Nr. 45/2008 vom 06.11.2008

Nach dem Krach

Trotz kleiner Erdbeben scheint das aufstrebende Brasilien bisher wenig von der internationalen Finanzkrise zu spüren. Wie lange noch?

Von Michael R. Krätke

Die USA stecken schon in einer Rezession, die EU-Länder rutschen in voller Fahrt hinein. Nun sollen doch bitte die neuen Industrieländer Asiens, Osteuropas und Lateinamerikas, die sogenannten BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China), die Weltökonomie vor dem endgültigen Absturz retten. Schliesslich brauchen sie uns als Absatzmärkte für ihre Exportindustrien - «Interdependenz» nennt man das.

Vor zehn Jahren hatte es Brasilien hart getroffen: Auf die Asienkrise im Jahr 1998 folgte die Russlandkrise, und nur drei Monate später war Brasilien an der Reihe. Das Land stürzte in eine tiefe Finanzkrise. Um einem Zusammenbruch zu entgehen, akzeptierte es einen 43-Milliarden-Dollar-Kredit des Internationalen Währungsfonds (IWF) und weiterer internationaler Geldgeber und unterwarf sich deren Bedingungen. Die damit verbundene knallharte Sparpolitik schädigte die brasilianische Wirtschaft und fesselte den Staat auf Jahre hinaus. Was den internationalen Gläubigern gefiel, gefiel den BrasilianerInnen ganz und gar nicht. Auf der Woge des Protests kam die brasilianische Arbeiterpartei mit dem Gewerkschaftsführer Luiz Inacio «Lula» da Silva an die Macht, 2003 wurde Lula Präsident.

Exporte in alle Welt

Heute sieht alles anders aus. Denn die neue Regierung hat es gegen viele Widerstände geschafft, die horrenden Auslandsschulden Brasiliens binnen weniger Jahre abzuzahlen. Brasilien gehört seit diesem Jahr zu den Nettogläubigern. Die Schuldnerländer, allen voran die USA, sitzen im reichen Norden. Die Finanzkrise, die von dort aus über die ganze Welt rollt, kann immensen Schaden anrichten. Auch in einem Land wie Brasilien, das sowohl ein armes Land mit einer äusserst jungen Bevölkerung (über siebzig Prozent sind unter 25 Jahre alt) als auch ein superreiches Land mit grossen Bodenschätzen ist, inklusive Erdöl vor der Küste, Uran und Eisenerzen. Hinzu kommt eine florierende Landwirtschaft. Als eines der grössten und produktivsten Agrarländer hat Brasilien inzwischen den USA den Rang als weltweit führender Exporteur von Agrarprodukten abgelaufen. Brasilien ist der weltweit wichtigste Produzent und Exporteur von Kaffee, Zucker, Soja, Rindfleisch, Orangensaft und Agrosprit. Aber es ist auch ein aufstrebendes Industrieland. Es exportiert Autos, Autoteile, aber auch Haushaltsgüter. Fast die Hälfte seiner rasch wachsenden Exporte entfällt heute auf Produkte der eigenen Industrie.

Brasilien exportiert in alle Welt - nach Lateinamerika natürlich, aber in der Hauptsache nach Europa und Asien. Vom Rohstoffboom der vergangenen Jahre, von den explodierenden Preisen für Eisenerze und agrarische Rohstoffe hat es enorm profitiert, auch die steigenden Energiepreise haben dem Land genützt. Brasiliens Exportüberschüsse haben sich in den letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt. So konnte die brasilianische Nationalbank Devisenüberschüsse in Höhe von rund 210 Milliarden US-Dollar anhäufen.

Die brasilianischen Banken konzentrieren sich auf den Binnenmarkt und haben wegen der hohen Realzinse (um die vierzehn Prozent bei einer Inflationsrate von rund sechs Prozent) prächtig verdient. Ihre Auslandsschulden sind gering, auf windige Spekulationsgeschäfte haben sie sich kaum eingelassen, weder die privaten noch die fast ebenso starken öffentlichen Institute. Brasiliens Banken haben mit durchschnittlich rund 25 Prozent die höchste Eigenkapitalrendite weltweit. Das Land hat die Lektion seiner eigenen Bankenkrise Mitte der neunziger Jahre gelernt. Heute gehört das gemischte Bankensystem zu den am stärksten regulierten und kontrollierten der Welt. Nur etwa dreissig Prozent der brasilianischen Privatbanken gehören ausländischen AktionärInnen - in Mexiko zum Beispiel sind es achtzig Prozent.

Steigende Importpreise

Dennoch bekommt Brasilien inzwischen die Folgen der internationalen Finanzkrise zu spüren. Vor allem durch den Zusammenbruch der künstlich überhöhten Rohstoffpreise, die wegen internationaler Spekulationen auf den Warenterminbörsen massiv angestiegen waren. Eine weltwirtschaftliche Depression ungeahnten Ausmasses vor Augen, treten die InvestorInnen und ProduzentInnen überall auf die Bremse, die Rohstoffpreise stürzen ab. Das trifft zunächst die Firmen, die mit Rohstoffgewinnung und -handel zu tun haben. In Brasilien sind das die grössten und umsatzstärksten unter den börsennotierten Unternehmen. Daher brach am 29. September die Börse in São Paulo ein, immerhin die grösste Börse Lateinamerikas und - seit der Fusion der Bovespa (Bolsa de Valores de São Paulo) mit der Terminbörse BM&F - die drittgrösste Börse der Welt. Wenn es in São Paulo rumpelt, kracht es an allen lateinamerikanischen Börsen. Und diesmal krachte es gehörig, der Bovespa Börsenindex sackte in weniger als zwei Stunden um mehr als zehn Prozent ab, der Börsenhandel wurde ausgesetzt. Seit Anfang Oktober hat sich das Szenario wiederholt. In nur zwei Wochen musste der Handel fünfmal ausgesetzt werden - mal kürzer, mal länger. Zuletzt geschah dies am 16. Oktober, nachdem die Aktienkurse der brasilianischen Unternehmen (ausländische Aktien werden dort nicht gehandelt) einbrachen und die Bovespa 11,4 Prozent ins Minus rissen. Der brasilianische Real hat in den letzten Monaten gegenüber dem Dollar um fast ein Drittel verloren. Das behindert den Export allerdings kaum und kann die brasilianischen Banken wegen ihrer geringfügigen Verbindlichkeiten dem Ausland gegenüber kaum stören. Aber die Preise für Importwaren sind erheblich gestiegen - um 20 bis 25 Prozent. Das beunruhigt vor allem die rasch wachsende städtische Mittelklasse.

Der Süden zahlt

Wie stark die Krise Brasilien treffen wird, hängt von der Welthandelskonjunktur ab. Je nachdem verschieden wären auch die Folgen für Europa. Brasilien ist der mit Abstand wichtigste Handelspartner für die deutsche Industrie in Lateinamerika. Noch im ersten Halbjahr 2008 sind die deutschen Exporte (Maschinen, Kraftfahrzeuge, Autoteile) nach Brasilien im Vergleich zum Vorjahr um fast 29 Prozent gestiegen. Höhere Wachstumsraten hatte kein anderes der BRIC-Länder im Aussenhandel mit den entwickelten Industrieländern zu verzeichnen. Wenn der brasilianische Import schrumpft, weil der Real an Wert verliert und weil der weltweite Rohstoffboom vorbei ist, trifft das auch das Exportland Deutschland. Zudem: Ausländische AnlegerInnen verkaufen brasilianische Papiere, um an frisches Geld zu kommen, das drückt den Kurs des Real gegenüber dem Dollar weiter hinunter.

Brasiliens Präsident Lula hat kritisiert, dass der globale Süden den Preis für die unverantwortlichen Finanzabenteuer der Wall Street und des internationalen Spekulationskapitals zu zahlen haben wird. Im Moment sieht es so aus, als hätte Brasilien seine Wirtschaft so gut immunisiert, dass ihr die internationale Finanzmarktkrise direkt nicht viel anhaben kann. Auf die Dauer, wenn es zu einer Weltwirtschaftskrise kommt und der Boom der neuen Industrieländer abbricht, wird sie der Krise aber nicht entgehen können.

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