eisenbahn im 19. Jahrhundert leitet eine neue Epoche ein - die des Übergangs von der Nutzung menschlicher und tierischer Kraft und derjenigen des Windes hin zur Kohle als Rohstoff für den Antrieb.

Der Bau der Kanal- und Eisenbahnsysteme hatte auch die ersten massiven Eingriffe in die Natur zur Folge. Zudem dienten die Eisenbahnnetze auch der Militärpolitik - sie erleichterten die Führung von Kriegen. Vor allem aber, so Winfried Wolf, «waren diese gewaltigen Bauwerke mit einer Art Lohnarbeit verbunden, die an Fron- und Sklavenarbeit erinnert». Die dritte Revolution kam schliesslich Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem Auto, gefolgt vom nächsten grossen Wandel, dem Aufkommen der Luftfahrt und - seit Ende des 20. Jahrhunderts - der Billigfliegerei.

Neokoloniale Autoindustrie

Es ist das grosse Verdienst des Autors, den LeserInnen nicht nur detaillierte Informationen zu bieten, sondern ihnen auch grössere Zusammenhänge zu erschliessen. Wie etwa, dass der Aufstieg von Auto und Flugzeug zum Massenverkehrsmittel weitgehend parallel zum Aufstieg der USA als führende Wirtschafts- und Militärmacht erfolgte. Oder dass die Gruppe der 500 grössten Unternehmen der Welt durch Firmen der Öl-, Auto- und Flugzeugbranche dominiert wird. Die gegenwärtige Struktur der weltweiten Automotorisierung hat laut Wolf neokolonialen Charakter: «Von den 2005 weltweit registrierten 640 Millionen PKWs konzentrierten sich gut siebzig Prozent auf die Regionen Nordamerika, Europa, Japan, Neuseeland und Australien, in denen nur siebzehn Prozent aller Menschen leben.» Und die Hälfte der weltweiten Verkehrsleistung im Flugverkehr entfalle allein auf den Binnenflugverkehr innerhalb der USA. China oder Indien als die Länder hinzustellen, die das Weltklima bedrohen, sei grotesk angesichts der Tatsache, dass deren Motorisierung dem westlichen Modell folge und durch europäische, US-amerikanische und japanische Autokonzerne vorangetrieben werde.

Die Allgemeinheit zahlt

«Erst wenn dieser stofflichen Seite der Kapitalkonzentration Rechnung getragen wird, können die Grundlagen der tiefen ökologischen Krise und die drohenden zukünftigen ökonomischen und militärischen Erschütterungen des ‹fossilen Kapitalismus› verstanden werden», schreibt Wolf. Die Darstellung dieser Dimension des fossilen Kapitalismus ist dem Autor gut gelungen.

Wer über Verkehr redet, darf dessen Folgen nicht ignorieren. Denn die gewaltige Steigerung des Transports von Menschen und Gütern ist mit hohen Kosten verbunden, die nicht in den Transportpreisen enthalten sind. Dabei muss man unterscheiden zwischen den materiell bezifferbaren Kosten und den so genannten externen Kosten wie Umweltbelastung, Lärm, Gesundheitsschäden. Diese externen Kosten tragen nicht die VerursacherInnen; sie werden auf die Allgemeinheit abgewälzt. Ebenso verheerend ist die Subventionierung von Verkehrsmitteln wie Auto und Flugzeug - durch deren Förderung werden Preise bewusst verfälscht und künstlich tief gehalten. Wolf: «Die vorherrschende Verkehrspolitik ist Krieg gegen die Menschen sowie Krieg gegen Natur und Klima.» Mehr zurückgelegte Kilometer seien nicht mit einer höheren Mobilität gleichzusetzen, ebenso wenig wie die ständig wachsende Zahl von Transportkilometern im Güterverkehr nicht zu einem Zuwachs an Wohlstand führe.

Winfried Wolf kritisiert nicht nur das vorherrschende System, er liefert auch konkrete Alternativen und unbequeme Antworten. So muss etwa eine radikal neue Verkehrs- und Raumordnungspolitik die Verkehrsvermeidung zum Ziel haben und damit auch den Verzicht auf Geschwindigkeit und neue Strassen. Wolf plädiert für autofreie Städte und mehr Fortbewegung aus eigener Kraft. Auf die Behauptung, ein solches Modell sei nicht realistisch, erwidert Wolf: «Völlig unrealistisch und irrational ist die Politik des ‹Weiter so›.»

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