Nr. 45/2008 vom 06.11.2008

Als der letzte Dichter abging

In seinen bisherigen Romanen beschäftigte sich Franco Supino vor allem mit Fragen der kulturellen Identität. Nun hat er die Lebensgeschichte des Dramatikers Cäsar von Arx verarbeitet. Ein literarisches Stück Schweizergeschichte.

Von Johanna Lier

Der junge Dramatiker aus der Schweiz schlendert durch die Strassen von Leipzig. Durch das Schaufenster einer Lederwarenhandlung beobachtet er begierig die Verkäuferin und die Kundin. Beide Frauen sind blond und verführerisch, Phantasmagorien einer glänzenden Zukunft, die vor den Füssen des jungen Mannes liegt, dessen erstes Theaterstück soeben vom Theater Leipzig angenommen worden ist.

Die Verkäuferin jedoch erkennt auf den ersten Blick den armen Schlucker in ihm und bietet ihm den billigsten Koffer an, den aus grünem Stoff, ein Angebot, das er wohl oder übel annehmen muss. Jahrzehnte später packt die Tochter des Dramatikers denselben Koffer, um nach Paris in eine ruhmreiche Zukunft als Künstlerin aufzubrechen.

Franco Supino, 1965 in Solothurn geboren, hat in seinen bisherigen Romanen - einer Trilogie mit den Titeln «Ciao Amore, ciao», «Musica leggera» und «Die Schöne der Welt oder der Weg zurück» - die Frage nach der kulturellen Identität gestellt und das Ringen um die eigenen Wurzeln beschrieben. Nun wendet er sich in «Das andere Leben» einem lokalen Thema zu. Vorlage ist die Geschichte des Schweizer Dramatikers Cäsar von Arx, der, 1895 in Basel geboren, 1949 in Niedererlinsbach freiwillig aus dem Leben geschieden ist.

Max Frisch als Bedrohung

Vater und Tochter sitzen in der Küche, essen die aufgewärmte Suppe, etwas Salat, Käse und schrumplige Winteräpfel und warten darauf, dass die Mutter stirbt. Sie, die sich zeitlebens für ihren Ehemann aufgeopfert und ihn in seinem Kampf gegen die politische Unbill und die ignorante Literaturszene unterstützt hat, liegt im Spital und dämmert - wenn sie aufwacht, dann nur, um in Wutanfälle auszubrechen oder ihren eigenen Kot zu erbrechen. So kaputt sind die Eingeweide, die ein Leben lang geschluckt haben. Und so findet die Tochter in den Tagebucheintragungen der Mutter auch nur dokumentierte Klagen des Vaters und eine einzige Frage: «Warum tut er es denn?»

Als junge, selbstbewusste Frau hatte die Mutter am Totenbett eines unbekannten Dichters zum ersten Mal den Kopf an die Brust des jungen, aufstrebenden Dramatikers gelegt. Dabei erhielt sie bereits eine Vorahnung ihres eigenen Schicksals als Ehefrau eines gescheiterten Künstlers - und damit auch ihres eigenen Verstummens. Der unbekannte Dichter hinterliess einen kurzen Brief: «Herr Amtsarzt, schreiben Sie auf den Totenschein: An chronischem Versagen gestorben.»

Doch dauert es Tage, bis die Mutter endlich sterben darf. Die Tochter kümmert sich um den Vater und lauscht unter dem halb verkümmerten Kirschbaum seinen Erzählungen. Er, der vor dem Krieg internationale Erfolge als Dramatiker gefeiert hatte und dann aufgrund seiner antifaschistischen Haltung ins Zentrum einer öffentlichen Kontroverse geriet, bezeichnet sich selbst als «letzten Dichter der Schweiz».

Das Historische und das Schweizerische ist das Zentrum seiner Arbeit. Starrsinnig wehrt er sich gegen die neue Zeit, und obwohl er Max Frisch um seinen Stil beneidet - so schlicht und ruhig und tief -, ist er sich nicht zu schade, gegen die neue Generation der AutorInnen ins Feld zu ziehen.

Einst gefeiert und gerühmt, wird er von der Politik ins Abseits gedrängt, von der Zeit sitzen gelassen, muss seinen Lebensunterhalt mit patriotischen Festspielen bestreiten und im Kampf mit Politikern um die richtigen Worte ringen.

Sein letztes Drama

Franco Supino hat ein berührendes Künstlerporträt geschrieben. Die packende Geschichte einer aussergewöhnlichen Vater-Tochter-Beziehung. Angesichts des Verlusts seiner geliebten Frau inszeniert der Vater im letzten Drama seines Lebens den eigenen Tod als aufopfernde Tat eines scheiternden Helden. Die Tochter trifft eine schicksalhafte Entscheidung, stösst den grünen Koffer unter das Bett, verschiebt die Reise nach Paris und assistiert dem Vater bei seinem letzten, grossen Auftritt.

Das Buch ist nicht zuletzt auch ein Stück Schweizergeschichte, das die Beziehung einer kleinen Nation zu ihren KünstlerInnen reflektiert. Und so bleibt dem alten Dichter das Wort im Halse stecken: «Man hätte mich zu Tode schlagen müssen wie einen räudigen Hund, gleich als ich auf die Welt kam.»

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