Nr. 45/2008 vom 06.11.2008

Kein Aufruhr in der Leichenhalle

Der spanische Autor Rafael Chirbes bringt einen düsteren Pessimismus in Romanform. Beschrieben wird das Verschwinden von politischen Einsichten, moralischen Haltungen und gesellschaftlichen Entwürfen.

Von Erich Hackl

Es war zu erwarten, dass der neue Roman von Rafael Chirbes dort einsetzt, wo der vorige geendet hat. So hat er es schon bisher gehalten: Auf den «Langen Marsch», über die Jahre von 1939 bis 1968, folgte mit dem «Fall von Madrid» eine bittere Würdigung des antifranquistischen Widerstands rund um Francos Todestag im November 1975, ehe er im letzten Roman «Alte Freunde» die GenossInnen in einem Restaurant zusammenführte mit dem Ziel, den Verlust ihrer Illusionen und den Verrat ihrer Ideale 25 Jahre später darzustellen.

Auch der Titel nährt die Vermutung, dass Chirbes sich näher an die Erzählzeit herangeschrieben und zugleich dem Altern seiner Generation Rechnung getragen hat - jedenfalls ist das Krematorium der Ort, an dem früher oder später alle «alten Freunde» landen, die bereits im gleichnamigen Roman nicht mehr vollzählig zum Jubiläumstreffen erschienen waren - verschollen die eine, tot die andere, todkrank der dritte.

Geistiger Stillstand

Mit dem Anblick eines eben Verstorbenen, ausgestreckt in der Leichenkammer, setzt der neue Roman ein. Allerdings geht es nicht so sehr um den Toten, sondern um das Verschwinden von politischen Einsichten, moralischen Haltungen, gesellschaftlichen Entwürfen. Die ProtagonistInnen leben am Mittelmeer, irgendwo zwischen Alicante und Valencia, und sind einander durch Freundschaft, Verwandtschaft oder Geschäftemacherei verbunden: der skrupellose Bauunternehmer Rubén Bertomeu, sein ehemaliger Mann fürs Grobe, seine schicke Zweitfrau, seine kunstsinnige Tochter und deren Mann, ein bedächtiger Literaturprofessor, der ein Buch über den alkoholkranken Schriftsteller Federico Brouard schreiben will. Brouard war mit Rubéns Bruder Matías befreundet, dessen Tod ihre Gedanken und Erinnerungen in Gang setzt - mal folgt man dem inneren Monolog des einen, dann der erlebten Rede der andern. Erzählt wird wie in einem Reigen, aus der jeweiligen Perspektive der Personen, aber ohne dass diese sich veränderten oder auch nur eine Einsicht gewännen - bezeichnend, dass Rubén nach 400 Seiten fast dieselben Worte findet, mit denen sein Wortschwall begonnen hatte: «Und auch du, Matías, bist jetzt eine Installation eines Museums der Moderne, so wie du da liegst, auf einem Laken, einer Metallplatte oder auf Marmor.»

Die gleiche Erzählstruktur hatte Chirbes schon für «Alte Freunde» gewählt. Auch der Tonfall ist identisch, die Vehemenz, mit der alles gesagt wird, die verbale Inkontinenz, geschuldet dem assoziativen Charakter dieser Prosa, ebenso ihrer Realitätsnähe, denn zur Rastlosigkeit und Euphorie des schnellen Geldes im spanischen Bauwesen gehörte unablässiges Stimmengewirr, das sich gegen Presslufthämmer, laute Musik und Verkehrslärm behaupten will. Und noch etwas verbindet beide Bücher - die Mischung aus Sensibilität und Gewissenlosigkeit ihrer HeldInnen; Rubén Bertomeu als zentrale Gestalt in «Krematorium» vereint beide Eigenschaften, dazu kommt noch die Schärfe, mit der er sich selbst und alle anderen paralysiert. Von Haus aus ein Linker, engagiert und gebildet, hat Rubén dem individuellen Fortkommen sein Talent geopfert. Jetzt ist er auf dem Höhepunkt des Erfolgs, muss sich aber eingestehen, dass sein toter Bruder als Gescheiterter - weil er nicht bedacht hatte, «dass die Demokratie mit der Politik aufräumt» - paradoxerweise gewonnen hat: «Da kann man schuften, kämpfen, eine Position erringen, Geld verdienen, endlich von keinem abhängig sein, und dennoch steht man nicht auf der richtigen Seite, ist in die falsche Richtung gewachsen.» Mit ein paar Millionen auf der hohen Kante lässt sich eben gut lamentieren.

Mich wundert, dass Chirbes gerade mit diesem Roman in Spanien die Anerkennung gefunden hat, die seinen früheren Büchern versagt geblieben ist: Wenn man von «Alte Freunde» absieht, loderte in ihnen bei aller Schwarzseherei immer auch das Feuer des Aufruhrs. «Krematorium» dagegen ist von einem Pessimismus getränkt, der schon reaktionär wirkt. Wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse derart ausweglos sind, wie er sie darstellt, und die Eigenschaften derer, die gegen sie angehen könnten, denen seiner ProtagonistInnen gleichen, erübrigt sich jeder Gedanke an Widerstand und Zusammenschluss.

Vom Ende einer Ära

Aber vielleicht ist die positive Aufnahme dieses tiefschwarzen Romans dem späten Erschrecken in Spanien über die Zerstörung der Küste, der Landschaft, der Natur, also auch der Geschichte geschuldet. «Krematorium» wurde gewürdigt als Chronik der Bestechung, der gelegten Waldbrände, der wundersamen Vermehrung von Bauland. Aber gerade darüber erfahren wir wenig. Tatsächlich geht es um was anderes, um Verzweiflung und wie sie sich literarisch niederschlägt: nicht um eine private, begrenzte Tragödie, sondern um die gesellschaftliche Hoffnungslosigkeit des Verfassers. Seltsam, der abgrundtiefe Pessimismus eines Autors, der unlängst das «Kommunistische Manifest», noch vor Romanen von Marcel Proust und Hermann Broch, als wichtigste Lektüre bezeichnet hat.

In einem Interview mit dem baskischen Journalisten Aritz Galarraga hat sich Chirbes vor kurzem zu seinem Pessimismus bekannt: «Ehrlich gesagt kommt mir das alles wie das Ende einer Ära vor. Es endet der Zyklus, der mit der Aufklärung begonnen hat. Der Triumph der Unvernunft und des Individualismus ist so eindeutig wie der von Scipio Africanus in Karthago, und nach dem Triumph ist auf die Felder Salz gestreut worden, damit nichts Neues mehr wachsen kann. Von jenen Idealen des 20. Jahrhunderts sind nicht einmal mehr die Worte geblieben: Klassenkampf, Proletariat und Revolution wirken bereits wie Begriffe aus der Urgeschichte (...) Jetzt wissen wir nicht, was unser Unbehagen eigentlich ausmacht, und wissen deshalb auch nicht, wie wir es nennen sollen. Wir sehen Unrecht, aber niemand scheint daran schuld zu sein. Wer sich ausgebeutet fühlt, wird als unangepasst bezeichnet, oder man spricht von Mobbing. Statt auf die Barrikaden oder zu einer Zellensitzung gehen wir jetzt zum Psychologen.»

Galarragas Einschätzung, dass alle Figuren schlecht wegkommen, beantwortet Chirbes mit einem Zitat aus Paulus’ Brief an die Römer, das er dem Roman vorangestellt hat: «Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber.» Und fügt hinzu, dass ein Leben ohne kollektive Projekte keinen Sinn hat. Einverstanden. Nur liest er sich halt mühsam, der Roman, weil darin alle nur sich selber leben.

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