Nr. 44/2008 vom 30.10.2008

Gegen die Flut

Von Florian Vetsch

Der 1964 in einem kurdischen Dorf in Mittelanatolien geborene Yusuf Yesilöz floh 1987 in die Schweiz. Heute lebt er mit seiner Familie in Winterthur, wo er 2007 den Preis der Kulturstiftung Winterthur für sein Werk erhielt, das aus Romanen, Erzählungen und Dokumentarfilmen besteht. In seinem neuen Roman «Gegen die Flut» erzählt er die Geschichte des kurdischen Sängers Alan, der sich von seiner Schweizer Gattin Dagmar, mit der er eine Tochter und einen Adoptivsohn hat, trennen muss. So sehr Yesilöz die aufeinanderprallenden Welten ausleuchtet, geht es ihm zugleich um die Darstellung allgemein menschlicher Probleme. Aus der Eifersucht entspringt das Übel, das zum Zerreissen der vierköpfigen Familie führt: Alan kann es nicht verwinden, dass ihn seine Frau betrogen hat. Seine Reaktion - er zieht aus - fällt so entschieden aus, dass Dagmar die Trennung unwiderruflich einleitet.

Yesilöz schildert die Wechselbäder der Gefühle so realistisch, dass auch LeserInnen, die nichts Vergleichbares erlebt haben, einen tiefen Einblick in den Trennungsprozess einer sich auflösenden Familie bekommen, und zwar gerade weil der Autor auf Schuldzuweisungen verzichtet. Neben diesen psychologischen Feldern beschreitet Yesilöz kenntnisreich die interkulturellen. Auch, was Alans Beruf angeht: «Hätte Alans Grossmutter, die ihm als Kind das Singen beigebracht hatte, davon erfahren, dass von ihm verlangt wurde, für das Label in einer festgelegten Zeitspanne zu singen, wäre sie in ihrem Grab aufgestanden, hätte die Welt nicht mehr verstanden und ihre Geschichten und Lieder, die sie ihm geschenkt hatte, zurückverlangt.»

Gegen die festgefahrenen Verhaltens- und Wertsysteme kämpft Alan oft verzweifelt an. Der Trost, den ihm eine flüchtige Liebesbeziehung verschafft, hält nicht an. Als stärker erweist sich der Mut zur Selbstkonfrontation, die Auseinandersetzung mit seiner ersten Ehe in der Türkei, aus der eine Tochter hervorgegangen ist. In den Kindern leuchtet ganz am Schluss des sorgfältig und bilderstark erzählten Romans ein Silberstreifen am Horizont auf.

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